Ein britischer Investor soll dem Berliner Start-up helfen, mit seiner Software im Umfeld des E-Commerce-Riesen zu bestehen. Die Abhängigkeit birgt hohe Risiken.

Rund um den Internethandel-Riesen Amazon tummeln sich Dienstleister, die Herstellern und Händlern zu mehr Sichtbarkeit und höheren Umsätzen über die Plattform verhelfen wollen – und damit ganz auf eine Karte setzen. Eines dieser Unternehmen ist der Berliner Softwareentwickler Marketplace Analytics, der inzwischen als Sellics auftritt. Gestartet 2014 mit Suchmaschinenoptimierung für Amazon, steuert die junge Firma inzwischen auch Werbekampagnen für Marken und Hersteller. Gegen eine monatliche Nutzungsgebühr liefert die Software zudem Gewinnanalysen für die beworbenen Produkte – ein Angebot etwa an Agenturen, die im Amazon-Ökosystem tätig sind.

Das Start-up wettet auf eine Zukunft an der Seite des amerikanischen Online-Giganten und bekommt für das weitere Wachstum Unterstützung von dem britischen Investor Frog Capital. Der Kapitalgeber ist auf Software-Unternehmen spezialisiert und soll Sellics als einziger Investor auch operativ zur Seite stehen. „Wir sind bisher rein aus unseren Umsätzen gewachsen. Dass Frog Capital operativ unterstützt und wir an Inhalten viel mitnehmen, war für uns ein wichtiger Faktor“, sagt Geschäftsführer und Mitgründer Franz Jordan im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer.

Mangelnde Verfügbarkeit von Daten

Die Summe von zehn Millionen US-Dollar aus dem im August abgeschlossenen Deal will er in die Weiterentwicklung der Software stecken und innerhalb der kommenden zwölf Monate 50 Mitarbeiter einstellen. Derzeit besteht das Team aus 100 Personen, davon arbeiten zehn am US-Standort in New York. Den größten Teil des Umsatzes macht Sellics in den USA.

Die zusätzlichen Mitarbeiter sollen vor allem im Vertrieb und der Kundenbetreuung unterstützen: Eine vierstellige Zahl an Unternehmen nutzt nach Angaben von Sellics die Software, darunter etwa der Spielzeughersteller Lego und der Verbrauchsgüterkonzern Unilever.

Um ein möglichst hohes Ranking mit bezahlten Werbeanzeigen zu erreichen, trainiert das Berliner Start-up eine Künstliche Intelligenz, die die Gebote auf bestimmte Schlüsselbegriffe optimieren soll. Eine Hürde ist der eingeschränkte Zugriff auf Amazon-Daten, die die Entwickler benötigen, um die Software zu verbessern. Sellics kann lediglich mit den Daten arbeiten, die die Kunden freigeben. Über Schnittstellen lässt sich so etwa die Zahl der Klicks auf eine Anzeige einsehen und auswerten.

Kein Alternativplan

Das Risiko, dass Amazon das Start-up mit eigenen Lösungen vom Markt drängen könnte, schätzt Geschäftsführer Jordan aktuell als niedrig ein. „Wir bereiten uns nicht konkret auf einen Fall vor“, so der Gründer. Er stehe in engem Austausch mit der Amazon-Zentrale in Seattle, mindestens einmal pro Woche fänden Gespräche statt. „Wir glauben, dass die Zusammenarbeit mit Amazon so eng ist, dass wir keine Überraschung erleben werden, sondern gegebenenfalls Vorbereitungszeit haben“, sagt Jordan.

Zudem verweist er im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer auf einen Testlauf des E-Commerce-Riesen mit einer Art App-Store, in dem Verkäufer nach Software-Lösungen von Drittanbietern suchen können: „Ich denke, das ist ein starkes Singal, dass Amazon stärker mit dem Ökosystem zusammenzuarbeiten und es nicht stärker einschränken will.“

Mit seiner Initiative „Amazon Storefronts“ startete der Weltmarktführer des Onlinehandels im vergangenen Jahr eine Offensive im Werben um neue Händler. Gerade kleine und mittlere Unternehmen sollen durch Kurzporträts und Videos mehr Aufmerksamkeit von Kunden aus der Region erlangen. Mit seinen Ranglisten bei der Produktsuche steht Amazon immer wieder in der Kritik. So wurde erst gestern bekannt, dass der Konzern einem Bericht des „Wall Street Journal“ zufolge Algorithmen verändert haben soll – um die eigenen Marken bevorzugt anzuzeigen. Die Vorwürfe weist Amazon jedoch zurück.