Die Plattform für Bausand und Kies wächst ungebrochen – und macht so auch Investoren auf sich neugierig. Das Start-up selbst wird von einer neuen Kundengruppe überrascht. Und verstärkt sich nun dementsprechend.

144 Lastwagen voller Sand und Kies – an einem einzigen Tag, für eine einzige Baustelle. Diese Großbestellung wickelte das Start-up Schüttflix kürzlich für einen Generalunternehmer ab. Gerade einmal zwei Jahre nach der Gründung ist die Baustoff-Plattform damit mit ganz anderen Kunden im Gespräch als geplant. „Ich hätte niemals gedacht, dass wir so schnell in dieser Liga mitspielen können“, sagt Gründer Christian Hülsewig (im Bild links). Vorrangig wollte das Start-up kleineren Baubetrieben dabei helfen, einfacher an Schüttgut zu kommen. Statt selbst viele Sand- oder Kiesgruben abtelefonieren zu müssen, sammelte das Start-up für die Baufirmen alle Angebote ein – und sorgt auch gleich für die Lieferung bis zu Baustelle.

Im Fokus standen dabei zunächst Garten- und Landschaftsbauer oder kleinere Baufirmen. Beim Marketing sollte dabei unter anderem Schauspielerin und Influencerin Sophia Thomalla helfen, die sogar einige Anteile an Schüttflix hält. Nun fragen jedoch immer häufiger auch bundesweit tätige Generalunternehmer nach, die ganze Fabrikhallen, Gewerbeparks oder Wohngebiete hochziehen. „Gerade die Großunternehmen der Branche haben ein wahnsinniges Interesse daran, ihre Logistik umzustellen“, sagt Hülsewig.

Virtuelle Flotte von Schüttgut-Lastwagen

Nach der Recherche des Start-ups gibt es zwar 150.000 Schüttgut-Lastwagen in Deutschland. Doch die meisten Spediteure haben nur jeweils acht bis zehn Lkws in ihrer Flotte. Wer für ein Projekt große Mengen Sand oder Kies braucht, muss daher viele Ansprechpartner koordinieren – und denen auch noch Aufschläge zahlen, damit sie exklusiv für eine Baustelle fahren. Die Lieferkette zu organisieren ist dadurch eine aufwendige Aufgabe. Und das in Zeiten, in denen viele Auftragsbücher trotz sinkender Neuabschlüsse in der Baubranche noch voll sind – und jedes Warten auf eine Fuhre Baustoffe den Zeitplan durcheinanderbringt.

„Eine Baustelle ist wie eine Fabrik, die ständig ihren Ort wechselt“, vergleich Hülsewig sein Angebot mit der Industrie. „Und für die Baubranche gibt es noch keinen zuverlässigen Zulieferer.“ Auf der Plattform sind nun nach Angaben des Start-ups bereits 900 Speditionen und 800 Lieferanten registriert. Bei Großbestellungen bündelt Schüttflix nun einzelne Lastwagen von zahlreichen Fuhrunternehmern. „Diese Kapazität in der Lieferkette hat sonst keiner“, ist Hülsewig überzeugt. 40 Prozent Wachstum meldet das Start-up aktuell – pro Monat. Anvisiert für 2020 war Anfang des Jahres bereits ein achtstelliger Außenumsatz.

Investoren legten rasch eine Schüppe drauf

Das macht auch immer mehr Investoren neugierig. Im April war mit Speedinvest der erste Risikokapitalgeber bei Schüttflix eingestiegen. Nur knapp vier Monate später kam im August noch der Frühphaseninvestor HV Holtzbrinck Ventures dazu. Insgesamt 14 Millionen Euro Kapital hat die Plattform jetzt eingeworben. Für HV spreche die Erfahrung mit Logistik-Marktplätzen, sagt Gründer Hülsewig – der Investor ist unter anderem auch an der Frachtbörse Sennder beteiligt.

Schüttflix selbst muss nun auch das eigene Fundament stärken. Immer noch klappern Mitarbeiter bundesweit die Sandgruben und Kieswerke ab. Das Ziel von Schüttflix ist es, bundesweit innerhalb weniger Stunden liefern zu können. „Wir müssen regional übergreifend abliefern können“, sagt Hülsewig. Das aktuell 30-köpfige Team soll sich zudem bis Jahresende mindestens verdoppeln. Besonders im Vertrieb und in der Betreuung von Großkunden will das Start-up verstärken. Neben dem Standort Gütersloh – nah an vielen Baufirmen und Mit-Initiator Thomas Hagedorn – soll nun auch in Köln ein Büro aufgebaut werden.

Fundament in der Führungsebene verstärkt

Für eine wichtige Führungsposition kann das Start-up nun eine überraschende Personalie vermelden. In diesen Tagen hat Nils Klose (im Bild rechts) den Posten als Chief Revenue Officer bei Schüttflix übernommen. Bislang war Klose Vorstandschef bei der Firma hinter dem Vermittler Billiger-Mietwagen.de, der seit einiger Zeit zum Medienkonzern ProSiebenSat1 gehört. Umsätze und Team waren bei der Mietwagen-Plattform deutlich größer.

Doch Klose glaubt an das Digitalisierungspotenzial der noch recht analogen Schüttgut-Branche: „Ich habe vor 25 Jahren den Beruf des Speditionskaufmanns gelernt – und war überrascht, dass die Disposition heute oft noch genauso läuft wie damals“, berichtet er im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer. Mit Schüttflix fängt er in einer Firma an, die sich auf einem deutlich kleineren Niveau bewegt – aber hochfliegende Pläne hat: „Ich bin fest davon überzeugt, dass das Geschäftsmodell von Schüttflix den kompletten Markt erobern wird.“