Die Wiener VC-Firma will sich mit ihrem neuen Fonds an bis zu 90 europäischen Start-ups beteiligen. Zu den Geldgebern zählt der US-Branchenriese NEA.

Sechs Büros, knapp 70 Mitarbeiter – und viel Geld in der Kasse: Die Zeichen stehen auf Wachstum bei Speedinvest. Gegründet vor gut zehn Jahren, hat die in Wien ansässige Wagniskapitalfirma gerade einen neuen Fonds geschlossen. Wie das Unternehmen heute bekanntgab, sind 190 Millionen Euro im Topf. Investiert werden soll das Geld in den kommenden Jahren in 80 bis 90 europäische Start-ups, vornehmlich in sogenannten Seed-Finanzierungsrunden – also sehr frühen Unternehmensphasen. Insgesamt haben Investoren Speedinvest nun insgesamt 400 Millionen Euro anvertraut.

Nach Angaben von CEO Oliver Holle war der neue Fonds stark überzeichnet – Speedinvest habe deswegen auf die Bremse treten müssen. „Bei einer noch höheren Summe könnten wir die Qualität unserer Investments nicht mehr sicherstellen“, so Holle im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer. Unter den Geldgebern seien zum einen viele private Investoren und Family Offices. Zum anderen hat Speedinvest große institutionelle Investoren für sich gewonnen. Darunter sind etwa der Europäische Investitionsfonds EIF, die Erste Bank und New Enterprise Associates (NEA) – eine der weltweit größten VC-Firmen.

NEA und Speedinvest verbindet eine längere Partnerschaft: Die Amerikaner haben sich schon am 90 Millionen Euro schweren Vorgängerfonds 2015 beteiligt. Zwar investiert NEA auch auf eigene Faust in Europa – und ist etwa Gesellschafter des Münchener IoT-Start-ups Konux. Der US-Investor hält es aber erklärtermaßen für zu komplex, selbst die europäische Start-up-Szene nach interessanten Seed-Investments zu durchforsten. Man vertraue deswegen auf Speedinvest.

Starker Fokus auf Deutschland  

Holle stellt sein Unternehmen zunehmend paneuropäisch auf. So wird derzeit ein Büro in Paris aufgebaut. Weitere Standorte neben Wien sind bisher Berlin, München und London. „Wir haben gezeigt, dass wir auch in umkämpften Märkten wie Großbritannien in gute Deals reinkommen können“, sagt Holle. Er verweist darauf, dass Speedinvest im vergangenen Jahr insgesamt 6.500 Start-ups unter die Lupe genommen hat – 80 Prozent mehr als noch im 2018.

Ein Fokus bleibt indes Deutschland. Zu den bekannten Unternehmen im Portfolio gehören hier der E-Scooter-Verleihdienst Tier Mobility, das Weiterbildungs-Start-up Coachhub, der Batterie-Spezialist Twaice  und das Insurtech Wefox. In Berlin sitzt zudem das Speedinvest-Team eines Schwerpunktfonds für digitale Marktplätze, von München aus wird ein Fonds für industrienahe Start-ups beteiligt. Weitere thematische Schwerpunkte von Speedinvest sind Fintechs, Deep-Techs, Digital Health und Consumer Tech.

Speedinvest beansprucht für sich, seine Portfolio-Unternehmen auch abseits finanzieller Dinge stark zu unterstützen. Dafür gibt es ein Team mit über 20 operativen Experten aus den Bereichen HR, Marketing und Geschäftsentwicklung. Ein Büro im Silicon Valley hilft bei der Expansion in die USA hilft. Geplant sei nun auch ein Standort in Asien, kündigt Holle an. Das Konzept ähnelt dem von Project A. Der Berliner Frühphaseninvestor greift Start-ups ebenfalls bei operativen Dingen stark unter die Arme. Für seinen jüngsten Fonds hatte Project A 180 Millionen Euro eingesammelt.

Wachsende Konkurrenz treibt Bewertungen

Auch abseits der Frühphase hatten Wagniskapitalfonds zuletzt großen finanziellen Zuwachs bekommen. So hat Atomico mit seinem Fokus auf Series-A- und Series-B-Runden kürzlich knapp 760 Millionen Euro eingeworben. Die Gründe für den Zulauf: Minuszinsen, eine drohende Immobilienblase und der mit großen Unsicherheiten behaftete Aktienmarkt sind zurzeit für institutionelle Investoren wenig attraktiv. Bei Start-up-Fonds erhoffen sich Kapitalgeber höhere Renditen. Den stärkeren Wettbewerb um attraktive Unternehmen bekommen inzwischen sogar Frühphaseninvestoren zu spüren, sagt Holle: „Die Firmenbewertungen sind auch im Seed-Bereich gestiegen.“ Weitaus stärker betroffen seien aber Investoren, die in späteren Phasen investierten.

Mit den höheren Firmenbewertungen mehren sich indes Stimmen, die Tech-Unternehmen derzeit für massiv überbewertet haben. Befeuert wurde das zuletzt vom Debakel um den Coworking-Anbieter Wework. Kritiker sehen bereits Parallelen zur Dotcom-Blase Anfang der 2000er. An die Zeit erinnert sich der Speedinvest-Chef gut zurück. Auch sein eigenes Start-up bekam damals ohne so recht funktionierendes Geschäftsmodell in kurzer Zeit viel Geld von Investoren – und erlitt fast Schiffsbruch. „Damals fehlten Qualitäten sowohl auf Gründer- als auch auf Investorenseite“, sagt Holle. „Ich bin davon überzeugt, dass die ganze Tech-Szene heute sehr viel professioneller aufgestellt ist.“