Leipzigs Startup-Szene öffnet diese Woche ihre Türen und gewährt Einblicke in den Alltag junger Unternehmen. Workshops, Bürotouren und Netzwerktreffen stehen auf dem Programm. Dabei möchten etablierte Startups ihr Wissen an die neuen weitergeben.   

Von Katharina-Luise Kittler

Bis vor wenigen Jahren standen die riesigen Hallen der Leipziger Baumwollspinnerei noch leer. Enorm hohe Decken und bröckelnder Putz an den Wänden zeichnen die Spinnerei aus, die heute viele verschiedene Unternehmensbüros beherbergt. Dazu gehört auch das Startup Neuronade, das sich diese Woche auf der Leipziger Startup Safary präsentiert. Die jungen Gründer des Unternehmens haben sich viel Mühe gegeben: Die Besucher können ihr Getränk testen, viele Gläser sind angerichtet und Infomaterial liegt aus. Entspannt und lächelnd stehen Florian Mack und Chris Volke vor ihrem Stand und warten auf Gesprächspartner.

„Wir sind die frühen Kinder der Leipziger Gründerszene“, sagt Florian Mack. Zusammen mit Chris Volke hat er Neuronade vor zwei Jahren gegründet. Heute verkaufen sie ihr Getränkepulver, das mehr geistige Leistungsfähigkeit verspricht, online und in 500 Apotheken deutschlandweit. „Wir möchten unser Wissen an junge Startups, die noch am Anfang stehen, weitergeben“, sagt Volke. In Leipzig ginge alles noch etwas ruhiger und langsamer zu, erzählen die beiden. Sie haben auch schon für eine überschaubare Zeit in Berlin gelebt. „Wir streben keinen schnellen Exit an, sondern wollen ein nachhaltiges Produkt entwickeln, das neue Jobs schafft“, sagt Mack.

„Leipzig erlebt eine neue Gründerzeit“

Darüber dürfte sich der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) freuen. „Leipzig erlebt eine neue Gründerzeit“, sagt der Politiker bei der Eröffnungsveranstaltung der Startup Safary. Diese Gründerzeit gab es schon mal: Von 1870 – 1910. In dieser Zeit zogen viele Kaufleute nach Leipzig, bis die Stadt schließlich 700 000 Einwohner zählte. „Mit dieser Zahl rechnen wir wieder bis 2030“, sagt Jung – derzeit hat die Stadt gut eine halbe Million Einwohner. „Leipzig wächst jährlich um rund 10 000 Einwohner und die Basis dafür ist die wirtschaftliche Entwicklung. Die Leute kommen dorthin wo Arbeit ist“, sagt Jung. Trotzdem gibt es in der Stadt noch viel Leerstand und einige Unternehmen zieht es in andere Metropolen Deutschlands. Das liegt unter anderem daran, dass es in Leipzig zwar viele kleine Firmen gibt, aber sehr wenige Investoren.

Trotzdem sieht der Terminkalender von jungen Gründern in diesen Tagen sehr voll aus. Laut den Veranstaltern der Startup Safary haben sich immerhin 20 Investoren angemeldet, die mit hiesigen Start-ups Kontakt aufnehmen möchten. Insgesamt nehmen rund 250 Teilnehmer an den verschiedenen Veranstaltungen teil, die auf mehrere Orte in der Stadt verteilt sind. Dabei treffen nicht nur Gründer auf Investoren. Für Workshops sind auch Versicherungen und Banken vertreten und Studenten können auf die Suche nach Jobs für den Berufseinstieg gehen.

André Nikolski, Geschäftsführer des Basislager, eines Coworking Space in Leipzig, ist Co-Organisator der diesjährigen Startup Safary und überzeugt vom Tag der offenen Tür: „Die Startup- Szene in Leipzig wächst und gemeinsam Events zu organisieren, bringt uns allen viel“, sagt er. Die vielen Veranstaltungen sollen künftigen Jungunternehmern die Augen öffnen. „Ein Startup zu gründen ist momentan sehr hip. Das dahinter enorm viel Arbeit und auch Niederschläge stecken können, wissen die meisten nicht“, sagt Nikolski.

