Das Start-up nutzt KI, um im Netz verstreute Aussagen über Medikamente und Erkrankungen aufzubereiten – das soll die Pharmaforschung beschleunigen. Die NRW Bank stellt jetzt zusätzliches Kapital bereit.

Die Liste klingt erschreckend: Hautkrebs, Brustkrebs, Lungenkrebs, Herzversagen, Schizophrenie, Asthma, Morbus Crohn, Diabetes. Doch die KI des Bielefelder Start-ups Semalytix wird ganz bewusst mit Daten zu Beschwerden und Therapien zu diesen und weiteren Krankheiten versorgt: „Wir wollen Monat für Monat zusätzliche Krankheiten integrieren, um neue Forschung zu ermöglichen“, sagt Gründer Janik Jaskolski.

Die Idee: Je mehr die KI erkennt und verarbeiten kann, umso besser können Pharmafirmen ihre Medikamentenentwicklung feinjustieren. Denn die selbst entwickelte Plattform „Pharos“ durchsucht automatisiert Foren, soziale Netzwerke und andere Online-Quellen auf Patientenaussagen. Aus der Masse an Aussagen sollen so wiederkehrende Symptome oder auch Probleme mit einer Medikation erkannt werden – und das in acht Sprachen.

KI kürzt die Begleitforschung ab

Bislang mussten die Forscher dafür immer wieder zeitraubende Studien und Befragungen starten. Semalytix will den Kunden, darunter bereits etwa Boehringer Ingelheim oder Roche, einen viel schnelleren Überblick geben, welche Themen in Zusammenhang mit Krankheit oder Medikament diskutiert werden. Dadurch können die Firmen entdecken, welche Beschwerden die Menschen tatsächlich plagen – oder auch welche Nebenwirkungen mit einer Therapie verbunden sind. „Wir ersetzen keine primäre Forschung“, betont Jaskolski, „aber wir ergänzen sie und machen gewisse Teile leichter und schneller.“

2015 haben Janik Jaskolski, Philipp Cimiano und Matthias Hartung das Start-up gegründet. Etwa 60 Mitarbeiter arbeiten heute für Semalytix. Nach Jahren des Fokus auf die Künstliche Intelligenz hinter „Pharos“ rückt nun mehr und mehr auch der Vertrieb in den Fokus. Das noch kleine Start-up muss dabei die oft global tätigen Pharmakonzerne erreichen und überzeugen. Jaskolski setzt dafür vor allem auf die Aussagekraft der Plattform, um die Neugier der Fachwelt zu wecken: „Wenn wir genug Evidenz für die Korrektheit unserer Aussagen liefern können, dann ist das alles an Marketing, was wir brauchen.“

Zwei Millionen Euro von der NRW Bank

Im vergangenen Jahr hatte das Start-up dafür bereits eine Finanzierungsrunde über 4,3 Millionen Euro abgeschlossen. Nun kommt noch einmal ein Nachschlag über zwei Millionen Euro dazu. Das zusätzliche Kapital stammt von dem Förderinstitut NRW Bank. Mit dem „Venture Fonds“ unterstützt die Bank schnell wachsende Start-ups im Bundesland. Vorstandsmitglied Michael Stölting lobt den Ansatz von Semalytix: Das Start-up versetze Pharmafirmen in die Lage, aus globalen Patientenerfahrungen Erkenntnisse abzuleiten. „Das bietet in der aktuellen Situation großes Potenzial – denken wir nur an die Verprobung neuer Impfstoffe.“

Umgekehrt freut sich Gründer Jaskolski, einen Investor aus der Nähe gefunden zu haben. Sogenannte Deeptech-Start-ups, die besonders großen Forschungsanteil haben, taten sich viele Jahre schwer, auf ausreichendes Fachwissen und ausreichende Finanzierung zu stoßen. Die lange Zeit schwierige Phase für KI-Start-ups in Deutschland habe sich etwas verbessert – zumindest für die frühen Phasen einer Unternehmensentwicklung: „Existierende Risikokapitalgeber haben sich gute Leute geholt, die Expertise mitbringen“, sagt Jaskolski. „Und neue Fonds suchen oft die Nischen.“