Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Wenn ein Unternehmen beispielsweise ein neues Büro sucht, muss es aufgrund der Lage, der Größe, der technischen Ausstattung und dem Preis entscheiden. Alle positiven Veränderungen werden vereinfachend mit dem Faktor eins berücksichtigt. Alle negativen Veränderungen werden im Durchschnitt jedoch mit dem Faktor 2,25 wahrgenommen. Das nennt man in Daniel Kahnemans und Amos Tverskys Prospekttheorie Verlustaversion. Das heißt, obwohl die neuen Räume möglicherweise besser liegen, größer sind und die technische Ausstattung genauso gut ist, wird das Unternehmen das Büro nicht mieten, wenn es teurer ist. Der Mensch bewertet diese Veränderungen relativ zum Status quo also nicht gleich. Des Weiteren bedauern Menschen viel stärker eine falsche Entscheidung getroffen zu haben, als keine Entscheidung getroffen und damit möglicherweise eine große Chance verpasst zu haben. Um nichts bedauern zu müssen, bleiben sie lieber beim Status quo.

Was bedeutet das für Unternehmer?

Wir haben in einer Untersuchung die Status-quo-Effekte bei Unternehmern, Bankern und Studenten verglichen. Unternehmer unterliegen diesen Effekten am wenigsten. Aber auch sie sind vom Status-quo deutlich beeinflusst und könnten Veränderungen, die für ihr Unternehmen wichtig wären, scheuen.

Gilt das auch für Neugründer?

Auch. Nehmen wir an, ein Start-up hat eine App zu 75 Prozent fertig entwickelt und will sie in ein paar Monaten auf dem Markt einführen. Kurz vorher haben Konkurrenten aber eine ähnliche App programmiert. Die Chance auf Erfolg sinkt damit. Die rationale Überlegung könnte sein, die noch ausstehenden 25 Prozent der Entwicklungskosten zu sparen und die App nicht mehr auf dem Markt zu bringen. Aber Menschen neigen dazu, zu lange in Projekten zu verharren. Sie denken, dass sie bereits zu viel Zeit und Ressourcen in die App investiert haben. Deshalb verschieben sie den Ausstieg über den optimalen Ausstiegszeitpunkt hinaus. Auch hier sieht man: Menschen handeln lieber nicht, als dass sie handeln.