Diesen Vorteil nutzt auch das Startup binee.  Das Unternehmen gibt es seit 2015 und ist momentan Teil der dritten Klasse des SpinLab-Accelerators in Leipzig. „Diese Woche können wir unsere Idee testen und neue Lösungen entwickeln, wenn wir mit Leuten in Kontakt kommen, die unsere Geschäftsidee noch nicht kennen“, sagt Martin Jähnert, Geschäftsführer von binee. Das Startup hat eine Recycling-Idee entwickelt und möchte zwischen Verbrauchern und großen Technologiekonzernen vermitteln. „Wir kümmern uns zum Beispiel um alte Handys und wie diese entweder weitergenutzt oder recycelt werden können“, sagt Jähnert. Die Idee kam den Gründern während einer Entrepreneurship Summer School in München. Aus einem kurzen Projekt ist eine aufwendige Geschäftsidee geworden. Vier Mitarbeiter hat das Unternehmen momentan und steht in Gesprächen mit Partnern aus der Tech-Branche.

Jobs in Leipziger Start-ups gesucht

Nicht nur Unternehmer und Investoren nutzen die Leipziger Startup Safary als Networking-Möglichkeit. Studentin Laura Stagnet studiert an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kunst Betriebswirtschaftslehre im Master und sucht aktuell nach passenden Jobs für ihren Berufseinstieg. „Veranstaltungen wie die Startup Safary helfen mir enorm bei der Jobsuche. Ich interessiere mich sehr für Online-Jobs und würde später sehr gern in einem jungen Unternehmen arbeiten“, sagt die Studentin, die in ihrer Freizeit auch einen Blog führt. Viele Blogger und Kreative tummeln sich in den weitläufigen Hallen der Baumwollspinnerei. Laura ist nicht allein gekommen, sie hat noch eine Freundin aus Jena mitgebracht.

„In Jena existiert gar keine richtige Startup-Szene“, sagt Marie Schwimmer. Sie studiert General Management im Master in Jena und organisiert in ihrer Freizeit Flohmärkte. „Ich würde später total gern etwas Eigenes gründen, aber in Jena fehlt mir das nötige Netzwerk. Deshalb bin ich heute nach Leipzig gekommen.“, sagt die Studentin. Die beiden Freundinnen haben sich online für die Startup Safary angemeldet und konnten sich einen individuellen Plan für ihre favorisierten Veranstaltungen zusammenstellen. „Das ganze ist sehr eng getaktet“, sagen die beiden. „Zu manchen Veranstaltungen schaffen wir es gar nicht, weil wir nicht in so kurzer Zeit ans andere Ende der Stadt fahren können.“ Zwar kooperiert die Safary dieses Jahr mit einem Shuttle Service, der ist aber nur für die erste Fahrt kostenlos. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist der Zeitplan fast nicht einzuhalten.

Neben der Baumwollspinnerei öffnet diese Woche auch das Social Impact Lab in Leipzig seine Türen. Seit 2014 gibt es in den Inkubator in der Stadt und seitdem werden Startups unterstützt, die eine soziale und nachhaltige Geschäftsidee voranbringen wollen. Aktuell arbeiten 16 Teams im Social Impact Lab und drei von ihnen hatten während der Startup Safary die Möglichkeit ihre Idee vor einem Publikum zu pitchen. Darunter ist auch das Startup TiMMi, das einen Lieferdienst entwickelt hat, der auf Nachbarschaftshilfe setzt.

„Wir sind eine Mitnahmegelegenheit und möchten den vielen freien Platz in Leipzigs Autos nutzen, die täglich auf den Straßen unterwegs sind“, sagt Gründerin Christina Kleinau. Mit einer App sollen Leipziger zukünftig Transporte organisieren können, die von privaten Fahrern erledigt werden. Die Geschäftsidee stößt im Publikum auf viel Feedback und die beiden Gründerinnen werden auch mit kritischen Fragen konfrontiert. Wie funktioniert der Versicherungsschutz? Ist das ganze überhaupt legal? Mit diesen Rückmeldungen können die Gründerinnen praktische Probleme ihrer Geschäftsidee angehen und versuchen zu lösen.

So unterschiedlich die Teilnehmer der diesjährigen Leipziger Startup Safary sind, so verschiedenen sind auch die Themen, um die es diese Woche geht. Von Tech-Startups über neue Dienstleistungsunternehmen bis hin zu sozialen Geschäftsideen hat die Leipziger Startup-Szene einiges zu bieten. Einen Schwerpunkt finden junge Leute, die sich fürs Gründen interessieren, nur schwer. Themenrouten, wie sie es bei Safarys in anderen Städten gab, werden in Leipzig nicht angeboten. Trotzdem funktioniert der Tag der offenen Tür und Leipzig kann einmal mehr beweisen, dass es sich hinter Berlin nicht verstecken braucht.