Softwareentwickler sind heiß umworben. Große Konzerne bieten viel. Doch mancher Experten will nur eines: für ein Start-up arbeiten.

Der Kampf um Softwareentwickler ist in vollem Gange. Die Kontrahenten: etablierte Unternehmen gegen Start-ups. Letztere ziehen in diesem Wettstreit um die besten Köpfe oft den Kürzeren, weil die Großen mit besserer Bezahlung und einem bekannten Namen locken. Mitunter bleiben IT-Stellen in Start-ups über Monate unbesetzt. Eine Untersuchung des Branchenverbands Bitkom vom Oktober 2013 ergab 39.000 offenen Stellen für IT-Experten, im Jahr davor waren es sogar 42.000. Bitkom-Präsident Dieter Kempf sprach damals von einem strukturellen Problem, das dauerhaft und weitgehend unabhängig von der konjunkturellen Entwicklung bestehe.

„Dabei kann man nirgendwo so frei experimentieren und seine Ideen so erfolgsversprechend einbringen, wie in einem Unternehmen, das sich noch im Aufbau befindet“, sagt Tobias Mersmann aus Hamburg. Er und ein Berliner Kollege erzählen, warum sie sich trotz zahlreicher Angebote für eine Tätigkeit in einem Start-up entschieden haben.

Tobias Mersmann

Ich bin Quereinsteiger in meinem Gebiet. Ursprünglich habe ich BWL studiert, dann aber schon während des Studiums gemerkt, dass mein Interesse eigentlich eher im IT-Bereich liegt. Ich habe sogar meine Bachelor-Arbeit zum Thema Programmieren geschrieben.

Nach dem Abschluss habe ich mich eigenständig weitergebildet, schließlich ein Gewerbe angemeldet und auf selbstständiger Basis an Projekten gearbeitet. Nach einiger Zeit hatte ich mir ein anständiges Portfolio aufgebaut und es kamen die ersten Angebote für eine Festanstellung.

Eigene Ideen einbringen

Dass mich mein erster Job in ein Start-up geführt hat, ist kein Zufall: Ich kann frei experimentieren und folge nicht ausschließlich den Vorgaben meiner Chefs. Wenn ich eigene Ideen einbringen will, geht das auf kurzem und informellem Weg. Hierarchien müssen nicht eingehalten werden und ich habe auch als Mitarbeiter eine gewisse Verantwortung. Das gefällt mir. In einer großen Firma sind die Strukturen festgefahrener. Dort verwendet man als Softwareentwickler in einer gehobenen Position ziemlich viel Zeit auf Meetings und Verwaltungsaufgaben, das weiß ich von Bekannten. Das eigentliche Programmieren kommt dadurch oft zu kurz.

Niedrigeres Gehalt

Spannend finde ich auch, dass sich die Aufgaben in einem Start-up schnell und ständig ändern. Man hat nie nur ein Spezialgebiet an dem man arbeitet, sondern ist mehr Generalist. Das liegt mir – auch die Tatsache, dass man sich darum ständig weiterbilden muss, finde ich gut.

Natürlich gibt es auch Vorteile, wenn man als Softwareentwickler in einem großen Unternehmen unterkommt: Einer ist die Bezahlung. Das Gehalt ist dort selbstverständlich höher als bei einer Firma, die gerade erst angefangen hat. Auch wer viel Wert auf geregelte Arbeitszeiten und bezahlte Überstunden legt, ist bei einem großen Unternehmen sicher besser aufgehoben.

Tobias Mersmann, 29, arbeitet beim Hamburger Start-up Look Local

SandorFarkas_HeyHoliday

Seit ich vor acht Jahren meine Ausbildung zum Fachinformatiker bei der Deutschen Rentenversicherung Bund abgeschlossen habe, bin ich ausschließlich in Start-ups tätig gewesen. Sechs an der Zahl waren es – eines davon mein eigenes, als ich mich zwischendurch als Gründer versucht habe.

Für meine Affinität zu Start-ups gibt es zwei Gründe. Der erste ist rein pragmatischer Natur: Ich bin Berliner und möchte hier auch nicht weg. Vor Ort gibt es allerdings nicht viele große Unternehmen, die Leute mit meinem Spezialgebiet anstellen.

Offene Atmosphäre

Das empfinde ich aber nicht als Problem, denn mir persönlich gefällt das Arbeiten in einem Start-up ohnehin besser. Womit wir schon beim zweiten Grund wären:

Es liegt mir viel daran in meinem Job auch meine eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das ist in einem jungen, sich im Aufbau befindenden Unternehmen viel leichter möglich als in einem dessen Strukturen ziemlich festgefahren sind. Wir arbeiten in einem kleinen Team, die Geschäftsführer sind schnell und unkompliziert erreichbar und für Ideen immer offen.

Wenn der Headhunter anruft

Klar ist auch: Wer sich für eine Stelle in einem Start-up entscheidet, muss wissen, dass das kein nine-to-five-Job ist, denn wenn wir an etwas Dringlichem arbeiten, lässt man nicht alles stehen und liegen. Überstunden gehören einfach dazu.

Ich höre immer wieder, dass Start-ups große Probleme haben Softwareentwickler zu finden. Das liegt meiner Meinung nach nicht nur daran, dass es nicht genug von ihnen gibt, sondern daran, dass nicht alle, die dem Markt zur Verfügung stehen, ausreichend qualifiziert sind. Die Guten erhalten darum ständig mehr oder weniger lukrative Angebote für einen Jobwechsel. Auch ich habe gefühlt täglich eine E-Mail von einem Headhunter in meinem Postfach. In den sieben Jahren meiner beruflichen Tätigkeit habe ich mich nur ein einziges Mal aktiv um eine Stelle bemüht, die anderen Male wurde ich abgeworben.

Sandor Farkas, 27, arbeitet beim Berliner Start-up HeyHoliday