Der Gang an die Börse kann für Start-ups ein wichtiger Wachstumspfad sein. Doch der Weg dahin ist kompliziert. Euronext sucht jetzt Kandidaten für ein Ausbildungsprogramm.

Krafttraining für den Kapitalmarkt: Die Mehrländerbörse Euronext sucht nach schnell wachsenden Tech-Unternehmen, die sich auf einen Gang an die Börse vorbereiten wollen. In einem sechsmonatigen Programm sollen Gründer, Geschäftsführer und Finanzverantwortliche in Workshops und Einzelsitzungen fit gemacht werden für einen möglichen IPO. Bis Anfang Juni können sich Start-ups noch für die „Tech-Share“-Initiative bewerben, im September beginnen die ersten Module.

Vor einem Börsengang schrecken aktuell viele Start-ups zurück – und suchen stattdessen weiter nach hohen Risikokapital-Finanzierungen. Ein Grund: Mit einer öffentlichen Notierung gehen in aller Regel sehr strenge Berichts- und Buchführungspflichten einher. Junge Digitalunternehmen, die oft stürmisch und unstrukturiert wachsen, müssen viel Zeit reservieren, um ihre Organisation umzubauen.

Gleichzeitig eröffnet sich mit dem Börsengang die Möglichkeit, durch Kapitalerhöhungen leichter an Geld zu kommen – und sich langfristig unabhängiger von einzelnen Entscheidern oder Gesellschaftern zu machen. Uneigennützig ist das Angebot der Euronext nicht: Sind neue interessante Firmen an ihren Handelsplätzen gelistet, steigen auch die eigenen Umsätze. Die Deutsche Börse unterhält etwa ein „Venture Network“, um den Kontakt zu möglichen Börsenkandidaten nicht zu verlieren.

Weichenstellung für wachstumsstarke Start-ups

Zur Euronext gehören die Börsenplätze in Paris, Amsterdam, Brüssel, Lissabon und neu auch in Oslo. Seit fünf Jahren läuft das Kapitalmarkt-Training insgesamt, im vergangenen Jahr öffnete man sich zum ersten Mal für deutsche Start-ups. Man sehe „eine Vielzahl an wachstumsstarken Technologieunternehmen“, sagt Sebastian Grabert, der das deutsche Büro der Euronext leitet.

In der ersten Auflage nahmen 22 deutsche Start-ups teil. Darunter waren unter anderem die Global Savings Group, die eine Reihe von Rabatt-Portalen betreibt, oder die digitale Krankenversicherung Ottonova. Daneben waren zahlreiche Pharma- und Biotech-Firmen unterwegs – die benötigen häufig eine stete Finanzierung über lange Entwicklungszyklen, bevor relevante Umsätze entstehen.

Einiges an Wachstumsweg sollten die Firmen mit dem Ziel Börsengang schon zurückgelegt haben. Im europäischen Schnitt wiesen die Euronext-Kandidaten mehr als 10 Millionen Euro Jahresumsatz und jeweils etwa 100 Mitarbeiter aus. Viele von ihnen gehören damit zu den schnell wachsenden Start-ups, die auch als Kandidat für eine mögliche Milliarden-Bewertung, in Start-up-Kreisen als „Einhorn“-Status bekannt, gehandelt werden.