Der Hamburger Start-up-Motivator Oliver Rößling über den Stil heutiger Gründer und wie dieser die Unternehmenswelt umkrempelt.

Gründer und Gründungshelfer Oliver Rößling arbeitet aktuell nicht bei einem Start-up sondern beim Software-Dienstleister Absolute Software. Start-up-Luft atmet Rößling aber trotzdem, denn die brachte er an seinem aktuellen Arbeitsplatz  mit ein.

WirtschaftsWoche Gründer: Herr Rößling, was bedeutet Start-up-Mentalität für Sie?

Oliver Rößling: Start-up-Mentalität heißt kurzum ein Ziel zu verfolgen beziehungsweise etwas anzupacken ohne bislang nennenswerte Erfahrung in diesem Bereich zu haben. Das soll auf der anderen Seite aber nicht bedeuten, dass man sich blind kopfüber in ein Abenteuer stürzt. Es gibt wenig Routine und kaum Standards, die festgeschrieben sind, um diese Ziele zu erreichen. Man muss sich Person, Team oder Unternehmen selber einen Weg erarbeiten und dazu braucht es diese besondere Mentalität, die auch gerne mit dem Begrifflichkeiten „Hands-on“ oder “Trial-and-Error” einher geht. Es wird also versucht auf den richtigen Weg zu kommen und dabei auch aus Fehlern zu lernen, um so relativ schnell wichtige Expertise aufzubauen und beim nächsten Mal wesentlich schneller ein Ziel erreichen zu können.

Warum ist das ein Zukunftsmodell?

In der Industrialisierung wurden alle entsprechend gleich ausgebildet und gleich bewertet und das ist ein Auslaufmodell. Im Rahmen der Digitalisierung hat jedes neue Geschäftsmodell, das neu auf den Markt kommt, basierend auf Online-Shop, App oder Hardware einen größeren oder kleinen digitalen Aspekt. Diese neuen Geschäftsmodelle sind im Prinzip den klassischen noch sehr ähnlich. Nur sind viele Ansätze von vornerein nicht mehr lokal, sondern sehr schnell national, länderübergreifend oder sogar global. Das sind Entwicklungen, die es so in der Vergangenheit einfach noch nicht gab – zumindest nicht mit dieser Geschwindigkeit. Einige altbekannte Firmen sind über Jahre, Dekaden oder sogar Jahrhunderte zu dem geworden, was sie heute sind. Heute entwickeln sich Startups teilweise innerhalb von Monaten oder wenigen Jahren so rasant, dass sie zu einer signifikanten Größe heranwachsen wie beispielsweise Uber oder Zalando.

Was bedeutet das für unsere Wirtschaftswelt?

Gerade für die Unternehmen, bei denen die Digitale Transformation noch nicht stattgefunden hat, dürfte dies sehr getrieben oder gar hektisch wirken. Unternehmer wie Manager aus eben diesen Unternehmen haben häufig Angst vor diesem Wandel und fühlen sich oft nicht gut informiert über das, was mit der Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle einhergeht. Da kommen die jungen Unternehmer und machen plötzlich alles ganz schnell und irgendwie auch anders, was nicht immer gleich “besser” bedeuten soll. Natürlich können Mittelständler und Konzerne, die längst komplexe Strukturen aufgebaut haben und erfolgreich betreiben, nicht mal eben alles umwerfen, um jeden Preis zu digitalisieren. Doch werden sie früher oder später auch hier schritthalten müssen, denn die Innovationkraft von Unternehmen wird digital gemessen. Neue Arbeitsweisen müssen getestet und verstanden werden, denn beide Seiten brauchen die Synergien: Die Start-ups können zwar losrennen; sie kommen auch ein gutes Stück, aber ganz ohne die klassischen Player der Old Economy wird es nicht immer klappen, da insbesondere deren Infrastruktur die Grundlage für viele Start-up-Geschäftsmodelle bildet.

Was unterscheidet Unternehmen ohne und mit Start-up-Mentalität?

