Mit dem Start in Köln ist Spin nun in Deutschland vertreten. Der Newcomer sieht sich Konkurrenten gegenüber, die nach dem Corona-Lockdown wieder aufdrehen.

Ob stationsloser Fahrradverleih, Ridepooling oder Carsharing: Wenn es um innovative Mobilitätsdienste in Deutschland geht, ist Berlin meist das Testfeld neuer Anbieter. Eine Ausnahme bilden elektrische Tretroller – hier wird gerade Köln zum Schauplatz des zunehmend erbitterten Wettkampfs der Verleihdienste. Bereits im März mischte dort das niederländische Start-up Dott die etablierten Anbieter Tier Mobility, Lime und Bird auf. Und seit Anfang der Woche stehen auf den Bürgersteigen der Rhein-Metropole nun auch mehrere hundert orangerot lackierte E-Scooter des Newcomers Spin.

Dass sich das kalifornische Unternehmen Köln für den Europastart ausgeguckt hat, ist kein Zufall: Spin gehört seit Ende 2018 zu Ford – und in Köln ist neben einem Werk auch die Europazentrale des US-Autobauers beheimatet. Mit dem Marktstart setzt Spin eine Ankündigung aus dem Februar um, unklar war wegen der Coronakrise bisher, wann genau der Dienst in Deutschland starten würde. Nun soll es mit der Expansion schnell vorangehen: Schon von der kommenden Woche an sollen die Roller auch in Dortmund und Essen verfügbar sein.

Man habe auch bereits andere Städte in Deutschland, Frankreich und Großbritannien im Visier, sagt Europa-Chef Felix Petersen auf Nachfrage von WirtschaftsWoche Gründer. Die Skalierung solle „verantwortungsbewusst“ und in Absprache mit den Städten erfolgen. „Wir haben keine konkreten Zielvorgaben für die Anzahl an Städten, in denen wir unsere Roller dieses Jahr einführen wollen”, sagt Petersen.

Keine Entsperr-Gebühr, hoher Minutenpreis

Kunden erwartet bei Spin nichts revolutionär Neues. Wie die bekannten Anbieter setzt der Newcomer in Deutschland auf ein stationsloses Verleihsystem – die Fahrzeuge können also spontan per App gemietet und innerhalb eines Geschäftsgebietes irgendwo am Straßenrand wieder zurückgegeben werden. Die Ausstattung der Roller lässt sich für Laien kaum unterscheiden. Alle Anbieter betonten, dass sie eng mit Städten zusammenarbeiten, beispielsweise um Parkverbots-Zonen zu definieren.

Für eine kleine Überraschung sorgt indes das Preismodell: Die Ford-Tochter verzichtet dauerhaft auf die sonst übliche „Entsperr-Gebühr“ von einem Euro. Dafür liegt der Minutenpreis mit 30 Cent deutlich höher – die Konkurrenten verlangen um die 20 Cent. Bei kurzen Fahrten kommen Kunden mit Spin also günstiger weg. Vielfahrer dürften dagegen Abo-Pakete und Mehrfahrten-Tickets vermissen, wie sie Tier, Dott und der schwedische Anbieter Voi in einigen Städten anbieten.

Neustart nach Corona-Lockdown

Die meisten E-Scooter-Start-ups sind nach ihren jüngsten Finanzierungsrunden noch gut mit Wagniskapital ausgestattet. Die vergangenen Monate waren dennoch eine Belastungs-Probe: Während des coronabedingten Lockdown brach die Nachfrage nahezu komplett ein. In vielen Städten reduzierten die Anbieter ihre Flotten, pausierten den Betrieb oder machten die Nutzung für systemrelevante Berufsgruppen kostenlos. Dott etwa hat in dieser Zeit 13.000 Freifahrten spendiert, sagte ein Unternehmenssprecher. So sei der Marktstart – das niederländische Start-up ist erst seit November in Deutschland vertreten – trotz der Coronakrise gelungen.

Experten sagen bereits länger eine Konsolidierungswelle auf dem Markt voraus. Ein erstes Anzeichen war die Übernahme des Berliner Start-ups Circ durch den US-Anbieter Bird. In Deutschland ist die Marke aktuell nicht mehr aktiv – und Bird hat laut einem Bericht von Techcrunch die orangenen Roller auch im Nahen Osten gerade ausgemustert. Der Taxi-Schreck Uber hat sich zuletzt von seinem eigenen Scooter-Geschäft mit der Marke Jump verabschiedet – und sich stattdessen an einer 170 Millionen Dollar schweren Finanzierungsrunde an Lime beteiligt.

Wettlauf um Kleinstädte

Die verbliebenen Anbieter setzen vorerst ihren Expansionskurs fort. Dott etwa startete erst vergangene Woche in Düsseldorf und ist nun in fünf deutschen Städten vertreten. Man setzte auf ein langsames, aber nachhaltiges Wachstum, heißt es bei dem Anbieter. Bei Bird kamen zuletzt unter anderem Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg und Kaiserslautern hinzu. Tier, nach eigenen Angaben Marktführer in Deutschland, ist seit dem Start in Osnabrück vergangenen Woche nun in 38 deutschen Städten aktiv.

Der in Berlin ansässige Verleihdienst setzt dabei seit dieser Saison auf zwei Neuerungen, die in der Branche noch einzigartig sind. Zum einen hat Tier erste E-Scooter in Berlin und Paris mit Boxen für Falthelme ausgerüstet. Zum anderen können Kunden in Berlin, Köln und München nun auch Mopeds mieten. Bei den Fahrzeugen handelt es sich um die, die das Start-up vom eingestellten Bosch-Dienst Coup übernommen hatte.

Technische Innovationen stellt auch Newcomer Spin in Aussicht. In den USA hat die Ford-Tochter bereits in mehreren Städten Ladestationen errichtet, an denen Kunden ihre Scooter vergünstigt zurückgeben können. Diese sogenannten „Spin Hubs“ sollen das Durcheinander auf den Bürgersteigen lichten und den logistischen Aufwand senken. „Wir arbeiten aktuell an Möglichkeiten, diese auch in Deutschland einzuführen“, sagt Petersen. Anbieter wie Dott oder Tier setzen dagegen zunehmend auf E-Scooter mit austauschbaren Akkus. Die Roller müssen so abends nicht mehr zum Aufladen eingesammelt werden.