Social Freezing, bekannt durch Apple und Facebook, wird auch in Deutschland beliebter. Ein Rostocker Start-up hilft dabei, den Kinderwunsch auf Eis zu legen.

Die Spritzen mussten ins Flugzeug. Sie waren Teil der Vorbereitung für den Eingriff. Wenige Tage später, so erzählt Pia Poppenreiter, sollten ihr damals Eizellen entnommen und eingefroren werden. Die Spritzen mussten also mit. Ihr war das klar – dem Flughafenpersonal weniger.

Frauen in Deutschland kriegen ihre Kinder immer später. Im Schnitt sind Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes 30,5 Jahre alt. Und immer mehr Frauen verpassen den richtigen Moment und haben Schwierigkeiten, überhaupt noch schwanger zu werden. Frauen wie Poppenreiter versuchen deshalb, den Kinderwunsch – wortwörtlich – auf Eis zu legen, und lassen ihre Eizellen durch Social Freezing für später konservieren.

Einen Schub hat dieser Trend durch Apple und Facebook bekommen. Die US-Konzerne übernehmen für Mütter seit kurzem die Kosten für die Behandlung. Die Nachricht traf damals international auf ein großes Medienecho.

Gründer Mathias Freund ist einer der Menschen, die Frauen wie Poppenreiter bei der Konservierung ihrer Eizellen helfen wollen. Seit diesem Jahr bietet der Gründer den Service mit seiner Firma Seracell Pharma an. Das Unternehmen hat er bereits 2002 gegründet. Begonnen hat Freund im Bereich der Stammzell- und Gewebetechnologie. Seracell bietet unter anderem die private Einlagerung von Stammzellen aus Nabelschnurblut an und arbeitet dafür mit mehr als 750 Geburtskliniken.

Eingefroren bei Minus 200 Grad

Nun kooperiert Freund mit Kinderwunschzentren und bietet eine Langzeitlagerung mit Entnahmen, Transport und Aufbewahrung der Eizellen an. Die Art der Lagerung, bei der die Eizellen bei rund Minus 200 Grad eingefroren werden, seien als Vorsorge für Krebspatienten entwickelt worden, sagt Freund. Nun bestünde aber auch ohne medizinischen Grund eine vermehrte Nachfrage, die das Unternehmen decken will.

Für das Social Freezing werden den Frauen im Schnitt in drei Stimulationszyklen zwischen zehn und 20 Eizellen entnommen und diese vitrifiziert, das heißt eingefroren. Zwischen 80 und 90 Prozent der eingefrorenen Eizellen sollen nach dem Auftauen noch für eine Befruchtung in Frage kommen. „Wir wollen Frauen ein Stück Freiheit bieten“, sagt Freund über das Angebot, das so heißt, weil es soziale und keine medizinischen Gründe für die Eizell-Entnahme impliziert.

Viele Frauen, so Freund, wollten sich heute selbstverwirklichen und wie Männer Karriere machen, anstatt nach dem Studium direkt Kinder zu kriegen. Das führe dazu, dass die Frauen erst sehr viel später schwanger werden. Biologisch gesehen, so Freund, sollte man seine Kinder aber schon in den frühen Zwanzigern bekommen. Nur entspreche dies nicht mehr den gesellschaftlichen Entwicklungen.

Ähnlich sieht das Peter Sydow. Er ist leitender Arzt des Kinderwunschzentrums Praxisklinik Sydow, in der er auch Social Freezing anbietet. Zu ihm kommen Frauen, wenn sie Schwierigkeiten haben, Kinder zu bekommen. Seine Patienten sind im Schnitt 37 Jahre alt. Vor zehn Jahren habe man noch organische oder hormonelle Probleme bei Frauen behandeln müssen, sagt Sydow. „Bei den Frauen, die heute kommen, steht das Lebensalter im Mittelpunkt.“ Die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit sinke unter anderem durch die Abnahme der Eizellzahl und deren Qualität einfach zu weit. „Das ist vielen Frauen nicht klar.“

„Ich wollte mir den Druck nehmen“

Pia Poppenreiter hat sich vor kurzem für den Eingriff entschieden. Sie ist Mitgründerin von mehreren Start-ups, darunter Peppr, einer App zum Buchen von erotischen Dienstleistungen. „Ich wollte mir einfach den Druck nehmen und als Frau nicht benachteiligt sein gegenüber männlichen Gründern“, sagt die 28-Jährige.

Zudem ist sie Single: Neben dem Wunsch nach einer Karriere, fehlt ihr wie vielen Frauen, die sich für Social Freezing entscheiden, auch der richtige Partner. Mehrere tausend Euro muss Poppenreiter für die Entnahme der Eizellen und ihre Aufbewahrung zahlen. Die spätere künstliche Befruchtung ist da noch nicht dabei. Trotzdem, findet sie, habe sich der Eingriff gelohnt.

Freund will bis Ende des Jahres mit bis zu zehn Praxen kooperieren, die die Entnahmen durchführen und bei ihm einlagern. Realistisch, glaubt Freund. Denn die Nachfrage steigt.