Berlin kann jeder: Ein Wissenschaftler will Chemnitz auf die Gründer-Landkarte bringen. Die Start-ups vor Ort vermissen selten das Geld – häufiger jedoch belastbare Netzwerke.

Von Jonas Gerding

Wer von Mario Geißler das Gründen lernen will, den schickt er auf die Straßen von Chemnitz. „Was hat die Zielgruppe gesagt?“, fragt er wieder und wieder das vierköpfige Team, das nun zurück in seinem Design-Thinking-Workshop ist. Er hat sie erste Geschäftsideen erspinnen und auf Post-its an die Wände pappen lassen. Von einem Migranten berichten sie, der ihnen in der Innenstadt hintergelaufen sei, um loszuwerden, wie sehnlichst er sich Kontakte zu den als verschlossen geltenden Chemnitzern wünschen würde. „Mehr geht nicht!“, ermuntert Geißler sie, die Idee einer App weiterzuverfolgen, die junge Migranten und Eingesessene spielerisch zusammenführt.

Mario Geißler, 37 Jahre alt, ist Juniorprofessor an der TU Chemnitz für ein Fach, das bereits im Titel trägt, was er der Stadt einhauchen möchte: Entrepreneurship. Dafür hat er im Juni den privat finanzierten Q-Hub eröffnet, in dem Gründer nicht nur Räumlichkeiten bekommen, sondern auch Know-how, sowie Kontakte in die Wirtschaft und zu Kapitalgebern. Es sind vielmehr solche Orte der Vernetzung als noch mehr staatliche Fördergelder die es in Sachsen braucht. Dort, wo es nach wie vor an Start-ups mangelt, die die regionale Wirtschaft stärken – und gesellschaftliche Probleme kitten könnten.

Das spüren auch die rund 25 Teilnehmern des heutigen Workshops – der „Impact Challenge“ – sind vor allem Studierende der Hochschule. Geißler, ein ruhiger Typ, der Chucks und Smartwatch trägt, fällt kaum auf unter ihnen. Er hat sie in Gruppen auf die Küche, den Gemeinschaftsraum und Arbeitszimmer verteilt, wo sie an Geschäftsmodellen arbeiten, die den brüchigen sozialen Zusammenhalt in der Region fördern könnten. Die eigentlichen Gründer, die sich bereits in den Q-Hub eingemietet haben, versuchen sich möglichst wenig von dem Treiben ablenken zu lassen. Sie sitzen ebenfalls auf der vierten Etage eines backsteinernen ehemaligen Werksgebäude, das recht zentral in der Stadt gelegen ist.

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Auf diesem alten Industrieareal versucht Geißler den unaufhaltsamen Wandel der Stadt mit zu gestalten. Natürlich kann Chemnitz, tief im Südwesten von Sachsen gelegen, nicht beispielhaft stehen für alle Herausforderungen von ostdeutschen Städten. Und dennoch werden hier ein paar der zentralen Herausforderungen besonders sichtbar. Mit 247.422 Einwohnern zählt Chemnitz zu den kleineren deutschen Großstädten. Zuwanderer, insbesondere Migranten, gibt es erst seit den letzten acht Jahren wieder. Im Vergleich zu den 1980ern war die Bevölkerung um fast ein Fünftel eingebrochen. Das Durchschnittsalter lag 2015 bei 46.2 Jahren, was Chemnitz im Jahr 2025 zur ältesten Stadt Europas machen könnte, wie Eurostat spekuliert. Trotz ein paar größerer Privatunternehmen, die sich nach der Wende etabliert haben, ist die Arbeitslosenquote mit 7,3 Prozent mehr als doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt.

Geißler ist in Chemnitz aufgewachsen. Aus persönlicher und aus akademischer Erfahrung heraus kann er sich in Fahrt reden über seine “Vision”: der Notwendigkeit eines „Epizentrums“ für die regionale Start-up-Szene. Im Jahr 2016 hat er in einer Studie – dem „Start-up Ökosystem Sachsen“ – Bilanz gezogen (PDF): Auf 1000 Einwohner kommen gerade einmal 14 Gründer, womit der Freistaat im bundesweiten Vergleich auf Platz 12 landet. Zwar bringt die tech-orientierte Universitätslandschaft viele smarte Köpfe hervor. Die gründen jedoch zu selten – sichere Jobs in den Unternehmen der Umgebung sind häufig verlockender. Und selbst wer den Schritt wagt, dem würde die Verbindung zu potentiellen Firmenpartnern und Geldgebern fehlen.

An der mangelnden staatlichen Finanzierung liegt das nicht: Die Programme des Technologiegründerfonds Sachsen, der Sächsischen Aufbaubank und des vor kurzem aufgelegten „Starfög“, eine Art Gründer-Bafög, sind mit üppigen Summen ausgestattet.

