Das Darmstädter Start-up verleiht E-Lastenräder an festen Stationen. Den nötigen Schub soll eine enge Zusammenarbeit mit Wohnungsunternehmen bringen.

Viele E-Scooter-Verleihdienste pausierten den Betrieb, Carsharing-Anbieter reduzierten ihre Flotten: Die erste Corona-Welle vor einem Jahr hat Mobilitätsdienste schwer getroffen – und die Skepsis an manchem Geschäftsmodell genährt. Tobias Lochen (mittig im Foto) hat es dennoch nicht bereut, ausgerechnet in dieser Phase die zweirädrigen Sharing-Fahrzeuge seines Start-ups Sigo auf die Straße zu bringen. Das Nutzungsprofil sei ein anderes: „E-Lastenräder werden nicht so sehr für den Weg zur Arbeit, sondern vor allem auch zum Einkaufen und in der Freizeit genutzt.“

36 der Lastenbikes in zwölf Städten hat das Darmstädter Start-up im vergangenen Jahr in Betrieb genommen – und will rasch expandieren. Bis Ende 2021 sollen es schon mehrere hundert sein. Die Vision: „Wir wollen es überflüssig machen, in der Stadt einen Pkw zu besitzen“, sagt der Gründer, der in Hamburg aufgewachsen ist und selbst nie einen Führerschein gemacht hat. Für Großeinkäufe, oder um den Nachwuchs beispielsweise zum Kindergarten zu bringen, eigneten sich auch die Lastenräder.

Tatsächlich erfreuen sich Gefährte wachsender Beliebtheit: Unter anderem getrieben vom Boom der Cargo-Bikes wurden laut dem Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) im ersten Halbjahr 2020 knapp 16 Prozent mehr E-Bikes verkauft. Davon profitierten auch Start-ups stark. Junge Hersteller von Cargo-Bikes spüren unter anderem aus der Logistikbranche eine große Nachfrage. Sigo richtet sich dagegen Privatleute, denen die Anschaffungskosten zu hoch sind – oder denen der Platz fehlt, um ein sperriges Lastenrad sicher abzustellen.

Kostensenker beim Wohnungsbau

Das Darmstädter Start-up setzt auf feste Stationen, an denen die Fahrräder auch kontaktlos per Induktion geladen werden. Bei der Standortsuche arbeitet es mit Wohnungsunternehmen zusammen. Die stellen Platz und Stromanschlüsse auf ihren Grundstücken zur Verfügung, das Start-up kümmert sich um die Wartung der Räder. Kooperationspartner bisher sind unter anderem die zum Land Hessen gehörende Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte, der Neusser Bauverein und die DHU Baugenossenschaft.

Wie genau die Kooperationsverträge aussehen, verrät Lochen nicht. Klar ist aber: Die Immobilienunternehmen beteiligen sich auch finanziell am Aufbau der jeweiligen Fahrradflotte vor Ort – und können im Gegenzug an den künftigen Einnahmen beteiligt werden. Ein großer Anreiz dabei: In vielen Bundesländern müssen bei Neubauten auch Pkw-Stellplätze geschaffen werden. Mit Konzepten für eine nachhaltige Mobilität lässt sich die Anzahl der notwendigen Parkplätze oft reduzieren. „Vor allem wenn sonst eine Tiefgarage gebaut werden müsste, ergeben sich enorme Einsparungen“, sagt der Gründer.

Millionenschwere Finanzierungsrunde

Von dem Ansatz hat Lochen im März 2019 bereits erste Geldgeber überzeugt, darunter Nikolaus D. Bayer. Das Business Angels Netzwerk Deutschland hatte den Gründer des an IBM verkauften IT-Sicherheitsunternehmens Iris Analytics im November zum „Business Angel of Year 2020“ gekürt. Nun ist neben weiteren Einzelpersonen ein erster institutioneller Investor an Bord gekommen: Beteiligt hat sich der vom Bundesland Hessen und der EU finanzierte Fonds Hessen Kapital III. Insgesamt steckten die Gesellschafter einen Millionenbetrag in Sigo.

Gründer Lochen macht keinen Hehl daraus, dass er sich eine noch umfangreichere Finanzierungsrunde erhofft hätte. Über eine Crowdfunding-Plattform sucht er aktuell weitere Geldgeber, die 500.000 Euro investieren sollen. Das Geld will er vor allem dafür verwenden, die App und das selbst entwickelte Lastenrad zu verbessern. Auch das aktuell 23 Mitarbeiter große Team soll noch wachsen. „Wir haben den Anspruch, schnell flächendeckend präsent zu sein“, sagt Lochen. Das Konzept des stationsbasierten Verleihs soll dabei Konkurrenten, zu denen der Gründer die Bahn-Tochter Call-a-Bike und Next Bike zählt, auf Abstand halten.

Folgeaufträge von Immobilienunternehmen gibt es für Sigo bereits. Und auch erste Nahverkehrsunternehmen erproben die Räder – so sollen in Bochum und Gelsenkirchen im Laufe des Jahres 18 Stationen in Betrieb gehen. Doch: Mit Verspätung könnte die Coronakrise das Start-up ein Stück weit ausbremsen. Aktuell klagen viele Fahrradhersteller über Engpässe bei Komponenten und Frachtkapazitäten. „Wir haben das Glück, das wir gar nicht so viele Fahrradteile nutzen“, sagt Lochen. „Und die Stückzahlen, die wir brauchen, sind noch überschaubar.“