Das Münchener Unternehmen bereitet medizinische Befunde systematisch auf. Um noch mehr aus den Daten zu machen, wurde jetzt das junge Start-up Health Data Pioneers übernommen.

Ein Bild, tausend verschiedene Worte: Auch wenn Röntgenaufnahme einen klaren Befund zeigen, kann sich die Interpretation der Ärzte unterscheiden. „Viele Mediziner diktieren einen freien Text“, beschreibt Wieland Sommer einen problembehafteten Prozess, „das führt dazu, dass man unterschiedlichste Befunde hat, die nicht vergleichbar sind.“ Mit seinem Start-up will der Radiologe seit 2014 mehr Struktur in die medizinischen Daten bringen.

Damit betreibt Smart Reporting Grundlagenarbeit in einem Markt voller Hoffnungen. Algorithmen, häufig unter dem Label Künstliche Intelligenz, können Mediziner bei Routinearbeiten entlasten oder aus großen Datenmengen wichtige Zusammenhänge erkennen. Junge Tech-Firmen wie Vara, Mediaire oder Capton Health arbeiten mit ihrer Software an solchen Lösungen. Häufig fehlen aber eben noch strukturierte Daten, die automatisiert durchsucht und analysiert werden können.

10.000 Radiologen nutzen die Software

Die Software von Smart Reporting will die Ärzte durch die Befundung führen, hakt bei unklaren Eingaben nach – im Hintergrund prüft das Programm zudem aktuelle Klassifikationen ab. „Wir bieten dem Arzt ein Assistenzsystem”, sagt Sommer, “das macht den Mediziner schneller und die Daten auswertbar.“ Anfang des Jahres entwickelte das Start-up etwa eine Befundungsvorlage für Infektionen mit dem Coronavirus. In Kooperation mit einer niederländischen Firma wurden dazu auch Röntgenbilder ausgewertet – und dann in Richtlinien übersetzt, auf die Ärzte über Smart Reporting zugreifen konnten. „Die meisten Radiologen hatten die Erkrankung ja noch nie zuvor gesehen“, sagt Sommer.

Nach eigenen Angaben setzen bereits mehr als 10.000 Radiologen in 90 Ländern auf das Programm. Auch in verwandten Disziplinen, wie etwa der Onkologie oder Pathologie, sieht Gründer Sommer noch erhebliches Wachstumspotenzial. Zudem will sich das junge Unternehmen noch breiter aufstellen, wenn es um das Zusammenführen von verschiedenen medizinischen Daten geht. Zu diesem Zweck hat Smart Reporting nun das 2018 gegründete Start-up Health Data Pioneers übernommen. Dessen Software führt Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammen und anonymisiert sie. So können zügig krankenhausübergreifende Register aufgebaut werden, hilfreich etwa für Medikamentenstudien.

15-Millionen-Finanzierung ermöglicht Übernahme

Wie viel Geld Smart Reporting für die Übernahme bezahlte, ist nicht bekannt. Kapital ist jedoch vorhanden: Erst im April hatte das Start-up eine Finanzierungsrunde über 15 Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt wurde die Kapitalerhöhung vom Frühphaseninvestor Yabeo, der sich bereits an verschiedenen Start-ups rund um das Thema Gesundheit beteiligt hat. Daneben haben sich einige Münchener Unternehmer aus ihrem Privatvermögen an Smart Reporting investiert. Darunter die Professorin und Multi-Aufsichtsrätin Ann-Kristin Achleitner, der langjährige Linde-Chef Wolfgang Reitzle sowie Investor Rolf Dienst.

Die Health-Data-Pioneers-Gründer verstärken jetzt das aktuell etwa 70-köpfige Smart-Reporting-Team. Gemeinsam will man mit der Software an Medizingerätehersteller und Krankenhäuser herantreten. „Die Herausforderung ist der Marktzugang“, sagt Sommer. „Viele Medizin-Start-ups scheitern nicht an der technischen Lösung, sondern daran, dass sie erst gar nicht an den Arzt herankommen.“