Wenn es ums Gründen geht, ist Schweden Vorreiter: In Stockholm wird mehr gegründet als in Berlin, sagt Gerrit Seidel,  Senior Vice President bei Klarna.

Gerrit Seidel ist Senior Vice President des schwedischen Internet-Zahlungsdienstleisters Klarna für die Region Deutschland, Österreich und Schweiz und CEO der Klarna-Tochter SOFORT AG. Er arbeitet in Deutschland und Schweden und kennt als Angel-Investor die Start-up-Communities beider Länder.

Herr Seidel, ist Schweden ein Land der Gründer?

Die Gründungsdichte in Schweden ist im Vergleich zur Einwohnerzahl sehr hoch, vor allem in Stockholm, dem Gründungszentrum des Landes. Vergangenes Jahr wurde dort prozentual gesehen sogar mehr gegründet als in Berlin. In der 900.000 Einwohner-Stadt entstanden 850 Start-ups.

In welcher Branche sind die Schweden besonders groß?

Die erfolgreichsten Start-ups findet man vor allem im Bereich der digitalen Geschäftsmodelle. Dort ist Schweden europaweit einer der Vorreiter. Man denke nur an Spotify, Skype und natürlich auch Klarna. Laut dem Global Innovation Index von 2014 liegt Schweden auf Platz drei hinter der Schweiz und Großbritannien. Deutschland liegt abgeschlagen auf Platz 13.

Woher kommt Ihrer Meinung nach der Erfolg der schwedischen Start-ups?

Das Ökosystem in Stockholm ist vorbildlich: Es gibt viele Wettbewerbe für junge Gründer und Veranstaltungen, auf denen es möglich ist Investoren kennenzulernen und Gelder einzuwerben. Die Zusammenarbeit mit den Hochschulen ist eng, die Vernetzung der Start-ups untereinander sehr gut.

Hinzu kommt, dass gerade Gründer aus kleineren Ländern im Internet-Bereich einen viel höheren Drang haben mit ihrer Erfindung ins Ausland zu gehen. Sie versuchen sich von Beginn an international aufzustellen, denken multinationaler und grenzüberschreitend. Der deutsche Start-up-Gründer dagegen ist ziemlich schnell damit beschäftigt zu gucken, wie er in Deutschland wachsen kann, danach konzentriert er sich auf den deutschsprachigen Raum und erst viel später folgt der Gedanke weltweit zu agieren. Aber die wichtigen Märkte befinden sich nun mal in den USA und in Asien.

Wird im Ausbildungsbereich mehr für junge Leute getan, die sich selbstständig machen wollen?

Definitiv ja! Das Thema Entrepreneurship spielt schon in den Schulen eine größere Rolle als in Deutschland. Vergleicht man zum Beispiel die Berufswünsche von jungen Leuten in beiden Ländern, stehen in Deutschland immer noch größtenteils traditionelle Arbeitgeber auf der Liste ganz weit oben – zum Beispiel Unternehmensberatungen oder Autoherstelller. In Schweden dagegen träumen viele von einer Selbstständigkeit.

Den Deutschen fehlt häufig der Mut zum Risiko. Sie gehen lieber auf Nummer sicher, beziehen ihr Gehalt und hoffen, dass es der Staat es im Notfall schon irgendwie richtet. In einer Bitkom-Studie wurde herausgefunden, dass die Schweden weniger Angst haben als die Deutschen zu scheitern. In Schweden sind es nur 33 Prozent, in Deutschland 42. Dieses emotionale Hemmnis darf man nicht unterschätzen. Mut zum Scheitern gehört zum Gründen dazu.

 Trägt auch der schwedische Staat zum Erfolg seiner Gründer bei?

Der Staat kümmert sich vor allem um eine hervorragende digitale Infrastruktur. Schnelles Internet und eine tolle Netzabdeckung sind selbstverständlich. Über einen flächendeckenden Breitbandzugang, wie er in Deutschland gerade diskutiert wird, hat man in Schweden bereits vor zehn Jahren gesprochen. 26 Prozent der Schweden haben Glasfaseranschluss, in Deutschland sind es nur 0,7 Prozent. Hinzu kommt, dass die Schweden viel früher mit Computern in Kontakt gebracht und zum Coden angeregt wurden. Das Problem mit MINT-Fächern, wie es es in Deutschland gibt, kennt man in Schweden nicht in so beunruhigendem Maße. In den 90er Jahren gab es in Schweden ein Förderprogramm, das landesweit dafür sorgte, dass nahezu jeder Schwede einen PC zu Hause hatte. Langfristig hat das dazu beigetragen, dass Schweden heute ein Tech-Standort und ein europäischer Gründer-Hotspot ist.

Trotz der guten Bedingungen in ihrer Heimat siedeln sich immer öfter schwedische Start-ups in Berlin an? Wie kommt das?

Dahinter stecken zwei Punkte: Im Vergleich zu Stockholm sind die Mieten finanzierbar und die Lebenshaltungskosten niedriger. Und, was noch wichtiger sein dürfte: Die Stadt bietet Zugang zu sehr gut ausgebildeten Arbeitskräften. Viele Talente im Digitalbereich siedeln sich in Berlin an, weil der Standort für sie attraktiv ist und das ist wiederum interessant für die Start-ups, die dort einfacher talentierte Mitarbeiter rekrutieren können. Viele davon kommen dabei auch aus dem Ausland.