Sellanycar.com möchte den Markt für Autos aus zweiter Hand umkrempeln, indem es den gesamten Verkaufsprozess ins Netz verlagert. Damit ist das Start-up nicht alleine.

Die Geschäftsidee kam Saygin Yalcin, als er vor zwei Jahren sein Auto verkaufen wollte. Sechs Wochen dauerte es, bis er seinen Wagen endlich los war, erinnert sich der Internetunternehmer. Sechs Wochen voller Testfahrten, Treffen mit mitunter dubiosen Interessenten und schließlich jeder Menge Papierkram. „Einerseits hätte ich auf diese sechs Wochen gerne verzichtet“, sagt Yalcin, „anderseits habe ich so eine Marktlücke entdeckt.“

Kurzentschlossen gründete er die Gebrauchtwagen-Plattform sellanycar.com. „Ich wollte das, was mir am Gebrauchtwagenmarkt nicht gefallen hat, mithilfe der Technologie zu lösen, die ich aus dem Netz kannte“, sagt Yalcin, der bereits bei mehreren E-Commerce-Unternehmen in Führungspositionen aktiv war. Der Verkauf sollte vor allem schneller gehen und ohne Papierkrieg. Tatsächlich verspricht sellanycar.com nun einen garantierten Verkauf innerhalb von 30 Minuten, abgewickelt online und ohne Bargeld – ein Besuch in der Werkstatt ist aber dennoch nötig.

Das Modell hat sich mittlerweile in der Türkei, Saudi Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten etabliert, wo Yalcin das Unternehmen gegründet hat. Etwa 800 Anfragen erreichten das Unternehmen dort am Tag, sagt der Gründer. Mittlerweile wurde sellanycar.com von der arabischen Fachpresse zum Business des Jahres gewählt und Yalcin mit Entrepreneurspreisen ausgezeichnet.

Geschäftsmodell mit Geschwindigkeit

Mitte Juli hat er sein Geschäftsmodell per Softlaunch auch in seinem Heimatland Deutschland an den Start gebracht, Anfang August soll die Werbekampagne anlaufen. Die Ziele sind hoch: In anderthalb Jahren soll sellanycar.com unter den Top-Drei der Autoankäufer und unter den zehn größten Gebrauchtwagenportalen in Deutschland stehen.

Das passt zum Geschäftsmodell, das auf Geschwindigkeit ausgelegt ist: Privatkunden geben auf der Website Eckdaten ihres Gebrauchtwagens wie Marke, Modell und Baujahr ein und der Rechner spuckt eine erste – unverbindliche – Preisschätzung aus. In einem zweiten Schritt verabreden die Verkäufer einen Termin in einer Werkstatt, in der Inspekteure von sellanycar.com das Auto einer dreißigminütigen Prüfung inklusive Testfahrt unterziehen. Am Ende stehe immer ein konkretes Kaufangebot von sellanycar.com, sagt Yalcin.

Dass die Preise der ersten Schätzung vom konkreten Kaufangebot abweichen, könne vorkommen. Allerdings sei das System selbstlernend, mit der Zeit solle die Streuung also immer kleiner werden. Ein Kaufangebot gebe es aber in jedem Fall. „Wir haben sowohl Autos im Wert von einem wie auch von anderthalb Millionen US-Dollar gekauft“, sagt Yalcin.

Nimmt der Kunde das Angebot an, regelt die Plattform alles Weitere – strikt online und bargeldlos – der Wagen kann direkt in der Werkstatt bleiben, der Kunde bekommt einen Mietwagen. Im Hintergrund versteigert sellanycar.com das Auto wiederum an Händler, von denen es Kommission kassiert.

Konkurrenz aus den USA und durch die Samwers

Mit dem Vorhaben, den Gebrauchtwagenmarkt per Digitalisierung umzukrempeln, bewegt sich Yalcin in einem derzeit heißumkämpften Terrain. „Die Automatisierung von Verkaufsprozessen wird in den nächsten Jahren immer weiter voranschreiten, das wird auch den Automarkt verändern“, sagt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch-Gladbach. „Viele Unternehmen entwickeln derzeit Konzepte, in denen sie den Gebrauchtwagenmarkt digitalisieren.“

Tatsächlich sind gerade aus der Start-up-Szene einige Unternehmen hervorgegangen, die ähnliche Konzepte verfolgen. Das Berliner Unternehmen Auto1.com um die Gründer Christian Bertermann und Hakan Koc, zu dem die Plattform wirkaufendeinauto.de gehört, verfolgt ein sehr ähnliches Geschäftsmodell wie sellanycar.com. Mittlerweile wird das Unternehmen mit mehr als einer Milliarde US-Dollar bewertet und verzeichnet nach eigenen Angaben monatlich 70 Millionen Dollar Umsatz.

Auch die Online-Tausendsassa von Rocket Internet sind im Markt aktiv und haben mit Carspring im Frühjahr eine eigene Plattform in London getestet, die sich allerdings in erster Linie an Privatkäufer richtet. Im Sommer soll sie auch in Deutschland an den Start gehen.

