In forschungsintensiven Branchen sinkt die Zahl neuer Start-ups deutlich. Das ZEW warnt: Junge Firmen und Technologien bilden die Grundlage für zukünftiges Wachstum.

Die mediale Beachtung nimmt zu, die Zahl der Förderprogramme für Start-ups wächst, die Quoten von „Die Höhle der Löwen“ sind weiterhin hoch: In Statistiken über neue Unternehmen kommt jedoch deutlich weniger vom Gründungsfieber an. Eine aktuelle Untersuchung des ZEW–Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung aus Mannheim zeigt das jetzt. Die Forscher zählten für 2018 einen generellen Rückgang von Unternehmensgründungen um vier Prozent – das stärkste Minus seit 2014.

Deutlich dramatischer sah es jedoch bei Gründungen in sogenannten forschungsintensiven Industrien aus. Dazu zählen die Branchen, in denen mehr als 2,5 Prozent des Umsatzes für die Entwicklung ausgegeben wird. Das umfasst häufig etwa die Softwareentwicklung oder hochspezialisierte Ingenieurssparten. Mit KI, Analytics oder Robotik sind das alles Bereiche, in denen Start-ups entscheidende Umwälzungen starten können.

15 Prozent weniger Start-ups in Deeptech-Branchen

Doch groß ist die Lust auf die Selbstständigkeit dort offenbar nicht: 2018 wurden nach ZEW-Zählungen nur etwas mehr als 1100 Start-ups in diesen forschungsintensiven Industrien gegründet. Das ist ein Minus von 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch die staatliche Förderbank KfW meldet seit Jahren einen Rückgang von Gründungen, wollte vor knapp einem Jahr jedoch ein Plus bei neuen Start-ups erkannt haben. Das zeigt auch die Schwierigkeiten, verlässliche und eindeutige Zahlen zu erhalten.

Einigkeit besteht bei den Wissenschaftlern jedoch bei den generellen Gründen für eine Gründungsunlust: Die Wirtschaft brummte in den vergangenen Jahren, die Arbeitslosigkeit ist auf einem Tiefstand, Firmen halten an Fachkräften fest – aus der Not heraus müssen sich kaum kluge Köpfe selbstständig machen. Jetzt kommen zudem Sorgen um einen wackelnden Welthandel dazu – und führen zu einer Zurückhaltung in manchen Branchen.

Langfristiges Risiko für den Standort Deutschland

Nur: Für die forschungsintensiven Industrien willen die ZEW-Forscher diese Argumente nicht gelten lassen. Durch ihre hohe Spezialisierung adressieren diese Start-ups klar abgegrenzte Probleme und Branchen. „Das sollte sie eigentlicher resilienter gegen Einbrüche in der aggregierten Nachfrage machen“, analysiert ZEW-Wissenschaftler Johannes Bersch (hier geht es zum kompletten PDF).

Trotz der stark gesunkenen Gründungszahlen wollen die Forscher nicht direkt Deutschland eine sinkende Innovativität attestieren. Ein langfristiges Risiko sehen sie aber durchaus: Neue Technologien würden häufig erst durch Start-ups in den Markt gebracht, heißt es in der Analyse. Erst durch einen Aufkauf der Technologie oder eine Übernahme eines Start-ups arbeiteten sich diese Entwicklungen in etablierte Unternehmen vor. „Sofern sich das deutsche Innovationssystem also nicht grundlegend zu einer noch stärkeren Rolle der etablierten Unternehmen entwickelt, ist diese Entwicklung nicht zufriedenstellend“, sagt Bersch.