Unter dem Schlagwort „Scale 11“ will die Cebit ein komplettes Ökosystem für Start-ups schaffen. Das sieht am Premierentag noch stark nach Messealltag aus.

Auch kurz vor Toresschluss herrscht noch ordentlich Betrieb vor dem „Magic Schaufenster“ – und Geschäftsführer Mesut Yilmaz ist zufrieden. Vor dem Stand des Unternehmens aus Herne bleiben immer wieder Messebesucher stehen. In einem menschengroßen Bildschirm sehen sie ihr Spiegelbild, können nach virtuellen Kleidungsstücken greifen und sie sich an das digitale Ebenbild halten. Die Vorführung ruckelt und hakt noch etwas, die Begeisterung der meisten Besucher ist trotzdem groß: „Da sind jetzt nicht unbedingt direkt Kunden dabei“, sagt Yilmaz, „aber viele haben so etwas zum ersten Mal gesehen – diesen Wow-Effekt verbinden sie dann mit uns.“

Im Idealfall will Yilmaz nach der Cebit-Woche auch konkrete Anfragen von Händlern mitnehmen, die die sogenannte gestikgesteuerte Werbung in ihrem Geschäft einsetzen wollen. Nach einem kurzen Blick auf die gesammelten Visitenkarten zieht er ein zufriedenes Feedback: Softwareentwickler haben ihre Dienste zur Verbesserung des Produkts angeboten, Kamerahersteller eine Integration ihrer Modelle vorgeschlagen, Forscher neugierig nachgefragt: „Das Produkt mag noch nicht ganz fertig sein, aber wir haben Spaß“, fasst Yilmaz zusammen.

Das zentrale Thema der diesjährigen Cebit ist die Digitalisierung der Wirtschaft – und die geht nicht ohne junge Unternehmen. Neben dem bereits seit 2013 etablierten Wettbewerb „Code_n“, der stets unter ein spezielles Motto gestellt wird, hat die Messe darum in diesem Jahr einen neuen Raum für Start-ups geschafften – und nach eigenen Angaben über 350 Start-ups nach Hannover geholt.

Die Schirmherrschaft über das neue Format „Scale 11“ hat das Bundeswirtschaftsministerium übernommen, bei der Organisation haben der Veranstalter Deutsche Messe und der Bundesverband Deutsche Start-ups eng zusammengearbeitet. „Es ist wichtig, dass etablierten Unternehmen und Start-ups zusammenkommen“, gab Staatssekretärin Brigitte Zypries bei der offiziellen Eröffnung am Montagvormittag als Leitlinie aus. Entstanden sei für diese Kontaktaufnahme keine klassische Messehalle, sondern ein eigenes Ökosystem für die digitale Wirtschaft, sagte Messechef Oliver Frese.

Dazu gehören auch verschiedene Veranstaltungen. Am Montag lud etwa die niedersächsische Förderbank NBank zur Investorenkonferenz, bei der sich zehn vorher ausgewählte Start-ups Investoren präsentieren konnten. Parallel dazu ließ der Energiekonzern RWE auf einer Bühne vor Publikum Gründer rund um das Thema Energie der Zukunft pitchen. In den kommenden Tagen zieht Volkswagen nach: Der Autokonzern sucht nach Unternehmen, die die Mobilität von morgen im Blick haben. Ergänzt wird die „Scale 11“ von der „Developer World“, einem Treffpunkt für Software-Entwickler.

Daneben aber sieht vieles nach einer klassischen Messehalle aus – wenn auch mit überwiegend kleinen, standardisierten Ständen statt der opulenten Landschaften der großen IT-Konzerne in den Hallen nebenan. Stets gut besuchte Massagesessel am Eingang, einige verstreute Kicker und Hot-Dog-Stände in Foodtruck-Optik bedienen noch die Klischees von Start-up-Küchen, doch daneben herrscht Alltag: Denn die Cebit fokussiert auch in diesem Jahr vor allem auf Fachbesucher – im Zentrum steht auch für die jungen Unternehmen die Geschäftsanbahnung. „Es soll auch darum gehen, Vertrieb zu machen“, sagt Florian Nöll, Vorsitzender des Bundesverbands Deutsche Start-ups, „das vergessen manche Start-ups manchmal.“

Nach den ersten Stunden in „Scale 11“ ziehen viele Gründer ein positives Fazit: „Ich hatte nicht mit so viel Laufkundschaft gerechnet“, sagt Dominik Tobschall, Gründer der Firma Fruux. Das Unternehmen bietet synchronisierte Kontakt- und Kalenderlösungen sowohl als Produkt für Endkunden an als auch als White-Label-Produkt, das etwa E-Mail-Anbieter in ihren Dienst integrieren.

Eigentlich hatte der Unternehmer vor allem mit den Besuchen von Partnern gerechnet, die sich bereits im Vorfeld der Messe angekündigt hatten. Doch am ersten Tag wurde es nach zahlreicher Laufkundschaft erst am Abend ruhiger: „Es waren bereits einige Unternehmen dabei, für die unsere Technik Sinn machen würde“, sagt Tobschall.

Die Cebit hatte im Vorfeld eifrig für das neue Format geworben und auch Extra-Pakete für den schmalen Gründer-Geldbeutel geschnürt. Neben zahlreichen deutschen Unternehmen nutzten das auch Start-ups aus ganz Europa. Eine ganze Gruppe war etwa unter der Koordination von „Portugal Ventures“ aus dem Süden angereist. Auch viele andere der ausstellenden Unternehmen profitierten von einer finanziellen Förderung durch unterschiedliche Initiativen. Kritik gab es dennoch: Einige Start-ups beklagten sich darüber, dass zwar ein Lan-Anschluss im Paketpreis mit inbegriffen war – für die drahtlose Internetverbindung aber berechnete die Cebit – aller Digitalisierung zum Trotz – zusätzliches Geld.

„Geschenkt gibt es hier nichts“, sagt auch Peter Bakalov lachend. Der junge Münsteraner präsentiert auf der CeBIT ein Social Media Marketing-System, mit dem Firmen durch live verlinkte Fotos die Werbewirkung ihrer Veranstaltungen erhöhen können sollen. Der Messeauftritt ist für den Gründer der Agentur Gorilla Digital Media trotz aller Rabatte eine Investition, die sich rechnen soll: Mit zwei Leuten reiste das junge Unternehmen an, ein Kollege schiebt während der Cebit-Woche alleine im Büro Dienst – „da läuft natürlich einiges an Arbeit auf“, sagt Gründer Bakalov.

Ziel für die Cebit-Woche sind neue Kontakte sowie das direkte Feedback von Standbesuchern, die das System ausprobieren. Nach den ersten Stunden der Messepremiere ist Bakalov zufrieden: „Es waren einige mögliche Kunden dabei, von Belgrad bis Shanghai.“ Auch wenn die Erwartungshaltung einiger Besucher doch eher zu den ausstellenden Großunternehmen in den Nachbarhallen passte: Der Wunsch eines Interessenten, mal eben einen Unternehmensvertreter zur Präsentation nach China zu schicken, war doch noch eine Nummer zu groß.