Goji-Beere, Maca-Wurzel und Chia-Samen: Im Reformhaus gibt es Superfoods schon lange, jetzt haben einige Start-ups den Trend für sich entdeckt.

Von Louisa Riepe

Es gibt Worte, die stehen heute im Duden obwohl sie vor 20 Jahren noch niemand kannte. „Smartphone“ war so eins. Geht es nach Nicolaus Müller, könnte „Superfood“ das nächste sein. Der Gründer stellt aus pflanzlichen Zutaten Getränkepulver her. Eingerührt in einen Smoothie, im Müsli oder mit Wasser sollen sie Energie liefern und Stress regulieren, den Körper entgiften oder das Immunsystem stärken.

Eine große Wirkung für ein bisschen Pulver, aber Nicolaus Müller verarbeitet nicht irgendwelche Zutaten, sondern „Superfoods“. Der Begriff meint Pflanzen oder Früchte mit einem besonders hohen Gehalt an Nährstoffen, wie Vitaminen, Mineralstoffen oder Aminosäuren. Superfoods sind meist getrocknet, im besten Fall unverarbeitet und haben Bio-Qualität, wenn möglich stammen sie aus Wildwuchs. Ein Beispiel: Moringa, ein Baum aus Indien. Seine Blätter werden getrocknet und gemahlen. Das Pulver „hilft bei der Entgiftung der Leber und kurbelt den Stoffwechsel an“, sagt Müller.

Aus Moringa, Weizen- und Gerstengras sowie den Algen Spirulina und Chlorella stellt Müller seinen „Green Detox“ Mix her – ein feines, grünes Pulver, das sich leicht in Flüssigkeiten auflöst und nach dem Trinken ein leicht kratziges Gefühl im Hals zurücklässt. Dafür enthält es hochkonzentrierte Vitamine und Mineralstoffe: „Man müsste ein Vielfaches an frischen Zutaten konsumieren, um die selben Nährwerte zu erreichen“, sagt Müller.

Seit April ist „Greenic“ ist in 350 Bioläden in ganz Deutschland erhältlich. Die Produktpalette umfasst noch vier weitere Mischungen mit Namen wie „Energy“ oder „Protect“. Jede deckt einen anderen Kundenbedarf ab, denn jeder kann eine Extraportion Nährstoffe gebrauchen, da ist sich Müller sicher: „Viele Gemüse- und Obstsorten sind heute weniger nährstoffreich als noch vor 80 Jahren.“ Die Folge sei eine Unterversorgung an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen.

Angela Clausen von der Verbraucherzentrale NRW will dieses Argument nicht gelten lassen: „Diese Aussage ist definitiv falsch!“ Berufen kann sie sich dabei auf das deutsche Nahrungsergänzungsmittelverordnung. Darin wird ausdrücklich verboten, mit der Behauptung, „dass bei einer ausgewogenen, abwechslungsreichen Ernährung im Allgemeinen die Zufuhr angemessener Nährstoffmengen nicht möglich sei“, zu werben.

Welche Gesundheits-Versprechen Lebensmittelhersteller machen dürfen hat die europäische Union genau geregelt: Nur solche, die auch wissenschaftlich fundiert sind. Über alle erlaubten „Health Claims“ führt die EU ein Register, dass sich online abrufen lässt. Demnach werden beispielsweise aktuelle Studien überprüft, wonach „Cranberry-Saft hilft, die Harnwege in einem gesunden Zustand zu halten“. Für andere Superfoods wie Maca, Goji, Acai und Moringa finden sich dagegen keine genehmigten gesundheitsbezogenen Aussagen.

Auch Constantinos Calios weiß, das wissenschaftliche Erkenntnisse über die Wirksamkeit der Superfoods bisher knapp bemessen sind. Trotzdem glaubt er an den gesundheitlichen Nutzen. „Ich bin selbst ein großer Fan“, sagt der 27-jährige Gründer der KoRo-Drogerie. Neben Wasch- und Putzmitteln verkauft er seit einiger Zeit auch Nüsse und Trockenfrüchte: „Superfoods sind ein echter Nischenmarkt, der Preisspielraum ist riesig.“

Damit passen Graviolawürfel, Goji-Beeren und Weizengraspulver perfekt in das Geschäftskonzept der „KoRo-Drogerie“: Calios will höchstmögliche Qualität zu günstigen Preisen anbieten, indem er seine Unternehmenskosten durch Outsourcing begrenzt und an den Verpackungen spart. Ein Kilo getrocknete Cranberries bekommen die Kunden in der KoRo-Drogerie deshalb für 9,90 Euro. „Superfoods sind mittlerweile unser Kernsortiment“, sagt Calios.

