Die Technologie des Züricher Start-ups wird vielfältig eingesetzt – von der Inventur im Handel über die Paketzustellung bis zum kassenlosen Einkauf.

Sie sind auf jeder Verpackung, jedem Preisschild und jedem Paket zu finden: Die Omnipräsenz von Barcodes hat den Gründergeist von Christof Roduner, Christian Floerkemeier und Samuel Müller geweckt. Als sie 2009 Scandit gründeten, hatte Apple gerade sein drittes iPhone vorgestellt. Die Idee der Forscher: Sie wollten den neuen Geräten beibringen, die Strichcodes über die eingebaute Kamera auszulesen. Eine erste Anwendung realisierte das Start-up zusammen mit dem Schweizer Preisvergleichsportal Comparis. Nutzer der App konnten einfach Preisschilder im Laden scannen, um zu erfahren, ob es das Produkt online günstiger gibt. „Viele Händler hat das wachgerüttelt“, sagt Scandit-Chef Müller heute.

Elf Jahre nach der Gründung hat sich das Start-up vom Schreckgespenst der Einzelhändler zu einem wichtigen Technologie-Lieferanten gewandelt. Die Schweizer Supermarktkette Coop beispielsweise nutzt die Scan-Technologie in einer App, mit der Kunden ihre Einkäufe erfassen können, ohne an der Kasse anzustehen. In DM-Märkten scannen Mitarbeiter per Smartphone Barcodes, um Warenbestände zu pflegen oder Fragen zu Produkten zu beantworten. Und Großkunden der Metro-Märkte können sich dank der Technologie direkt am Regal die rabattierten Preise einzelner Artikel anzeigen lassen.

Mehreren zehn Milliarden Scans, so gibt Scandit an, werden jährlich mit der Technologie des Start-ups durchgeführt. Limitiert ist das nicht auf den stationären Einzelhandel: Paketdienstleister wie DHL und Hermes nutzen teilweise bereits Smartphones als Ersatz für die teuren Spezialscanner, E-Commerce-Unternehmen senken so die Kosten für die Kommissionierung und erste Krankenhäuser bestellen über das Auslesen von Barcodes Medikamente nach. „Es geht zunehmend darum, nicht nur Einkaufserlebnisse für den Kunden zu verbessern, sondern auch interne Prozesse zu optimieren“, sagt Müller. Das Start-up beansprucht für sich, in Sachen Geschwindigkeit und Genauigkeit der Scans Spezial-Hardware in nichts nachzustehen.

Mit Kooperationen auf Wachstumskurs

Entwickler sollen die Software zudem besonders leicht in ihre Apps integrieren können. Dazu bietet das Start-up Schnittstellen und vorgefertigte Module für verschiedene Anwendungszwecke an. Kooperationen mit Smartphone-Herstellern wie Apple, Samsung und Cat Phones sollen das Zusammenspiel zwischen Hard-und Software optimieren. Auch beim Vertrieb setzt Scandit stark auf Kooperationen: Partnerschaften gibt es mit mehreren IT-Dienstleistern – darunter auch mit Riesen wie SAP oder Oracle.

Das 250 Mitarbeiter große Start-up selbst ist außer am Unternehmenssitz in Zürich mit größeren Büros in Boston, London, Warschau und im finnischen Tampere vertreten – hinzu kommen lokale Vertriebsteams etwa in Deutschland. Um die Auslandsstandorte auszubauen und auch im asiatisch-pazifischen Raum sowie Lateinamerika das Wachstum anzukurbeln, hat sich Scandit nun frisches Wagniskapital besorgt: 80 Millionen Dollar kamen bei der jüngsten Finanzierungsrunde insgesamt zusammen. Angeführt wurde diese von G2VP, einer VC-Firma ehemaliger Partner von Kleiner Perkins. Beteiligt haben sich zudem Bestandsinvestoren wie Atomico aus London, GV (Google Ventures), NGP Capital aus San Francisco sowie die Wagniskapitalarme von Swisscom und Salesforce.

Entwicklung für Drohnen und Datenbrillen

Gestärkt durch die Finanzspritze will das Gründer-Trio auch die Technologieentwicklung weiter vorantreiben. Ein Schwerpunkt dabei sind andere Gerätekategorien. „Vor allem bei Datenbrillen und bei Drohnen erwarten wir mittelfristig ein starkes Wachstum“, sagt Müller. Zunehmend wichtiger werde kurzfristig auch Augmented Reality – also das Einblenden von digitalen Informationen in das Sichtfeld einer Datenbrille oder das Kamerabild des Smartphones. „Smart Devices werden früher oder später in den meisten Bereichen traditionelle Handheld-Scanner ablösen, zum Teil in Kombination mit spezifischen Accessoires“, so die Erwartung des Gründers.

Konkurrenzlos ist das Start-up mit seiner Software indes nicht. Zu den Wettbewerbern gehört beispielsweise Anyline. Das noch deutlich kleinere Wiener Start-up hatte zuletzt im Januar 2019 frisches Kapital bekommen und bietet ebenfalls Barcode-Scans an. Der Schwerpunkt liegt indes auf der Texterkennung, über die beispielsweise Ausweise oder Führerscheine ausgelesen werden. Um Kunden konkurriert Scandit in einigen Bereichen zudem mit ProGlove. Das Münchener Start-up hat traditionellen Scannern ebenfalls den Kampf angesagt – will diese aber nicht mit einer Smartphone-Software, sondern durch smarte Handschuhe ersetzen.