Außer auf den medizinischen Großhandel setzt das Unternehmen von Finn Hänsel und Fabian Friede nun auf Kosmetik- und Wellnessprodukte.

Schlaföle, Badekugeln, Mundsprays – und Sportgel: Mit Produkten wie diesen wollen die Digitalunternehmer Finn Hänsel und Fabian Friede ihre Sanity Group breiter aufstellen. Bisher war das Start-up, wie viele Konkurrenten auch, ausschließlich als Großhändler für medizinisches Cannabis aufgetreten. Die neue Marke Vaay, die am Freitag offiziell starten soll, zielt dagegen mit verschreibungsfreien, CBD-haltigen Produkten auf den Lifestylemarkt. „Die gemeinsame Klammer ist, dass wir Cannaboide im aktuellen rechtlichen Rahmen zugänglicher und besser erforschen wollen“, sagt Hänsel.

Für das Vordringen in das neue Geschäftsfeld haben die Gründer in den vergangenen Monaten um frisches Wagniskapital geworben. Nun meldet das Berliner Start-up den Abschluss einer 20 Millionen Euro schweren Finanzierungsrunde. Demnach haben zum einen Bestandsinvestoren wie Holtzbrinck Ventures und Atlantic Food Labs den Einsatz erhöht. Zum anderen gibt es eine Reihe neuer Gesellschafter – darunter die von ehemaligen Zalando-Managern gegründete VC-Firma Cherry Ventures.

Ein weiterer Investor verhilft dem Start-up sogar zu Schlagzeilen in der Boulevardpresse: Hinter TQ Ventures aus New York steht Scooter Braun, bekannt als Manager von Popstar Justin Bieber. Bereits an der Sanity Group beteiligt ist zudem der Fonds Casa Verde Capital, in dem Geld des US-Rapper Snoop Dogg steckt.

Fokus auf den Online-Vertrieb

Bei Vaay setzen Hänsel und Friede in erster Linie auf einen direkten Online-Vertrieb der Produkte. Dass die beiden Gründer etwas von E-Commerce verstehen, haben sie während ihrer Zeit bei Rocket Internet bewiesen: Damals haben sie in Australien mit „The Iconic“ ein Zalando-Pendant geschaffen. „Wir werden uns aber auch überlegen, zu welchen stationären Händlern unsere Produkte passen“, kündigt Hänsel an. Auf die neue Marke aufmerksam machen soll zum Start außerdem ein eigener Shop in Berlin.

Das Geschäft macht das aktuell 50 Mitarbeiter große Start-up potenziell weniger abhängig vom schwierigen Handel mit medizinischem Cannabis. Während einige Konkurrenten sich in dem Bereich im vergangenen Jahr bereits etablieren konnten, beliefert Hänsels Geschäftseinheit Sanatio laut Hänsel erst seit Januar Apotheken. Der Gründer verweist darauf, dass der Bedarf nach wie vor groß sei. „Im vergangenen Jahr hat sich die Nachfrage nach medizinischem Cannabis bereits verdoppelt.“ Knapp sieben Tonnen Cannabis-Blüten wurden laut der Statistik des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte 2019 insgesamt aus dem Ausland importiert.

Großhändler suchen neue Produktionspartner

Das Problem: Bisher sind alle Großhändler auf Importe aus den Niederlanden und Kannada angewiesen. Versuche, Cannabis in großem Stil aus anderen Ländern zu importieren, waren weitgehend gescheitert. So hatte Farmako vor einem Jahr angekündigt, über einen Hersteller in Polen Cannabis aus mazedonischer Produktion importieren zu wollen. Die notwendige Zertifizierung wurde aber nicht erteilt, wie sich später herausstellte.

„Wie andere in der Branche sind auch wir bestrebt, neue Partner aus anderen Ländern zu gewinnen“, sagt Hänsel. Als potenzielles Lieferland gilt neben anderen Portugal. Dort baut etwa der kanadische Cannabis-Riese Tilray eine Produktion auf, die explizit für den innereuropäischen Markt gedacht ist. Auch in Deutschland selbst ist der Anbau nun unter strengen Auflagen möglich.

„Auf mittlere Sicht werden Cannabis-Blühten ein gut zugänglicher Rohstoff sein“, ist Hänsel überzeugt. Sanatio werde sich deswegen voll auf den Vertrieb konzentrieren und forsche an neuen Darreichungsformen. Bewusst habe man sich deswegen nicht für eine eigene Anbaulizenz beworben. Eine ähnliche Strategie verfolgen indes auch andere Start-ups – etwa Cannamedical aus Köln oder Cansativa aus Frankfurt. Farmako dagegen ist nach dem Verkauf an Agraflora in einer anderen Rolle: Das von Sebastian Diemer gegründete Start-up dient dem kanadischen Cannabis-Produzenten nun als direkter Vertriebsarm in Europa.

Diskussion um Cannabis-Produkte

Zunehmend umkämpft ist auch das Geschäft mit zulassungsfreien Cannabis-Produkten. Von Massageölen über Kaugummis bis hin zu Energy-Drinks schmücken sich immer mehr Produkte mit einem Hanfblatt. Auch Nahrungsmittelriesen tasten sich vor. Die Hersteller beschwören unisono die entspannende Wirkung des Inhaltsstoffes CBD, der anders als THC keine berauschende Wirkung hat. Die Verbraucherzentralen warnen dennoch vor unerwünschten Nebenwirkungen und kritisieren, dass viele entsprechende Lebensmittel keine Zulassung besäßen. Diese sei laut der Novel-Food-Verordnung der EU aber erforderlich.

Vaay ist sichtbar bemüht, nicht in der Grauzone zu agieren. „Wir konzentrieren uns aktuell bewusst auf Kosmetikprodukte“, sagt Hänsel.  Öle und Mundsprays sieht der Gründer von der Verordnung nicht betroffen. Denn in dem Regelwerk sind Produkte ausgenommen, die bereits vor Mai 1997 in der EU gebräuchlich waren. Basis seien Extrakte aus Nutzpflanzen, „ohne künstlich hochgejazzten CBD-Anteil“. Alle Produkte seien durch den Tüv geprüft. „Wir bei Vaay sind nicht wie die anderen. Wir sind die Guten“, wirbt das Unternehmen auf seiner Homepage.