Eine junge Gründerszene bringt Afrika mit Ideen voran. Zugeschnitten auf lokale Probleme eröffnen sich auch Chancen für deutsche Start-ups wie Mobisol.

Noch bevor das Interview mit Thomas Duveau von Mobisol überhaupt richtig beginnt, fasst er das Problem eigentlich schon zusammen: „Wir versuchen das mal mit Skype, die letzten Male wurde die Verbindung aber immer unterbrochen.“ Duveau ist mal wieder beruflich in Tansania unterwegs. In dem größten Flächenstaat Ostafrikas – das Land übersteigt Deutschland in seiner Ausdehnung etwa um das Dreifache – haben nur rund 20 Prozent der Bevölkerung Zugang zum Stromnetz und selbst diese Minderheit nicht zuverlässig. Vom Internet ganz zu schweigen.

Solche Unwägbarkeiten der Energieversorgung lassen sich auf andere Bereiche der Infrastruktur in Tansania sowie in weiteren afrikanischen Ländern übertragen und schrecken viele Unternehmer von Investitionen in diesen Staaten ab. Für findige Gründer ergeben sich gerade daraus die Chancen. Die Start-up-Szene in den Transformationsländern südlich der Sahara brodelt; junge Gründer pochen auf Wandel und wollen den Kontinent mit neuen Ideen voranbringen. Auch deutsche Start-ups können dabei eine Rolle spielen, wie einige Solarstrom-Projekte zeigen – etwa das Berliner Unternehmen Mobisol.

„Was ein deutscher Ingenieur baut, ist nicht, was der Afrikaner braucht“

Die Idee kam dem Gründer und heutigen Mobisol-Geschäftsführer Thomas Gottschalk während Reisen vor Ort in den Jahren 2008 und 2009. Immer wieder fiel ihm die Diskrepanz zwischen den zuverlässig vielen Sonnenstunden und deren Vernachlässigung für die Energiegewinnung auf. Das wollte er ändern.

Bis Mobisol letztlich in Tansania und Ruanda an den Start gehen sollte, brauchte es einige Zeit Vorlauf. Zunächst galt es, die Marktzugangsbeschränkungen vor Ort zu untersuchen, die Bedürfnisse potenzieller Kunden zu identifizieren und schließlich ein Pilotprodukt zu testen. Denn: „Was ein deutscher Ingenieur für seinen heimischen Markt baut, ist nicht unbedingt, was der Afrikaner braucht“, sagt Duveau. Deshalb münze Mobisol seine Produkte „sehr genau auf die herrschende Nachfrage“.

Herausgekommen sind Solarmodule inklusive Batterie und Leistungselektronik in fünf verschiedenen Größen. Sie bedienen jeweils die Strombedürfnisse durchschnittlicher Haushalte. Das heißt zum Beispiel, sie laden mehrere Handys auf, liefern Strom für den Fernseher, erstrahlen die Wohnung in künstlichem Licht und betreiben vielleicht noch einen Kühlschrank. Aktuell nutzen rund 13.000 Tansanier und Ruander die Mobisol-Systeme.

Auch jenseits des eigentlichen Produkts richten sich die Berliner nach der Nachfrage und den Möglichkeiten vor Ort: Mangels Kapital bietet das Unternehmen eine Mikrofinanzierung; die Kunden erwerben das sogenannte „Solar Home System“ mit 36 Monatsraten à rund 20 US-Dollar. Mit der letzten Ratenzahlung gehört es vollständig dem Käufer und ihm entstehen im Prinzip keine Stromkosten mehr.

Eine SIM-Karte in jedem Gerät dokumentiert die Ratenzahlung und – viel wichtiger – garantiert die direkte Verbindung zu den einzelnen Systemen. „Anderen Unternehmen fehlt diese Konnektivität. Dank der SIM-Karte können wir unsere Solar-Systeme von Berlin aus kontrollieren. Wir wissen in Echtzeit, ob eine Störung vorliegt und welcher Art sie ist“, erklärt Duveau.

Wenn ein Mobisol-Team vor Ort zu einem Störungsfall ausrückt, hat es dank SIM-Info die richtigen Ersatzteile im Gepäck. Was schon dem Installateur in Deutschland Arbeitszeit und unnötige Wege erspart, wird angesichts der langen Distanzen im ländlichen Afrika umso entscheidender. Mobisol hat es sich nach eigener Auskunft zum Ziel erklärt, Strom dorthin zu bringen, wo er benötigt wird. Gerade außerhalb der Ballungszentren um die großen Städte in Tansania, Ruanda und anderen afrikanischen Ländern ist ein Großteil der Bevölkerung vom Stromnetz ausgeschlossen. Dessen flächendeckender Ausbau ist nicht abzusehen; er wäre vermutlich nicht lohnenswert.

Sogenannte Off-Grid-Systeme können diese Versorgungslücke schließen – und das umweltfreundlich. Off-Grid-Systeme sind Inselanlagen in der Energieproduktion, die abgeschnitten vom öffentlichen mit eigenem Speicher laufen. Hierzulande geht ihr Anteil zurück und sie kommen vielleicht noch bei abgelegenen Ferienhäusern zum Einsatz. In Entwicklungsländern hingegen steigt ihr Anteil an, und nach Einschätzung von Greenpeace sollen bis 2030 zwei Milliarden Menschen auf diese Weise mit Strom versorgt werden.

