Um Afrika voranzubringen, wollen auch deutsche Investoren wie Ampion Ventures vor Ort Start-ups aufbauen. Zu oft fließe das Geld jedoch an Europäer, kritisieren heimische Unternehmer. 

Von Jonas Gerding

Die Ausschreibung klang ambitioniert. Er suche Geschäftsideen mit dem Potenzial, „Afrikas Technologie- und Businessrevolution auszuschöpfen“, warb Fabian-Carlos Guhl in diesem Frühjahr. Der 36-Jährige hatte Ampion Ventures gestartet, um bei jungen Firmen in Afrika einzusteigen. Zwar landeten mehrere Hundert Bewerbungen im März dieses Jahres auf seinem Schreibtisch. Geeignete Kandidaten seien jedoch nicht darunter gewesen, meint er: „Es macht keinen Sinn da reinzugehen“, sagt er beispielsweise über ein Start-up aus Uganda, das von Investoren bereits auf eine zu klare Linie gebracht worden sei. Was könne er da noch bewirken? Und so legte Guhl die Bewerbungen zur Seite und entschloss sich, kurzerhand selbst nach Nigeria zu fliegen, um Start-ups zu gründen.

Lange Zeit wurde Afrika vor allem als Kontinent der Kriege, Krankheiten und Katastrophen gesehen, dem nur mit Entwicklungshilfe beizukommen sei. Zuletzt zieht es jedoch immer mehr Unternehmer und Investoren wie Guhl in die Tech-Metropolen des Kontinents. Das Bundeswirtschaftsministerium lädt zur Start-up Night Afrika, die Bundesregierung lässt einen 12-Millionen-Euro-Fonds für Tech-Gründer auf dem Kontinent aufsetzen, während der Pharmakonzern Merck mit einem Accelerator in Nairobi Gesundheitsinnovation vorantreibt. All das würde Arbeitsplätze schaffen, die Armut lindern und drängende Alltagsprobleme überwinden. Kritiker vor Ort hingegen warnen, dass es vor allem weiße Europäer sind, die davon am Ende profitieren könnten.

Unterwegs mit dem Start-up-Bus

Bereits im Jahr 2015 hatte Guhl die außergewöhnliche Idee des sogenannten Start-up-Bus: Er fuhr mit einem Team durch insgesamt 16 afrikanische Länder, traf Gründer, gab Workshops und teilte seine Erfahrungen, die er bei Firmen wie Zanox, MyParfum und DailyDeal der deutschen Start-up-szene gesammelt hatte. Eine aufregende Zeit. „Aber irgendwann brauchten sie alle Kohle“, erinnert er sich. Er konnte Gründer mit Geldgebern in Kontakt bringen, aber selbst nicht finanziell einsteigen. Und so gründete er 2018 Ampion Ventures in Berlin. Das erste Ziel: In Geschäftsideen in Afrika „von Null an reinzugehen“ und deren „DNA mitgestalten“, wie er es formuliert. Das Kapital, im mittleren bis hohen sechsstelligen Bereich, kommt von der Plutos Group, einem Berliner Immobilieninvestor.

Nun steuert Guhl erneut um. Die Idee ist nach der gescheiterten Ausschreibung verworfen und so will er nun selbst Start-ups gründen. Vor allem Lösungen für die Landwirtschaft, darunter auch Geschäftsideen, die sich in anderen Entwicklungsländern bereits bewährt haben. Mehr will er noch nicht verraten. Mit vier Kollegen reiste er Ende Mai nach Lagos ins westafrikanische Nigeria, um ein Team aufzubauen. „Mit Konsumenten und Kunden, also vor allem Kleinbauern, wollen wir unser Modell testen“, sagt er. Nun ist er erst einmal wieder zurück in Deutschland. Weitere Geschäftsmodelle sollen jedoch folgen.

