Sozialunternehmen sind darauf trainiert, mit wenigen Ressourcen viel zu erreichen. Eine Umfrage zeigt jedoch: Aktuell verstärken sich viele Herausforderungen, die bereits vor der Corona-Krise bestanden.

Schon Ende März schlug Quartiermeister Alarm: „Die letzten Tage haben uns vor extreme Herausforderungen gestellt und uns zu drastischen Maßnahmen gezwungen“, heißt es in einem Blogbeitrag. Zu Quartiermeister gehören eine Biermarke und ein angeschlossener Verein. Eigentlich fließen bei dem Berliner Social-Start-up zehn Cent pro verkauftem Liter an Nachbarschaftsprojekte. In der Corona-Krise mit lange geschlossenen Gaststätten bricht der Umsatz ein – und  Quartiermeister zieht die Notbremse: Kurzarbeit, gekürzte Gehälter für die Geschäftsführung, ein Stopp der Online-Abstimmung über die nächste Projektförderung.

Ein Geschäftsmodell mit gutem Gewissen: Viele junge Unternehmen setzen auf Start-up-Methoden, um Probleme lösen zu können. Dazu kann ein klassischer Ansatz zählen, bei dem Überschüsse in soziale Projekte investiert werden. Oder die direkte Arbeit in oder am Gesundheits- oder Bildungssystem. Statt hoher Renditen setzen die Gründerinnen und Gründer hier auf eine maximale Wirkung in der Gesellschaft.

Die Zeit läuft den Social-Start-ups davon

Das heißt aber auch: Satzungsgemäß gibt es oft nur geringe Finanzpolster und kaum Investoren im Hintergrund. In der aktuellen Krise führt das zu massiven Problemen: Die Hälfte deutschen Sozialunternehmen gibt an, höchstens noch sechs Monate geschäftsfähig bleiben zu können, wenn sich die Situation nicht deutlich verbessert. Das zeigt eine Umfrage des Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND e.V.), die in dieser Woche veröffentlicht wurde (hier geht es zum PDF).

158 junge Unternehmen wurden dafür Ende April befragt. Drei Viertel der sozial ausgerichteten Start-ups gaben an, dass sie massiv unter dem Rückgang von Einnahmen aus dem Verkauf ihrer Produkte leiden. Die zusätzliche Herausforderung: Die meisten Hilfsprogramme von Bund und Ländern greifen aufgrund der Besonderheiten im Geschäftsmodell nicht. Wer etwa den Großteil seiner Gewinne reinvestiert, der kann keine verlässlichen Kredittilgung nachweisen. „Die Herausforderungen, die bereits vor der Krise bestanden, haben sich potenziert“, sagt Marcus Sauerhammer, Vorsitzender von SEND.

Das spiegelt sich in der Umfrage wider. Nur drei Prozent der Social-Start-ups haben einen KfW-Kredit zu nutzen. Knapp elf Prozent griffen auf Landesprogramme zur Liquiditätssicherung zurück. Immerhin jedes dritte Unternehmen konnte den einmaligen Zuschuss für Kleinbetriebe nutzen – der in den meisten Fällen jedoch nicht dafür gedacht, dass Gründer in kleinen Start-ups ihren Lebensunterhalt finanzieren können. Der Verband pocht daher auf den Forderungen, die bereits vor der Krise erhoben wurden. Dazu zählen etwa passende Rechtsformen oder auch gemeinsame Fonds von staatlichem und privaten Kapital, wie sie bereits in der europäischen Nachbarschaft umgesetzt wurden.

Ideen der Start-ups werden wichtiger

Aktuell fürchten viele der Social-Start-ups um ihre Existenz. Ihre generelle Ausrichtung dürfte in den kommenden Monaten und Jahren dagegen an Bedeutung gewinnen. Social-Start-ups böten Lösungen für gesellschaftliche Probleme und wollen ihren Beitrag dazu leisten, damit Deutschland aus der Krise kommt, sagt etwa Sauerhammer: „Der Bedarf für Lösungen, z. B. in den Bereichen Nachbarschaftshilfe, Gesundheit oder dem digitalen Arbeiten, wurde in den letzten Wochen noch sehr viel deutlicher.“

Auch Quartiermeister bleibt trotz der massiven Umsatzeinbrüche optimistisch, was die generelle Mission angeht. Auf der Homepage schreibt das Unternehmen: „In Zeiten wie diesen zeigt sich, wie wichtig eine funktionierende Nachbarschaft, eine gemeinwohlorientierte Wirtschaft und solidarisches Handeln auf allen Ebenen sind.“