Finanzierung von der EU

Wenn Duveau in seinen afrikanischen Absatzländern unterwegs ist, besucht er Haushalte, die von Kerosinlampen erleuchtet werden und ihren restlichen Strombedarf mit einem Benzinbetriebenen Generator decken. Solar ist da eine Alternative, und das haben neben Mobisol auch andere entdeckt: Die beiden Start-ups Bettervest oder Solarkiosk kommen ebenfalls aus der Bundesrepublik und machen die deutsche Energiewende in Form unterschiedlicher Geschäftsideen zum Exportschlager in Afrika.

„,Made in Germany‘ hat unglaublichen Verkaufswert“, sagt Duveau. Doch auch lokale Unternehmen tummeln sich auf dem jungen Off-Grid-Markt. Helvetic Solar von Patrick Ngowi, der wiederholt als einer der aufstrebendsten Jungunternehmer des Kontinents ausgezeichnet wurde, ist wie Mobisol in Ostafrika zuhause. Der Tansanier Ngowi selbst macht keine Angaben zu dem Umsatz, das Wirtschaftsmagazin Forbes schätzt diesen auf deutlich über zehn Millionen US-Dollar. Das wäre etwa vergleichbar mit dem Umsatz von Mobisol, der 2014 bei gut acht Millionen Euro lag.

Mit 50.000 Euro Startkapital initiierte Mobisol seine Pilotphase im Jahr 2011 und ist seit der Produkteinführung zwei Jahre später 250 bis 300 Prozent jährlich gewachsen. In diesem Jahr liegt das Absatzziel bei mindestens 25.000 weiteren Systemen. Nach einem jüngst mit der EU und der ruandischen Regierung geschlossenen Kooperationsvertrag soll Mobisol zudem 49.000 Haushalte und tausend Schulen in Ruanda mit Solarstrom versorgen. Je 1,3 Millionen Euro kommen von Mobisol und der Regierung, sechs Millionen schießt die EU zu – eine Kapitalspritze, die am unterentwickelten afrikanischen Finanzmarkt kaum vorstellbar ist.

Der begrenzte Zugang zu Kapital gilt als eines der größten Hindernisse für afrikanische Unternehmensgründer. Patrick Ngowi ist da ein gutes Beispiel: Noch vor seinem Schulabschluss zog er sein erstes kleines Geschäft mit Mobiltelefonen auf. Mit jeder Geschäftsidee vergrößerte es sich etwas, bis er schließlich ausreichend Kapital angespart hatte, um sein Solarunternehmen Helvetic zu starten. Es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte. „Hätte ich mein Unternehmen in Deutschland gegründet, wäre ich nicht, wo ich heute bin. Die Konkurrenz wäre zu hart. In China wäre Helvetic nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber hier in Tansania können wir wirklich etwas bewegen. Das Gleiche gilt auch für andere Geschäftsbereiche“, sagt Ngowi.

In kreativen Ideenschmieden in Afrika resultieren aus Missständen wie denen im Finanzsektor Innovationen – zum Beispiel 2007 das mobile Zahlungssystem M-Pesa. M-Pesa kommt ursprünglich aus Tansanias Nachbarstaat Kenia und erlaubt es, per SMS zu bezahlen oder Geld zu überweisen. Die Technologie ist eine wegweisende Notlösung in Ländern, in denen die Mehrheit der Bevölkerung über kein Bankkonto verfügt. M-Pesa und die Omnipräsenz der Mobiltelefone wurden zu einem Katalysator für Folgeinnovationen beispielsweise aus dem iHub in Nairobi, einem Knotenpunkt der kenianischen Technologie-Szene.

Parallel zum Wachstum steigt der Finanzierungsbedarf

Mobisol profitiert ebenfalls von den Entwicklungen im mobilen Sektor und wickelt seine Geschäfte auf diese Art ab. Die Zahlungsausfälle seien äußerst gering und einige Kunden werben neue an oder bewerben sich als Angestellte, so Duveau. Gut 220 Ortskräfte beschäftigt Mobisol bereits insgesamt in Ruanda und Tansania; demgegenüber stehen rund zehn deutsche Ingenieure und das Management in Berlin. Letzteres plant mit Bedacht die Firmenentwicklung. „Die Nachfrage rechtfertigt die Expansion, aber wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht übernehmen und unsere Versprechen gegenüber den Kunden halten können“, sagt Duveau.

Da jede Anlage mikrofinanziert wird, steigt parallel zum Wachstum der Finanzierungsbedarf an. Das Geld sei allerdings nicht das Hauptproblem. Vor der Expansion müsse man den jeweiligen Markt verstehen und Personal ausbilden, sagt Duveau. Er habe Anfragen aus 19 Nationen in seinem Postfach, in denen Regierungen oder andere Vertreter Mobisol anwerben. Für eine Expansion kämen andere Länder Afrikas in Frage, vielleicht im Westen des Kontinents, oder auch ganz woanders: Indien hat ebenfalls Potenzial als Absatzmarkt für Off-Grid-Systeme.

Konkrete Pläne gibt es laut Duveau noch nicht, aber viele Möglichkeiten. Mit diesen Aussichten geht das Skype-Interview zu Ende – und dieses Mal hat weder die tansanische Strom- noch die Internetversorgung das Gespräch unterbrochen.