In der Stahlindustrie sieht das Berliner Start-up günstige Voraussetzungen, um sich international an die Spitze zu setzen: Mengen an Daten und ein drängendes Optimierungsproblem.

Dass der promovierte Mathematiker und Informatiker Falk-Florian Henrich seit drei Jahren an seiner Stahl-Expertise arbeitet, hat nur zum Teil mit Begeisterung für Lichtbogenöfen und Konverter zu tun. In erster Linie findet er in der Industrie verschiedene interessante Anwendungsfelder für Künstliche Intelligenz (KI), wie er die Ergebnisse seiner Marktanalyse in 2016 beschreibt.

Die Konsequenz: Anfang des Jahres verkaufte er seine erste Firma Celera One, die sich auf Verlagssoftware spezialisiert hat, und setzte das Kapital ein, um sich mit Smart Steel Technologies und einem Team aus 15 Personen ganz auf die Stahl-Branche zu konzentrieren.

Was die Industrie für sein neues unternehmerisches Vorhaben qualifiziert: einerseits ein Herstellungsprozess, der mit einer Vielzahl von Messwerten protokolliert ist, und andererseits mehrere gewichtige Probleme, die die Unternehmen seiner Ansicht nach bislang nicht richtig in den Griff bekommen. „Die Stahlbranche steht weltweit unter einem enormen Wettbewerbsdruck“, sagt Henrich. So drängt zum Beispiel die Suche nach Lösungen, um beim Erhitzen des Materials – in der Regel mit Strom – mit weniger Energie auszukommen und so Kosten zu sparen. Außerdem steht die Branche vor der Herausforderung, für einen geringeren Ausstoß von klimaschädlichen Gasen wie Kohlenstoffdioxid zu sorgen.

Wie Smart Steel Technologies aus Berlin helfen will: Die Firma entwickelt eine selbstlernende Software, die die Temperatur des flüssigen Stahls im Verlauf des gesamten Prozesses vorhersagen kann – vom Einschmelzen der Schrott-Teile bis hin zum Gießen des wiederaufbereiteten Materials. Denn es kommt auf Präzision an: Die Temperaturen an den jeweiligen Produktionsstationen müssen exakt stimmen, um die Qualität des Stahls zu sichern.

Angriff auf vorhandene Modelle

Die KI errechnet nun den optimalen Verlauf und ermöglicht es dadurch laut Henrich, bereits mit niedrigeren Anfangstemperaturen einzusteigen: „Stahlwerke können dank unserer Software die Sicherheitspuffer für die Temperatur deutlich reduzieren”, sagt der 42-jährige Gründer. Auch sei auf dem Weg der sogenannten Pfannen durch das Werk weniger Energie notwendig, um elektrisch nachzuheizen. Bei Temperaturen bis zu 1.600 Grad Celsius seien die Effekte deutlich.

Optimierungsversuche der Art betreiben die Stahlproduzenten bereits selbst, Henrich will mit seiner Software nun genauere Vorhersagen erreichen – durch „ausgefeiltere Berechnungsmodelle“, wie er zu WirtschaftsWoche Gründer sagt. Er wirbt damit, bei einer jährlichen Produktionsmenge von fünf Millionen Tonnen Stahl nur durch die Temperatur-Optimierung zwischen vier und fünf Millionen Euro an Einsparungen zu erzielen. Zudem will er in der Branche mit Bilderkennungstechnologie Fuß fassen: So wertet das Start-up zum Beispiel Videoaufnahmen aus, die sogenannte Stahlbänder auf ihrem Weg aus dem Walzwerk zeigen. Hier soll KI dabei helfen, anhand der Bilder von Oberflächen potenzielle Qualitätsmängel zu erkennen und zu bewerten.

Brücke zum Karlsruher KI-Cluster

Künftig wird es für die junge Firma darauf ankommen, den Werken möglichst umfassende Lösungen anzubieten. Denn der Markt ist klar begrenzt: Etwa 9.000 Einzelbetriebe weltweit zählt Henrich zu seiner Zielgruppe. „Wir ergänzen unsere Software nach und nach um weitere Bausteine, sodass wir mit einer kompletten Plattform den ganzen Prozess vom Erz bis zum Autoblech abdecken können“, sagt der Geschäftsführer. Er geht davon aus, dass sich der Wettlauf um die beste Technologie für den Stahlsektor in den kommenden fünf Jahren entscheiden wird. „2024 wollen wir weltweit unter den Top Drei der Anbieter sein“, so Henrich.

Finanziellen Anschub leistet der auf Tech-Unternehmen spezialisierte Investor LEA Partners aus Karlsruhe mit 2,1 Millionen Euro, wie heute bekanntgegeben wurde. Punkten konnte das Team von Smart Steel Technologies mit „kombinierter Expertise aus IT-Entwicklung sowie Metallurgie“, lässt sich Partner Bernhard Janke in einer Pressemitteilung ziteren. Vom neuen Kapitalgeber erhofft sich das Start-up auch Know-how-Vorteile – unter anderem durch die Nähe zum lokalen KI-Cluster. Henrich strebt unter anderem eine Forschungspartnerschaft mit Karlsruher KI-Experten an, um sich bei der grundlegenden Technologie einen Vorsprung zu erarbeiten. Denn sein Ziel ist es, sich auch längerfristig als unabhängiger Softwareanbieter zu halten.