Dennoch: „Es braucht mehr Finanzierungen durch privates Kapital in der Frühphase“, sagt Geißler. „Da geht es nicht um reines Bankguthaben, sondern um jemanden, der Kontakte mitbringt, Strategien und Management-Know-How.“

Jene Business Angels sind in Sachsen rar, was nicht zuletzt an der sozialistischen Vergangenheit liegt, die naturgemäß eher keine wohlhabenden Unternehmer hervorbrachte. 251 Einkommensmillionäre hat das statistische Bundesamt in Sachsen gezählt, umgerechnet auf die Bevölkerungsgröße etwa fünfeinhalb Mal weniger als beispielsweise in Bayern.

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„Wir müssen die Grenzen stretchen”, erklärt Geißler den nötigen Austausch mit den regionalen Firmen: Union Werkzeugmaschinen, die Modemarke Bruno Banani und das Volkswagen Motorenwerk beispielsweise, die auf frischen Input und Dienstleister angewiesen sind. „Wir müssen sie reinholen, um auch etwas von ihnen zu lernen“. Das geht darüber hinaus, was klassische Co-Working-Spaces bieten. In Sachsen sind es sonst vor allem der Dresdner Impact Hub und das SpinLab, ein Leipziger Inkubator, die ähnlich progressiv vorgehen. Auch dort experimentieren kleine Teams an Prototypen, wenden neueste Kreativprozesse an – und setzen in Workshops auf das Feedback möglicher Kunden.

Auch deshalb hat Geißler sich einige der wenigen verfügbaren Mitstreiter gesucht, die bereits als Business Angels in Erscheinung getreten sind. Da ist zum einen Frank Theeg, Geschäftsführer von e-dox, einem Dienstleister für Digitalisierungsprozesse. Und Lutz Mehlhorn, der lange bei Henkel und EY tätig war. Am Tag der Impact Challenge begleitet der 63-Jährige eine der Gruppen.

Ihn und Geißler eint der Optimismus. Probleme begreifen sie als Chancen. Mehlhorn kommt aus einer Unternehmerfamilie, die Chemnitz nach dem zweiten Weltkrieg verließ und in Krefeld in die Textilindustrie einstieg. Erst nach dem Fall der Mauer reiste Mehlhorn zum ersten Mal nach Chemnitz – und investierte in Immobilien. Er sei ein „Pioniertyp“, angezogen von Chemnitz, „weil die Stadt nicht fertig ist, es in um jeder Ecke Challenges gibt“.

Auch unternehmerisch, beispielsweise im Bereich Telemedizin, seien die Erfahrungen vor Ort mitunter wertvoller als die in Berlin-Kreuzberg, ergänzt Geißler: „Da macht man sich keine Vorstellungen über die Herausforderungen eines Versorgungssystems im Erzgebirge, wo der nächste Kinderarzt vielleicht eine dreiviertel Stunde entfernt ist.“

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Und so gründete der Wissenschaftler den Q-Hub, der mit einzelnen Veranstaltungen die sozialen Probleme anschneidet, insgesamt jedoch ein breit gefasstes Themenspektrum bietet: Digitalisierung, Big Data und Business Intelligence. Das spiegelt sich auch in den Start-ups wieder, die nun bereits den Q-Hub bezogen haben: darunter ein paar Angestellte des rasant wachsenden Startups Staffbase, eine App für Mitarbeiterkommunikation, die deshalb vorübergehend Räume suchten, sowie Authentic Network, eine Blockchain-Anwendung für Lieferketten – und die drei Gründer von Encore. „Wir haben ja irgendwas mit dem Internet zu tun“, scherzt Willi Linke „Da ist es eigentlich relativ egal, wo wir sitzen.

 Der 28-Jährige entwickelt mit seinen Kollegen eine Plattform, auf der Anwender unterschiedliche Apps miteinander verknüpfen und verwalten können. Eine überall anwendbare Lösung, mit der sich unter anderem verschiedene Cloud-Dienste vereinheitlichen lassen. Und dennoch sind es insbesondere regionale Unternehmen, mit denen sie zusammenarbeiten: Laviu, MapCase und Cinector beispielsweise, die weniger als 80 Kilometer entfernt sitzen.

Gehypte Start-up-Cities wie Berlin kamen für sie nicht in Frage. „Hier kennt man sich und die Kontakte sind enger“, sagt er. Zuvor hat er im Leipziger Startup DataVirtuality gearbeitet, bevor er auf seine beiden Mitgründer stieß, die in Chemnitz bereits Frau und Kinder haben. Da mache es Sinn, in der Region zu bleiben, sagt Linke. „Familiärer Rückhalt ist enorm wichtig, gerade wenn du das Arbeitspensum eines Start-ups hinlegen musst“. Wohnen ist günstig, mit dem Rad sind sie keine 15 Minuten zur Arbeit. Und auch die Suche nach Kita-Plätzen bereitet in der vielleicht bald ältesten Stadt Europas weniger Sorgen.