Kritik an den Kapitalgebern

In den Volkswirtschaften vor Ort finden sich auch Gründer, die die derzeit so gefeierten Investments kritisch sehen. Einer von ihnen ist Teddy Ruge. Er ist Geschäftsführer des Landwirtschaftsstartups Raintree Farms, sowie Mitgründer eines Überweisungsdienstes und eines Coworking-Space in seiner ostafrikanischen Heimat Uganda. „In der Entwicklungsindustrie gibt es einen ganzen Friedhof an gescheiterten Start-ups, der mehrere Jahrzehnte zurückreicht“, kritisiert er den Übermut, mit dem es gut situierte Gründer aus dem Westen in afrikanische Großstädte zieht, ohne die Märkte ordentlich analysiert zu haben. „Wenn du nicht bereit bist, ein Jahrzehnt zu bleiben, wird es nicht funktionieren“, warnt er. Dafür seien die Märkte oft zu jung und würden sich zu sehr unterscheiden von den Gründer-Hotspots andernorts.

Ruge ärgert zudem der weit verbreitete altruistische Tonfall und die Inszenierung vermeintlich lokaler Start-ups, obwohl es eigentlich oft um das Profistreben internationaler Geldgeber ginge. Wie im März dieses Jahres, als der Onlinehändler Jumia als erstes „afrikanisches“ Unternehmen gefeiert wurde, das in New York an die Börse ging. Auf Twitter konterte Ruge und verwies auf Sasha Poignonnec, den französischen Gründer und Rocket Internet, den Investor aus Deutschland, wo Jumia registriert ist. „Das ist eine komplette Rekolonisierung durch Entrepreneurship“, sagt Ruge heute über Marktchancen in Afrika, die von europäischen Gründern, ausgestattet mit europäischem Kapital, ergriffen werden. „Auf dem Kontinent kann da niemand mithalten“.

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Auch der deutsche Gründer Guhl kennt die Debatte um Jumia. „Themen wie local ownership sind uns sehr wichtig“, beteuert er deshalb. Sein Vorhaben: Vor Ort nach Mitgründern suchen und auf lokale Start-ups zugehen, um sie als Partner zu gewinnen. Konkrete Regeln, wie groß beispielsweise der Anteil an Europäern und Afrikanern in der Geschäftsführung sein müsse, würden sie sich trotzdem nicht auferlegen.

Im Gegensatz zu Guhl gründet Thomas Festerling nicht selber in afrikanischen Ländern. Vor vier Jahren hat er GreenTec Capital ins Leben gerufen und bis heute bereits 25 Start-ups gefördert, mit Know-How, vor allem aber auch finanziell. „Wir mussten viel Überzeugungsarbeit leisten in den ersten Jahren“, sagt er über die Schwierigkeit, sich vor Ort überhaupt die nötige Bekanntheit zu erlangen. Insbesondere in den Tech-Metropolen Kenias, Südafrikas und Nigerias ist der Markt um die vielversprechenden Start-ups mittlerweile umkämpft.

Hilfe durch das „Tal des Todes“

Und dennoch: „Das Ökosystem ist oft noch nicht ausreichend entwickelt“, sagt Festerling. So kämen Gründer noch leicht an überschaubares Startkapital durch lokale Business Angels und Inkubatoren. 80 bis 90 Prozent der Firmen würden jedoch daran scheitern, das „Tal des Todes“ zu durchqueren, wie er sie nennt: die Durststrecke zwischen der Produkteinführung und der Finanzierung durch einen großen Risikokapitalgebern.

Hier greift ihnen GreenTec Capital mit mehreren Finanzierungsetappen und Beratung unter die Arme. Erst mit geringen Summen von meist weniger als 20.000 Euro; schließlich jedoch auch schon einmal mit bis zu 5 Millionen Euro. Gelingt der anschließende Weiterverkauf an die ganz großen Investoren, verdient auch GreenTec Capital daran.

80 Prozent der von ihm unterstützen Gründer stammen aus den jeweiligen afrikanischen Ländern selbst.  Insgesamt sieht Festerling es gelassen, wenn nicht nur Afrikaner, sondern auch Europäer in den Büros der Start-up-Hubs und den Führungsetagen von Firmen wie Jumia sitzen. „Ich glaube trotzdem, dass dies vielen dabei hilft, eine Vision zu bekommen“, sagt er über seine Hoffnung, dass noch viele weitere junge Menschen in Afrika zu Gründern werden wollen, um ihre Länder in eine bessere Zukunft zu führen.