Als Hauptzielgruppe hat er „junge, Fitness-begeisterte Menschen“ ausgemacht. Deshalb setzt die KoRo-Drogerie auf die Vermarktung via Youtube. Das Videoportal ist voll mit Testberichten, User wie EatCareLive oder Jilicious Journey finden: „Sehr, sehr lecker!“ und „Bestes Trockenobst!“. „Wir arbeiten aktiv mit einigen Youtubern zusammen“, sagt Calios, denn gerade die jungen Zuschauer würden sich zunehmend bewusster mit einer gesunden Ernährung auseinandersetzen.

Auch Michael Kuech würde in diese Zielgruppe passen – wenn er mit seinem Startup „Your Super Foods“ nicht selbst erfolgreich wäre. Der 27-Jährige kam durch den Leistungssport zu den Superfoods: „Als ehemaliger Tennisspieler war Ernährung für mich schon immer ein großes Thema.“ Eine Ernährungsberaterin riet ihm, Superfoods auszuprobieren: Sie könnten zusätzliches Eiweiß für den Muskelaufbau liefern, das Immunsystem stärken und zu einer schnelleren Regeneration nach dem Training beitragen.

Von der Wirkung war Kuech überzeugt, „aber es war immer kompliziert an die Produkte heranzukommen und die richtige Kombination zu finden.“ Your Super Foods geht deshalb einen Schritt weiter: „Wir kombinieren verschiedene Superfoods, um es den Menschen einfach zu machen, davon zu profitieren.“ Die Kunden können im Webshop zwischen sieben Pulver-Mixturen wählen. Das Sortiment reicht von „Forever Beautiful“ bis „Muscle Power“. Aber Kuech versteht seine Pulver als „ein Rädchen das man drehen kann. Zur Gesundheit gehört natürlich auch Sport und weniger Stress.“

Dieses Verständnis teilt er mit Ernährungsberater Michael Weckerle aus München. Der 41-Jährige war ebenfalls Leistungssportler, sein größter Erfolg die Teilnahme am Ironman in Hawaii. Dabei haben ihm auch die Chia-Samen mit ihrem hohen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren geholfen. Deshalb empfiehlt Weckerle sie heute seine Kunden weiter. Aber er stellt klar: „Die Basis ist immer eine natürliche Ernährung. Superfoods können dazu eine sinnvolle Ergänzung sein.“

In seinen Ernährungsplänen findet sich deshalb fast immer auch Brokkoli: „Der wird völlig unterschätzt. Aber gerade zum Abnehmen ist es ein optimales Lebensmittel.“ Angela Clausen von der Verbraucherzentrale NRW ergänzt: „Wir haben ganz tolle Lebensmittel hier vor Ort. In New York gilt beispielsweise unser Grünkohl als absolutes Superfood.“ Sie wirbt dafür, heimische Produkte zu konsumieren statt exotische Früchte und Samen zu importieren. Die hoch gelobten Chia-Samen hätten beispielsweise in etwa die gleichen Nährwerte wie der heimische Leinsamen. „Da können wir den Lateinamerikanern ihre Chia-Samen auch lassen“, sagt Clausen.

Allerdings findet sie den Begriff „Superfood“ an sich irreführend. „Er suggeriert, dass diese Lebensmittel mehr können als andere – und das stimmt einfach nicht“, sagt Clausen. Sogenannte Superfoods hätten zwar mehr von dem ein oder anderen Inhaltsstoff. „Aber wer sagt, dass es dafür auch einen Bedarf gibt?“ Deutschland sei kein Vitaminmangel-Land. Auch deshalb warnt die Verbraucherzentrale NRW Konsumenten davor, sich von Superfoods Gesundheitswunder zu erwarten: „Die Leute bewegen sich zu wenig, sie ernähren sich schlecht und hoffen, wenn sie ein Superfood-Pulver darauf streuen wird alles gut.“

Die Gründer versuchen auf diese Kritik einzugehen. Your Super Foods spendet in Zusammenarbeit mit der Aktion gegen Hunger für jeden verkauften Mix einen Energieriegel an mangelernährte Kinder. Die KoRo-Drogerie behilft sich in ihrer Werbung mit Sätzen wie: „Gerstengras kann das Risiko für Infektionen, Entzündungen und Krebs senken.“ Und Nicolaus Müller von Greenic entgegnet Kritikern, dass sich manches eben nicht wissenschaftlich nachweisen lässt. „Ich überlasse das Urteil meinen Kunden selbst: Wirkt es, oder wirkt es nicht?“