Einer aktuellen Erhebung zufolge fließt in diesem Jahr erneut eine Rekordsumme in junge Technologieunternehmen – auch dank der guten Fachkräftesituation.

Der Handelskrieg zwischen den USA und China sowie die sich eintrübende Weltkonjunktur hinterlassen tiefe Spuren: Nur knapp schrappt die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr an einer Rezession vorbei. Erstaunlich robust zeigt sich dagegen das Start-up-Ökosystem – zumindest gemessen am investierten Kapital. Sechs Milliarden Dollar (rund 5,4 Milliarden Euro) fließen in diesem Jahr in deutsche Tech-Start-ups – ein Viertel mehr als 2018. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Report „State of European Tech“, den der europäische Risikokapitalgeber Atomico, die finnische Tech-Konferenz Slush sowie die Anwaltskanzlei Orrick herausgeben (hier geht es zum kompletten Bericht).

Der Aufwärtstrend hält demnach auch in anderen europäischen Ländern an. Insgesamt, so die Prognose, werden 2019 auf dem Kontinent 30 Milliarden Dollar investiert nach 25 Milliarden im Vorjahr. Dagegen zeichnet sich Start-up-Investitionen in Asien und die USA, die in absoluten Zahlen noch fast doppelt beziehungsweise 3,4-fach so hoch sind, erstmals seit Jahren ein Rückgang ab. „Die europäische Tech-Szene bleibt ein Lichtblick der Weltwirtschaft“, kommentiert Tom Wehmeier, Autor des Reports und Partner bei Atomico.

Auffällig ist: Der europäische Rekord hängt vor allem damit zusammen, dass es zunehmend zu Finanzierungsrunden mit einem Volumen von mindestens 100 Millionen Dollar kommt. Entsprechend zählte Atomico in Europa mehr als 150 sogenannte Einhörner – also Start-ups, mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar. Einen klaren Aufwärtstrend diesbezüglich hatte im Sommer auch eine Analyse der M&A-Beratung GP Bullhound aufgezeigt.

Frauen sind unterrepräsentiert

Ein Nährboden für den Boom ist nach Einschätzung Wehmeiers der breite Pool an Fachkräften. Im IT-Bereich tut sich den Auswertungen zufolge Deutschland besonders hervor. Demnach sind in der Bundesrepublik mehr als 900.000 professionelle Softwareentwickler ansässig. Und offenbar gelingt es den Start-ups zunehmend auch Fachkräfte aus anderen Ländern anzuziehen. Laut einer Umfrage im Rahmen des Reports stimmte jeder zweite Mitarbeiter eines Tech-Unternehmens der Aussage zu, dass sie zunehmend neue internationale Kollegen bekommen.

Insgesamt steht um die Diversität in europäischen Tech-Start-ups aber nicht besonders gut, wie auch schon im Vorjahresbericht kritisiert worden war. Schon beim Geschlechterverhältnis gibt es deutliche Missverhältnisse: Den aktuellen Zahlen zufolge fließen mehr als 92 Prozent der Investitionen an ausschließlich männliche Gründerteams. Und obwohl der Anteil weiblicher Software-Entwicklerinnen bei rund 7,5 Prozent liegt, wird der Posten des Chief Technology Officers (CTO) so gut wie nie an eine Frau vergeben.