Start-ups beginnen häufig etwas vollkommen Neues. Entscheidungswege sind dort einfach um ein Vielfaches kürzer als in einem Konzern. Möchte ich beispielsweise in dem einen oder anderen Konzern eine Software aus dem Internet herunterladen, dann muss ich erst einmal einen schriftlichen Antrag ausfüllen und wenn ich Glück habe, darf ich diese dann nach Tagen oder Wochen installieren. Bei einem Start-up würde man sich in der Regel wundern und fragen, weshalb darf ich denn jetzt meinen eigenen Computer nicht mitbringen oder irgendwelche kostenlose Software herunterladen. Historisch gewachsene Strukturen sind nicht vorhanden, die Unternehmens-Compliance befindet sich im Frühstadium und Entscheidungen werden einfach und schnell getroffen. Wenn dann was dann nicht klappt, kann schnell á la “Trial-and-Error” reagiert werden.

Lässt sich dieser Startup-Geist in klassische Unternehmen einbringen?

Sicher! Menschen, die den Startup-Spirit mitbringen, haben sind im Durchschnitt risikofreudiger und ihnen ist meist bewusst, dass ihre Start-up-Idee auch nicht funktionieren kann. Eigentlich brauchen wir klassische Unternehmen – Mittelständler und Konzerne – die zugeben, dass sie ein Problem mit der digitalen Transformation haben. Davon gibt es mittlerweile immer mehr. Sie lassen sich auf Experimente ein und laden bspw. Gründer ein zu Workshops ein, um gemeinsam Ansätze zu erarbeiten. Außerdem braucht man Leute, die das gefühlt schnellebige Digitalgeschäft bzw. die “Schöne neue Welt” dem klassischen Unternehmer übersetzt und ihm hilft, das ein oder andere zu testen und adaptieren. Also einfach umsetzbare Dinge anzustoßen und so die richtigen Impulse zu setzen.

Hat dieser Start-up-Stil unsere Arbeitswelt dauerhaft verändert?

In jeder Generation gibt es die jungen Unternehmer, die alles immer anders und manchmal besser gemacht haben. Jetzt sind wir gerade an der Schwelle zur Digitalisierung und da wird alles, was wir in den vergangenen hundert Jahren fleißig einstudiert haben – sämtliche Theorien, in Frage gestellt und müssen auch in Frage gestellt werden. Es gibt ganz neue Herausforderungen und alte Regeln werden umgestoßen. Das muss auch so sein, wenn sich eine Gesellschaft und vor allem auch eine Wirtschaftswelt weiterentwickeln möchte.

Schlagwörter wie Work-Life-Balance, Homeoffice oder flexible Arbeitszeiten stehen ein Stück weit für die Arbeitswelt von Start-ups – werden sie durch die jetzige Generation von Jungunternehmern zukünftig die gesamte Wirtschaftswelt prägen?

Diese Dinge werden ganz oft auch mit dem Begriff Generation Y in Verbindung gebracht. Diese Generation, die so erzogen wurde, will vieles anders machen. Darin steckt auch die Idee zum eigenen Start-up – etwas neues zu erschaffen. Der Knackpunkt sind die Fragen – wie bei kleinen Kindern – können unangenehm sein und passen oft nicht in die strengen Strukturen eines Konzerns. Wer unangenehme Fragen stellt, gilt dort häufig als “Troublemaker”. Genau diese Menschen stoßen in eingefahrenen Strukturen an Grenzen. Sicher fragt sich der eine oder andere: Kann man das nicht auch anders machen? Wie könnte das besser gehen? Gleiches gilt dann auch für den Arbeitsalltag: Homeoffice für Leute, deren Kinder erkrankt sind oder die sich mal nicht perfekt fühlen und alle anstecken wollen. Oder Langschläfer kommen lieber erst um elf zur Arbeit, aber bleiben dann entsprechend länger, weil sie dann besser arbeiten können. Das sind Dinge, die eigentlich trivial sind und auf der Hand liegen, die aber erst in jüngerer Zeit in Frage gestellt wurden, weil Relikte aus Zeit der Industrialisierung hier in den Köpfen bestehen, die aber dank der Digitalisierung ad acta gelegt werden können und müssen.