In Berlin findet derzeit eine Konferenz über die Start-up-Szene im Iran statt. Was auf der Konferenz Thema ist und welche Chancen ausländische Investoren in dem Land sehen.

Wenn Seyed Mohammed über Lebensmittelverschwendung spricht, wird er ernst. Er kennt die Schätzungen der UNO über den Umfang und die genauen Kosten für die Herstellung der weggeworfenen Produkte. Der 28-jährige Iraner hat bereits eine Werbefirma mit rund 20 Mitarbeitern. Nun will er mit einer App gegen die Verschwendung kämpfen.

Sein neues Start-up stellt Seyed Mohammed am Freitag auf der iBridges-Konferenz vor. Dafür ist er extra aus dem Iran nach Berlin geflogen. Über 500 iranische Start-ups sind auf der Konferenz vertreten, die noch bis Samstag geht. Die iranische Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren stark unter den Sanktionen des Westens gelitten. Die Konferenz soll dabei helfen, auf die junge Start-up-Szene des Landes im Ausland aufmerksam zu machen.

„Der Iran war über 30 Jahre isoliert“, sagt Kamran Elahian, Mitgründer der iBridges-Konferenz und Vorsitzender der Venture Capital-Firma Global Catalyst Partners. „Viele Menschen wissen deshalb nur wenig über den Iran“, sagt er. Dazu gehöre, dass das Land mittlerweile viele Hightech-Unternehmen und Start-ups hat. Die Konferenz solle deshalb darauf aufmerksam machen und helfen, Kontakte zu knüpfen.

Der Iran leidet unter Braindrain und Kapitalflucht

Aktuell ist es für ausländische Investoren aufgrund des Streits um Atomwaffen und die deshalb verhängten Sanktionen nicht möglich, in den iranischen Tech-Markt zu investieren. Erst seit es dem Iran und der so genannten 5+1-Gruppe aus den USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Russland und China Anfang dieses Jahres gelungen ist, sich auf Eckpunkte für eine Vereinbarung zu einigen, haben die Iraner Hoffnung auf einen Kurswechsel. Nutzt der Iran Atomenergie ausschließlich für die zivile Nutzung, will die Ländergruppe ihre Sanktionen aufheben, die seit 2006 die iranische Wirtschaft bremst. Dies wird auch innerhalb des Landes dazu führen, dass Unternehmer leichter an neue Technologien und Innovationen kommen, um ihre Ideen zu entwickeln.

Dariush Zahedi ist Direktor des Berkeley Programms für Entrepreneurship und Entwicklung im Nahen Osten an der staatlichen Universität von Kalifornien. Er hat bereits im Iran gearbeitet und zwei Bücher über das Land geschrieben. Bei der Berliner Konferenz hielt er am Donnerstag die Eröffnungsrede. „Iran kann sich transformieren“, sagt Zahedi. Dabei sei das Land aber auf seine talentierte, gut ausgebildete Expat-Gemeinschaft angewiesen, die im Ausland lebt. Sie müsse dabei helfen, das Land wirtschaftlich zu öffnen und zu entwickeln. Derzeit leide der Iran unter Braindrain, Arbeitslosigkeit, Kapitalflucht und Inflation.

Mit Hilfe der Expat-Gemeinschaft könne sich die iranische Wirtschaft „von einer verschlossenen, durch den Staat dominierten, auf Öl und von einigen wenigen natürlichen Ressourcen abhängigen Wirtschaft“ zu einer nachhaltigen Wirtschaft entwickeln, die eine neue Mittelklasse schafft und auch Frauen und Jugendliche fördert.

Die Konferenz, die dieses Jahr zum zweiten Mal stattfindet, wird privat finanziert, erhält nach eigenen Angaben keine Gelder der iranischen Regierung und wird von den Organisatoren selbst als apolitisch bezeichnet. Ungefähr die Hälfte der Teilnehmer kamen nur für die Konferenz aus dem Iran, viele aus den USA. „Wir haben uns für Berlin entscheiden, weil die Stadt nicht nur näher am Iran ist als an den USA“, sagt Kamran Elahian. „Sondern auch weil die Stadt eine große Bedeutung in der Start-up-Szene weltweit spielt.“ Zudem habe sich die deutsche Regierung sehr um die Konferenz bemüht und die Planungen unterstützt.

Der Technik-Sektor bietet jungen Menschen eine Chance

Bei der Konferenz war unter anderem auch Unternehmer und Business Angel Dave McClure vom Inkubator 500 Start-ups. „Mit rund 78 Millionen Einwohnern ist Iran für uns ein interessanter Markt”, sagt McClure. Im Iran gebe es zwar heute noch viele strukturelle Probleme. „Das ist aber auch in Staaten wie Saudi-Arabien und China so.” Alleine in Festlandchina hat der Inkubator von McClure zwischen 10 und 15 Projekten. Im Moment gebe es aufgrund der politischen Lage im Iran nicht viele Investoren, die sich für das Land interessieren würden. “Wenn sich die Tore öffnen, werden wir zu den Ersten vor Ort gehören”, sagt er. Konkret gebe es zwar noch keine Investitionspläne, aber das Land habe viele interessante Unternehmen, so McClure.

Eins dieser erfolgsversprechenden Start-ups im Iran ist Cafebazaar, ein iranischer Android-App-Store. „12 Millionen Nutzer hat unser App-Store”, sagt Hessam Armandehi, Gründer des Start-ups. 30 Millionen Smartphones soll es im Iran geben. Die Seite gehöre zu den 20 meist besuchten Seiten des Landes, so der Gründer. Neben Cafebazaar hat Armandehi noch zwei weitere erfolgreiche Unternehmen gegründet, darunter Divar, eine Art Ebay-Kleinanzeigen. “Wir haben versucht, eine Stimmung wie im Silicon Valley zu schaffen”, sagt Armandehi. Das sei zwar nicht leicht gewesen. Mittlerweile habe aber allein Cafebazaar rund hundert feste Mitarbeiter und über 10.000 freie Entwickler, die App für die Plattform programmieren. “Der Technik-Sektor ist einer der Bereiche, die der sehr großen und jungen Bevölkerung des Irans die besten Chancen ermöglicht”, sagt auch Rouzbeh Pirouz, Vorsitzender des iranischen Finanzdienstleisters Turquoise Partners.

Auch Sedigheh gehört zu den jungen Gründern des Landes. Sie macht gerade ihren PhD im Bereich der Kognitionswissenschaften und plant mit zwei weiteren Frauen ein eigenes Unternehmen, mit dem sie kognitive Applikationen entwickeln wollen, um die Leistung von Menschen zu steigern. „In diesen Bereich gibt es bisher nichts im Iran”, sagt die junge Frau. Die Gründerinnen stehen seit kurzem mit ersten Firmen in Kontakt.