Wenn auf dem Festival der Handyakku leer geht, kann Lisa Wendzich mit ihrem Start-up Suncrafter helfen: Mit Solarkraft lädt sie Smartphones wieder auf. Ein Ortsbesuch.

Von Timo Steppat

Auf Festivals gibt es eigentlich alles. Für ein paar Tage entsteht auf dem platten Land eine kleine Stadt. Mit Sanitäter-Zelt, veganem Döner, Tattoo-Stecher, Weingummi-Stand, Entspannungsecken und Gaming-Zones. Klar, auch Musik und Bier gibt es. Aber eins haben Besucher eigentlich nie: Strom.

Nach spätestens zwei Tagen verabschieden sich die meisten Handys. Manche sehen darin eine digitale Katharsis, eine Befreiung von Mails und Nachrichten. Die meisten aber vermissen Whatsapp, Facebook und Kamera-Funktion.

Deshalb stehen sie in der Schlange vor dem umgebauten Lieferwagen von Lisa Wendzich und warten. Manchmal ziemlich lange. Sie verkauft das knappe Gut, Strom. Den Wartenden ist das was wert: Drei bis vier Euro kostet es, das Handy vollständig aufladen zu lassen. Seit zwei Jahren tourt die 27-jährige Studentin mit ihrem Start-up Suncrafter über Festivals in ganz Deutschland. Auf dem Dach der Fahrzeuge – ein Lieferwagen und ein Anhänger – sind Sonnenkollektoren montiert, die den Strom produzieren.

Geben Festivalgänger ihr Smartphone einfach an Fremde?

Lisa Wendzich ging selbst immer schon gerne auf Festivals, damit beginnt auch die Geschichte ihrer Firmengründung. Unabhängig voneinander waren sie und ihre Schwester auf einem der größten Festivals in Deutschland, dem Hurricane. Sie wollten sich treffen, aber die Handyakkus waren leer. Sie gingen zu Konzerten von Bands, die sie beide mochten, in der Hoffnung, sich dort zu sehen. Aber auch hier trafen sie sich nicht. Festivals sind eben oft groß und unübersichtlich.

Am Ende waren sich beide einig: Hätten wir nur ein Handy gehabt, wir hätten einander gefunden. Lisa Wendzich erzählte ihrem Vater davon, irgendwie müsste man da doch machen. Der Vater ist ein Frickler, einer, der gerne Sachen erfindet. An einem freien Wochenende montiert er Solarpanele auf das Dach eines Anhängers.

„Ich habe zu dem Zeitpunkt noch nicht so ganz daran geglaubt”, sagt Wendzich, sie studiert in Düsseldorf Sozialwissenschaft. Sie hatte Zweifel: Würden die Leute Geld dafür ausgeben, dass ihr Handy geladen wird? Geben sie ausgerechnet das Smartphone an Fremde, das sie sonst streicheln und nah am Körper tragen?

Auf einem kleinen Festival in Westfalen startete Wendzich mit ihrem Vater einen Versuch. Von 1000 Campern lud jeder dritte das Handy an der Solaranlage. Dabei waren die beiden Gründer zu diesem Zeitpunkt gar noch nicht richtig organisiert. Es gab viele Anschlüsse und Kabel, einen Tisch, auf dem die Handys verteilt waren, aber noch kein Rückgabesystem. Trotzdem: Noch im gleichen Jahr fuhren sie auf mehrere andere Festivals.

Aus der Idee entstand ein Unternehmen. Name: Suncrafter. Lisa Wendzich ist für die Organisation und den Auftritt auf Festivals zuständig, ihr Vater für die technische Umsetzung. In diesem Jahr waren sie etwa auf einem Dutzend Festvials vertreten. Im Sommer brummt das Geschäft.

Allerdings ist die Saison kurz. Die Anfragen von Festivalveranstaltern drängen sich auf wenige Wochenenden. In der Zeit von September bis April mieten Privatleute für Hochzeiten und Veranstaltungen gelegentlich den Wagen. Trotzdem ist Lisa Wendzich bewusst, dass ihr grünes Unternehmen vorerst ein Abenteuer für den Sommer bleibt.

„Drei Euro? Ganz schön viel“

Eines der Festivals, das sie ansteuert, ist das „Open Source” in Düsseldorf. Die Musikrichtung – Indie, Alternative – passt schon mal. „Das sind eher Leute, die auf ihr Handy wert legen”, sagt Wendzich. Das Festival dauert nur einen Tag, man könnte meinen, die Akkus seien noch voll.

Aber nicht nur Handys brauchen Strom.

Ein älterer Herr bleibt am Tresen stehen, etwas misstrauisch. Er will Strom für seine Spiegelreflexkamera. „Geht das denn?“, fragt er. Wendzich schaut auf den Anschluss. Mikro-USB. Dafür haben sie viele Kabel. Sie nimmt die Spiegelreflex, legt sie in das Regal und kassiert. Drei Euro. Der Mann grummelt. „Drei Euro? Ganz schön viel.” Die Jungunternehmerin holt aus. Seine Kamera wird mit Sonnenenergie geladen, „Sie können also ein gutes Gewissen haben.” Der Kunde sieht das nicht so recht ein. Wieso soll gerade Sonnenenergie so teuer sein?

Die Technik dahinter ist der Grund für den relativ hohen Preis, sagt Wendzich. Die Panele auf dem Dach und die Stromwandler im Inneren des Wagens kosten.

Für Lieferwagen, Technik und Umbaukosten fällt ein hoher fünfstelliger Betrag an, schätzt Wendzich. Fast jeder verdiente Euro fließt in die Anschaffung neuer Wagen. „Ein Stromkabel zu verlegen, wäre deutlich günstiger“, sagt sie. So macht es der einzige größere Konkurrent, eine Firma aus Dänemark. Suncrafter dagegen kann durch die Solartechnik auch an entlegenen Campingplätzen seine Dienste anbieten. Ein großer Vorteil.

„Passt gut drauf auf“

Die Batterien der Wagen sind vor dem Festival geladen. Wenn die Sonne scheint, reicht der Strom bis tief in die Nacht. Am nächsten Morgen, wenn sich um zehn Uhr wieder die Klappe öffnet, kommen viele der Festivalbesucher gleich als erstes vorbei, noch vor dem Frühstück. Die einen wollen ihr Handy bloß geladen zurück, andere wollen es sicher aufbewahrt wissen, während sie selbst vor den Bühnen sind.

Einer verabschiedet sich, als sein Handy in einer der Ladeboxen verschwindet. „Passt gut drauf auf.“ Nach zwei Stunden kommt er wieder, um sein iPhone zu holen. Er ist aufgedreht, in Festivalstimmung. Dann schaltet er das Handy wieder ein, Mails und Nachrichten ploppen auf. Und schon ist er gedanklich erst mal weg vom Festival.