Dort treffen die Plattformen auf einen Markt im Wandel, schließlich ist der Gebrauchtwagenmarkt in Deutschland minimal rückläufig, wie Zahlen der Deutschen Automobil Treuhand (DAT) zeigen. Insgesamt haben im vergangenen Jahr 7,07 Millionen Fahrzeuge den Besitzer gewechselt, das sind minus 0,3 Prozent.

Auffälliger ist aber die veränderte Zusammensetzung des Markts: Während Verkäufe unter Privatleuten um 5,3 Prozent auf 2,89 Millionen zurückgingen, schrumpfte der freie Handel sogar um 15,1 Prozent auf 1,73 Millionen. Fast ausgleichen konnte das allerdings der Zuwachs der Verkäufe durch Markenhändler um 17,3 Prozent auf 2,7 Millionen Fahrzeuge.

Interessant – und eine Herausforderung für die Portale: Gebrauchtwagenbörsen gelten vielen privaten Interessenten nur als Informationsquelle (36 Prozent), 38 Prozent greifen überhaupt nicht auf die Plattformen zurück. Nur etwas mehr als ein Viertel informiert sich auf Internetbörsen über Gebrauchtwagen und schlägt schließlich auch dort zu.

Weg vom laminierten-Visitenkarten-Image

„Es ist sehr ambitioniert, aber es besteht durchaus die Möglichkeit, den Markt aufzumischen“, sagt Marcus Krekeler, Geschäftsführer der dgroup, eine der europaweit größten spezialisierten Beratungen für digitale Transformation. Dafür müssen es die neuen Portale allerdings mit etablierter Konkurrenz aufnehmen. „Mobile.de und Autoscout24 sind in Deutschland die Marktführer und das mit Abstand“, sagt Krekeler. „Dort werden viele Autos angeboten, die Namen sind seit Jahren bekannt und sie stehen für Seriosität.“

Besonders die Glaubwürdigkeit sei ein enorm wichtiger Faktor für die neuen Plattformen – schließlich sei die Branche bekannt für halbseidene Geschäftemacher. „Jeder, der einmal mit Gebrauchtwagen zu tun hatte, weiß, dass das einfach ein unseriöser Markt ist. Man sollte also alles tun, um Glaubwürdigkeit aufzubauen“, sagt Krekeler. Das gilt besonders für die neuen Plattformen. Ihre Namen erinnern schließlich stark an die Werbesprüche auf laminierten Visitenkarten, die fragwürdige Händler häufig auf öffentlichen Parkplätzen hinter die Scheibenwischer der abgestellten Autos klemmen.

Yalcin ist das bewusst. „Die Visitenkartenproblematik müssen wir umgehen“, sagt der Gründer. Dafür setzt er auf Kooperation mit bekannten Institutionen. Die Inspektoren, die die Autos untersuchen und schließlich das Angebot machen, sind TÜV- oder Dekra-zertifiziert oder verfügen über mindestens fünf Jahre Berufserfahrung. Die Werkstätten, in denen die Inspektionen stattfinden, gehören entweder sellanycar.com selbst oder dem Konzern Stop&Go. Auch Auto1.com wirbt mit einer Zertifizierung des TÜV Saarland und positioniert Kundenbewertungen gut sichtbar auf der Webseite. Carspring bietet eine kostenlose 14-Tage-Rückgabegarantie.

Für Krekeler ist das der richtige Weg. „In Deutschland – und gerade wenn es ums Auto geht – gilt: Wir glauben an Zertifizierungen und Behörden. Als Kunde muss man das Gefühl haben, dass das Unternehmen transparent und ehrlich ist.“

Automobil-Forscher Bratzel sieht dennoch einige Hindernisse. Gerade die Summen, die beim Autohandel im Spiel seien, könnten den Erfolg zunächst hemmen. „Wenn es um Beträge unter 10.000 Euro geht, kann ich mir vorstellen, dass die Plattformen hierzulande Kunden finden. Für höherwertige Modelle muss wahrscheinlich erst einmal Vertrauen aufgebaut werden“, sagt Bratzel.

Wettrennen um die Gunst der Kunden

Zumindest bei Investoren ist Yalcin das bislang gelungen. Im arabischen Raum hat er diverse Geldgeber gefunden, darunter den Telekommunikationskonzern Etisalat oder das größte Leihwagenunternehmen Saudi-Arabiens. Nun sollen neue Investoren dazukommen. „Für unsere Expansion nach Deutschland haben wir einen Finanzierungsbedarf von etwa 100 Millionen Euro“, sagt Yalcin.

Eine solche Finanzierungsrunde würde sellanycar.com nach eigenen Angaben auf einen Wert von etwa einer Milliarde US-Dollar und damit auf eine Ebene mit Konkurrent Auto1.com heben. Um für sein Geschäft zu werben, war Yalcin kürzlich in den USA und hat die Werbetrommel gerührt – es gehe allerdings in erster Linie um die Diversifizierung des Portfolios. Auch mit deutschen Investoren sei man in guten Gesprächen, hier gehe es allerdings hauptsächlich um strukturelle Unterstützung bei Infrastruktur- und Logistikfragen.

Im August soll die Plattform mit einer Medienkampagne an den Start gehen. Für einen ähnlichen Zeitraum hat Carspring seinen Markteintritt angekündigt. Es dürfte also ein klassisches Wettrennen um die Gunst der Kunden geben.