Der Berliner Inkubator vermeldet erneut steigende Umsätze, aber auch steigende Verluste für seine Start-ups. Trotzdem bleibt Rocket Internet optimistisch.

Das deutlichste Signal an die Aktionäre ging am Mittwoch nicht von den Zahlen des Start-up-Inkubators Rocket Internet aus, sondern von einer Präsentation. Darin stellte die Berliner Unternehmensschmiede neun Ziele auf, an denen sie sich messen lassen will.

Neben Versprechen wie mehr Transparenz zählten dazu auch zwei bemerkenswerte Zusicherungen bezüglich der Verluste der Start-ups: Rocket versicherte nicht nur, dass der Verlust-Zenit der sogenannten „Proven Winners“ in diesem Jahr erreicht werde, sondern versprach auch, dass drei Start-ups binnen der nächsten 24 Monate die schwarze Null erreichen würden.

Nur zwei Start-ups können das Minus verringern

So deutlich hatte sich der Inkubator der Samwer-Brüder bislang noch nicht zum hohen Minus seiner Start-ups positioniert. Zwar hatte Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer bereits auf der Noah-Konferenz in diesem Jahr gesagt, dass man nicht an Unternehmen glaube, die nach zehn Jahren noch nicht profitabel seien. Doch Verluste, so lautete die Philosophie bislang, gehörten eben zum E-Commerce dazu.

Wie ambitioniert das Ziel ist, dass sich Rocket Internet gesetzt hat, bewiesen die Zahlen am Mittwoch. Die Start-up-Schmiede musste für seine „Proven Winners“ – Unternehmen mit besonders hohen Umsätzen oder Finanzierungsrunden – fast durchweg steigende Verluste verkünden. Mit den Zalando-Klonen Lamoda und Namshi konnten nur zwei der 13 Start-ups das Minus etwas verringern.

Wie schon bei den Quartalszahlen im Juli machte Rocket Internet auch bei den Halbjahreszahlen keine Angaben zu den Verlusten seines „Einhorns“ Delivery Hero, das derzeit mit 3,1 Milliarden US-Dollar bewertet wird. Immerhin gewährte Rocket Internet einen Einblick in den Umsatz: Der ist im Vergleich zu den ersten sechs Monaten 2014 um 154 Prozent gestiegen und liegt nun bei 85 Millionen Euro. Damit hat Delivery Hero schon fast das Niveau des kompletten Vorjahres (88 Millionen Euro) erreicht.

Das Vorzeige-Start-up Hellofresh, das als nächster Börsenkandidat von Rocket gilt, verachtfachte seinen Verlust von 2,5 auf 20,3 Millionen Euro. In Prozentzahlen ausgedrückt, kommt der Kochbox-Lieferant auf ein Minus von mehr als 700 Prozent. Wie die meisten Start-ups des Berliner Inkubators konnte Hellofresh aber auch Positives vermelden: Der Umsatz stieg um mehr als 400 Prozent auf knapp 113 Millionen Euro. Interessant: Als Rocket seine Zahlen für das erste Quartal 2015 präsentierte, hatte die Start-up-Schmiede zu den Verlusten von Hellofresh keine Angaben gemacht.

1000 Prozent Umsatzplus für Foodpanda

Der Bestelldienst Foodpanda konnte zwar ein deutliches Umsatzplus von 1000 Prozent verbuchen. Allerdings lagen die Zahlen auf einem niedrigen Niveau: Im ersten Halbjahr 2014 hatte das Start-up gerade einmal 1,2 Millionen Euro umgesetzt, in den ersten sechs Monaten diesen Jahres waren es 13,4 Millionen Euro. Zudem verschlechterte sich das EBITDA um gut 400 Prozent auf 46 Millionen Euro.

Ähnlich sieht das Muster bei der Global Fashion Group aus. Insgesamt kam sie auf einen Umsatz von 418 Millionen Euro, ein Plus von 63 Prozent. Die Verluste nahmen jedoch ebenfalls zu: von 104 auf 151 Millionen Euro. Bei den Zalando-Klonen Dafiti, Jabong und Zalora zeichnete sich dieser Trend ebenfalls ab. Wie eingangs erwähnt, konnten einzig Namshi und Lamoda ihre Verluste verringern und den Umsatz gleichzeitig steigern.

Die Möbel-Start-ups Home24 und Westwing präsentierten jeweils deutliche Umsatzzuwächse. Bei Home24 lag das Plus bei fast 100 Prozent, das Start-up erlöste insgesamt 118 Millionen Euro in den ersten sechs Monaten des Jahres. Westwing vermeldete Umsätze in Höhe von 109 Millionen Euro, eine Steigerung von fast 50 Prozent. Home24 kam jedoch auch auf Verluste in Höhe von 37 Millionen Euro, eine Verdreifachung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Bei Westwing stiegen das EBITDA-Minus zwar ebenfalls auf 35 Millionen Euro, allerdings bedeutete das einen Verlustzuwachs von „nur“ 46 Prozent.

Auch Rockets Amazon-Klonen konnten sich dem Trend steigender Umsätze und steigender Verluste nicht entziehen. Bei Lazada lag das Minus bei 148,6 Millionen US-Dollar, damit verdreifachte das Start-up seine Verluste nahezu. Ähnlich sah es bei Jumia aus: Das Minus wuchs auf 44 Millionen Euro an im Vergleich zu 16 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Linios EBITDA lag 30 Millionen Euro im Minus, ein Anstieg von gut zwei Dritteln. Die Umsätze wuchsen hingegen kräftig: Bei Lazada stiegen sie um fast 88 Prozent auf 121 Millionen US-Dollar, bei Linio um 73 Prozent auf 37 Millionen Euro und Jumia verbuchte gar ein Plus von 265 Prozent auf 76 Millionen Euro.

Stichtag für Rocket Internet: 31. Dezember 2016

Wenn Rocket Internet also bis 2017 drei profitable „Proven Winners“ hervorbringen will, muss sich der Trend bei mindestens drei Bilanzen noch ändern. Angesichts der größtenteils steigenden Verluste bleibt auch die Frage, ob 2015 tatsächlich der Verlust-Zenit erreicht ist. An dieser Aussage wird sich die Start-up-Schmiede spätestens Ende kommenden Jahres messen lassen müssen.

Auch der Start-up-Inkubator selbst schreibt übrigens wieder rote Zahlen. Nach einem Gewinn von 92 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2014 – damals kurz vor dem Börsengang – vermeldete Rocket Internet nun einen Verlust von 46 Millionen Euro. Dieser habe sich aber aus einmaligen Effekten ergeben, versicherte die Start-up-Schmiede.