100 deutsche Start-ups sammeln ihre Ideen für ein gründerfreundlicheres Ökosystem. Darunter: Weniger Bürokratie, mehr Bildung und einfachere Steuergesetze.

Knapp 100 Tage sind es noch bis zur nächsten Bundestagswahl – die deutsche Start-up-Szene bringt sich langsam in Stellung. In den letzten Jahren sind die jungen technologiegetriebenen Unternehmen immer stärker ins Licht der Öffentlichkeit gerutscht. Jetzt wollen sie sich auch mit selbstbewussten Thesen positionieren.  Der Bundesverband Deutsche-Start-ups (Startup-Verband) hat heute die Deutsche Start-up-Agenda veröffentlicht – nach eigenen Worten soll das Papier der nächsten Bundesregierung als Leitfaden dienen, um den deutschen Startups einen regulatorischen und gesetzlichen Rahmen zu bieten, der sie dazu befähigt ihr Potenzial voll auszuschöpfen.

100 Gründerinnen und Gründer haben mitgearbeitet – einige der Forderungen überraschen. Mehr Fördergelder etwa stehen gar nicht im Zentrum des Papiers: „Wir müssen es schaffen, dass mehr privates Kapital in unsere wachsenden und erfolgreichen Start-ups fließt und dort Gewinne erwirtschaftet, als bisher“, sagt Florian Nöll, Vorsitzender des Startup-Verbands. „Das Problem der Unterfinanzierung der deutschen Start-ups ist nicht durch öffentliche Gelder zu lösen.” An anderen gesetzlichen Regeln darf aus Sicht der Gründer jedoch durchaus geschraubt werden – die Ideen im Überblick:

Mehr Gründer/innen von Anfang an: Die Start-ups fordern mehr „Entrepreneurship Education“ – von Schulen bis Hochschulen. Dazu sollen Anreize für Professoren kommen, Gründungsvorhaben an Hochschulen zu unterstützen. Und die Möglichkeit für Studenten, eine Gründung durchaus als Pflichtpraktikum anrechnen lassen zu können.

Mehr Gründerinnen für mehr Ideen:  Damit nicht ein Elternteil für das andere seine unternehmerischen Aktivitäten aufgeben muss, will der Verband zum Beispiel eine staatliche Förderung von Betriebskitas in Unternehmen oder Coworking-Spaces – und als Minimum ausreichend Ganztageskitaplätze.

Ausländische Fachkräfte und Gründer willkommen heißen: Klar spricht sich der Verband für ein Zuwanderungsgesetz aus – ohne eine aufwendige Prüfung, ob nicht irgendwo in Deutschland eine vergleichbare Fachkraft existiert. In Welcome-Centern sollen die neuen Kollegen alle Fragen erledigen können.

Harmonisierung des Start-up-Ökosystems in Europa: Initiativen wie der Digital Single Market der Europäischen Kommission werden gelobt – die Gründer wollen die Markteintrittsbarrieren zwischen EU-Mitgliedsländern senken. Eine europäische Form der deutschen GmbH könnte laut Arbeitspapier viel Bürokratie verringern.

Eine neue Deutschland-AG: Mehr Verflechtungen zwischen tradiertem Mittelstand, risikobewussten Investoren und Gründern sollen durch Steuererleichterungen gefördert werden. Originalton: „Start-up-Unternehmer sind Familienunternehmer der ersten Generation und damit natürliche Partner der Industrie.“

Über Steuern Investitionen in Start-ups steuern: Der Verband fordert ein eigenständiges und international wettbewerbsfähiges Gesetz für Risikokapital-Investments. Dafür könnten Umsatzsteuern gestundet und Mitarbeiterbeteiligungsprogramme gefördert werden.

Mehr Business Angels gewinnen für mehr erfolgreiche Gründungen: Die Gründer plädieren gegen eine Besteuerung von Streubesitzerlösen, damit Business Angels Anreize haben, viel und häufig zu investieren. Als Vorbild dient das britische Seed Enterprise Investment Scheme: „Investitionen in junge Unternehmen müssen ebenso einfach und attraktiv sein, wie Investitionen in andere Anlageformen“, heißt es in dem Papier.

Zukunftskapital für das Wachstum deutscher Erfolgsgeschichten: Institutionelle Anleger wie Versicherungen und Pensionskassen werden in Deutschland zum Teil noch gesetzlich gehindert, risikoreiche Technologie-Investments zu tätigen. Der Startup-Verband will das ändern – und sogar erreichen, dass Kapitalsammelstellen ein Prozent des Vermögens in Technologie-Unternehmen stecken.

Bewusstseinswandel hin zu einer Kultur der zweiten Chance: „Ziel des Insolvenzrechts muss die schnelle Wiedererlangung der Handlungsfähigkeit von redlichen Gründern sein“, schreiben die Gründer. Umgesetzt werden soll das etwa über eine erleichterte Restschuldbefreiung.

Regulierer regulieren statt Startups durch Bürokratie strangulieren: Die Gründer fordern spezielle Task-Forces mit Technologie-Verständnis bei Aufsichtsinstitutionen wie der BaFin – und hoffen auf leichtere gesetzliche Bürden für junge Unternehmen. Der Kündigungsschutz und die betriebliche Mitbestimmung müsse auf „ihre Start-up-Relevanz und –Wirkung“ überprüft werden.

Gründerstipendium für alle: Ein „Deutschlandgründerstipendium“ – halb öffentlich, halb privat – soll Gründer in den ersten Monaten finanzieren und das bestehende EXIST-Programm verbessern.

Bei neuen Gesetzen Start-ups im Blick haben: Ein „Innovationsrat“ soll mit auf Gesetzesvorschläge gucken dürfen – um so zu verhindern, dass junge Unternehmen nicht übermäßig belastet werden.

Staatliche Vergaben start-up-freundlich machen: Die Gründer fordern eine öffentliche Übersicht, wie viele öffentliche Aufträge an Start-ups gingen. Auch sollen Vergaberegeln überarbeitet werden, wünscht sich der Startup-Verband – dass soll es für junge Unternehmer einfacher machen, um an Ausschreibungen von staatlichen Stellen mitzubieten. Das Vorbild: Der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr.

Gesellschaftlicher Mehrwert durch Innovation und Unternehmertum: Die Branche will Einstiegshürden für Sozialunternehmer senken und bestehende Programme, die Social Entrepreneurs fördern, ausgeweitet werden.

Ein wettbewerbsfähiges Datenschutzrecht: Datenschutz und Verbraucherschutz seien zwei unterschiedliche Themen, argumentiert der Verband – und plädiert gegen einen „überhöhten Datenschutzstandard“, der Start-ups einschränkt.

Moderne Netzpolitik: Der Verband will das Leistungsschutzrecht streichen und zu einer uneingeschränkten Netzneutralität zurückkehren.