Auf diesem alten Industrieareal versucht Geißler den unaufhaltsamen Wandel der Stadt mit zu gestalten. Natürlich kann Chemnitz, tief im Südwesten von Sachsen gelegen, nicht beispielhaft stehen für alle Herausforderungen von ostdeutschen Städten. Und dennoch werden hier ein paar der zentralen Herausforderungen besonders sichtbar. Mit 247.422 Einwohnern zählt Chemnitz zu den kleineren deutschen Großstädten. Zuwanderer, insbesondere Migranten, gibt es erst seit den letzten acht Jahren wieder. Im Vergleich zu den 1980ern war die Bevölkerung um fast ein Fünftel eingebrochen. Das Durchschnittsalter lag 2015 bei 46.2 Jahren, was Chemnitz im Jahr 2025 zur ältesten Stadt Europas machen könnte, wie Eurostat spekuliert. Trotz ein paar größerer Privatunternehmen, die sich nach der Wende etabliert haben, ist die Arbeitslosenquote mit 7,3 Prozent mehr als doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt.

Geißler ist in Chemnitz aufgewachsen. Aus persönlicher und aus akademischer Erfahrung heraus kann er sich in Fahrt reden über seine “Vision”: der Notwendigkeit eines „Epizentrums“ für die regionale Start-up-Szene. Im Jahr 2016 hat er in einer Studie – dem „Start-up Ökosystem Sachsen“ – Bilanz gezogen (PDF): Auf 1000 Einwohner kommen gerade einmal 14 Gründer, womit der Freistaat im bundesweiten Vergleich auf Platz 12 landet. Zwar bringt die tech-orientierte Universitätslandschaft viele smarte Köpfe hervor. Die gründen jedoch zu selten – sichere Jobs in den Unternehmen der Umgebung sind häufig verlockender. Und selbst wer den Schritt wagt, dem würde die Verbindung zu potentiellen Firmenpartnern und Geldgebern fehlen.

An der mangelnden staatlichen Finanzierung liegt das nicht: Die Programme des Technologiegründerfonds Sachsen, der Sächsischen Aufbaubank und des vor kurzem aufgelegten „Starfög“, eine Art Gründer-Bafög, sind mit üppigen Summen ausgestattet.

Dennoch: „Es braucht mehr Finanzierungen durch privates Kapital in der Frühphase“, sagt Geißler. „Da geht es nicht um reines Bankguthaben, sondern um jemanden, der Kontakte mitbringt, Strategien und Management-Know-How.“

Jene Business Angels sind in Sachsen rar, was nicht zuletzt an der sozialistischen Vergangenheit liegt, die naturgemäß eher keine wohlhabenden Unternehmer hervorbrachte. 251 Einkommensmillionäre hat das statistische Bundesamt in Sachsen gezählt, umgerechnet auf die Bevölkerungsgröße etwa fünfeinhalb Mal weniger als beispielsweise in Bayern.

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