Deutsche Start-ups blicken skeptischer auf ihre Lage. Fehlende Unterstützung aus der Politik ist ein Grund dafür, sagt Bitkom-Vertreterin Jenny Boldt – und liefert die  Agenda für einen heißen Herbst.

Montags ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer. Heute schreibt Jenny Boldt. Die studierte Wirtschaftsingenieurin ist Leiterin Startups beim Branchenverband Bitkom und dort für die Initiative „Get Started” verantwortlich. Erfahrung in der Szene sammelte sie auch mit der Gründung eigener Unternehmen.

In Deutschland wird derzeit viel über eine Konjunktureintrübung gesprochen: Noch laufen die Geschäfte und es geht uns gut, aber das könnte sich schon bald ändern. Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man Start-up-Gründer fragt. Zwar sagen in einer Bitkom-Umfrage unter mehr als 300 Start-ups immer noch 39 Prozent der jungen Digitalunternehmen an, dass sich ihre Lage in den vergangenen zwei Jahren verbessert hat. Und nur 11 Prozent stellen eine Verschlechterung fest. Doch der Optimismus war in der Vergangenheit deutlich größer: Vor einem Jahr haben aber noch 44 Prozent der Start-ups eine Verbesserung ihrer Lage erlebt, vor zwei Jahren sogar 54 Prozent. Und jeweils nur 5 Prozent eine Verschlechterung gespürt. Anders gesagt: Weniger Start-ups geht es wirtschaftlich besser, mehr Start-ups geht es wirtschaftlich schlechter.

Start-ups: Die Politik verzettelt sich in Detailfragen

Für diese Entwicklung gibt es verschiedene Gründe. Einer davon ist aber mit Sicherheit, dass es bei der Start-up-Politik stockt. Die Große Koalition hatte sich eigentlich viel vorgenommen: Gleich 25 Versprechen an Start-ups fanden sich im Koalitionsvertrag – nach einem Jahr waren aber gerade einmal vier umgesetzt. Und richtig viel passiert ist seitdem auch nicht mehr.

Entsprechend genervt reagieren Gründer: Fast zwei Drittel gehen inzwischen davon aus, dass die meisten dieser Maßnahmen ohnehin nicht umgesetzt werden. Und acht von zehn Gründern glauben, dass sich die Politik in Detailfragen verzettelt und bei großen Zukunftsthemen wie etwa der Künstlichen Intelligenz den Anschluss an die Weltspitze verliert.

Vor der Sommerpause legen sich die Parteien ins Zeug

Doch möglicherweise startet die Start-up-Politik nach der Sommerpause richtig durch. Denn kurz bevor sich das Parlament in den Urlaub verabschiedet hat, haben praktisch alle Fraktionen noch einmal ihre Vorstellungen vorgelegt, wie es gelingen könnte, Deutschland zur einer Start-up-Nation zu machen. Die FDP hat dazu gleich vier Anträge eingebracht, die sich etwa mit dem Einsatz von Zukunftstechnologien in Deutschland beschäftigen oder die Einrichtung eines „Nationalen Zukunftsfonds“ fordern. Darüber hinaus haben die Liberalen eine „Agenda für die Mutigen” veröffentlicht, die ein 10-Punkte-Programm für eine Gründerrepublik Deutschland enthält.

Die Grünen schlagen in ihrem Antrag eine verbesserte Finanzierung von Gründungen etwa durch Mikrokredite und zinslose staatliche Darlehen vor. Die SPD hat das Start-up-Thema in einem Impulspapier zur Industriepolitik aufgegriffen und will ebenfalls vor allem eine bessere Finanzierung. Und die Union hat ein ganzes Positionspapier zur „Start-up-Förderung in Deutschland verfasst, das den Bogen schlägt von einer Gründungskultur über bessere Finanzierung bis zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Inhaltlich sollten die meisten der Forderungen, Anträge und Impulse auf breite Zustimmung bei der Mehrheit der Gründern stoßen.

Entscheidend wird jetzt aber sein, diesen Schwung in der Start-up-Politik mit in den Herbst zu nehmen. Es fehlte auch in der Vergangenheit nicht an guten Ideen und klar formulierten Positionen, sondern an den notwendigen Entscheidungen und Gesetzen. Start-ups sind vor allem eines: schnell wachsende Unternehmen. Deshalb spielt der Faktor Zeit eine so große Rolle in der Start-up-Politik – und bislang haben wir uns viel zu viel Zeit gelassen.

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Wo sollte die Politik nach der Rückkehr aus dem Urlaub daher vor allem ansetzen? Auf jeden Fall muss dringend das Thema Finanzierung in der Wachstumsphase, etwa zur internationalen Expansion, angegangen werden. Der nun schon seit langem versprochene staatliche Dachfonds muss dazu endlich eingerichtet werden.

Ein Dauerärgernis für Gründer, bei dem die Politik sofort etwas tun könnte, sind die Regeln für die öffentliche Auftragsvergabe. Bislang werden Start-ups hier stark behindert oder ausgeschlossen, etwa weil sie die verlangten Bilanzen der Vorjahre oder Referenzen nicht vorweisen können.

Raum für Experimente öffnen

Und drittens sollte die Politik Experimentierräume für Innovationen schaffen – aber es nicht dabei bewenden lassen. Denn eine dauerhafte Wirkung entfalten diese Experimentierräume nur, wenn aus den dort gesammelten Erfahrungen heraus auch parallel die Gesetzgebung angepasst wird. Ansonsten ist es eine hübsche Spielwiese, doch die Innovationen und Geschäftsmodelle verpuffen (bzw. werden ins Ausland verlagert), sobald der Testzeitraum um ist.

Und schließlich müssen wir beim Thema Start-up-Nation viel stärker als bisher den Bildungsbereich mitdenken. Wer eine Gründerkultur schaffen will, muss damit schon in der Schule anfangen und darf auch in den Hochschulen noch längst nicht aufhören. Dabei dürfen aber die Lehrer nicht alleine gelassen werden. Deshalb sollte insbesondere der Einsatz von Start-up-Gründern und Experten aus der Praxis eine wichtige Rolle spielen.

Die deutsche Start-up-Szene hat (noch) einen guten Ruf

Bleibt es nicht bei Ankündigungen und Worten, steigt mit Sicherheit auch noch eine weitere Zahl: Aktuell sagen vier von zehn Start-ups, dass die deutsche Start-up-Szene international einen hervorragenden Ruf habe. Mit den richtigen Maßnahmen und noch mehr international erfolgreichen Start-ups könnte sich dieses positive Bild noch verstärken lassen. Das Gute ist: Die Politik kann schon in wenigen Wochen ausgeruht und erholt damit anfangen. Ich bin gespannt.