Über seinen Accelerator beteiligt sich der Spirituosenkonzern Diageo an dem Bonner Start-up, das sich bisher alleine aus laufenden Einnahmen finanziert hat.

Zur Not bekommen Freunde und Verwandte bei Geburtstagen und zu Weihnachten eben alle das gleiche Geschenk. Mit diesem Plan B im Kopf machen sich Raphael Vollmar und Gerald Koenen vor sechs Jahren daran, eine in einer Bierlaune entstandene Idee umzusetzen: Sie beauftragen eine Brennerei damit, nach ihrem Rezept einen Gin herzustellen. 4.000 Euro legen die beiden Schulfreunde für 200 Flaschen auf den Tisch. „Das fühlte sich damals noch viel an“, sagt Koenen im Rückblick. „Aber wir hatten einfach Lust darauf. Es gab schon verschiedene kleine Gin-Manufakturen in Deutschland. Wir wollten das Ganze im Rheinland machen.“

Nachhaltig belasten sollte die Schnapsidee die Konten der beiden Bonner nicht – im Gegenteil: Die ersten Flaschen ihres „Siegfried Rheinland Dry Gins“ gingen über den eigens programmierten Online-Shop schnell weg, die Einnahmen steckten sie in eine neue Charge. Und deren Einnahmen wieder in eine neue. Schritt für Schritt wurde aus ihrer Rheinland Distillers getauften Manufaktur ein Unternehmen mit Millionenumsatz. Mehr als 300.000 Flaschen verkauften die Gründer im vergangenen Jahr – neben dem Gin haben sie seit 2018 auch die alkoholfreie Variante „Wonderleaf“ im Angebot.

Know-how des Investors überzeugte

Aus dem Hobby ist für Vollmar und Koenen zwar längst ein Vollzeitjob geworden. Doch so richtig „ernst“ fühlt es sich für die beiden erst jetzt an. Der Grund: Mit Distill Ventures haben sie nun erstmals seit der Firmengründung einen Investor ins Unternehmen geholt – nach langem Überlegen. „Wir hatten nie den Plan, Wagniskapital aufzunehmen“, sagt Vollmar. „Und wir wollen nicht gefährden, dass sich das Ganze noch immer wie ein Hobby anfühlt.“  Wie viele Anteile sie zu welchem Preis abgegeben haben, verraten die Gründer nicht. Sie betonen aber, dass sie immer noch die Mehrheit an ihrem Unternehmen haben.

Überzeugt habe sie letztlich das Know-how ihres Investors. Denn Distill Ventures ist der Accelerator des Spirituosen-Konzerns Diageo, zu dem Marken wie Smirnoff, Tanqueray und Johnnie Walker gehören. Seit 2013 hat die Wagniskapital-Tochter in mehr als 15 junge Getränkemarken investiert, drei wurden komplett übernommen. „Künftig wissen wir besser, wie die großen in der Branche bestimmte Dinge angehen – und können uns dann bewusst dafür oder dagegen entscheiden“, sagt Koenen. „Lange haben wir vieles nur anders gemacht, weil wir schlichtweg nicht wussten, wie man es üblicherweise in dieser Branche macht.“

Ungewöhnlich hoher Privatkunden-Anteil

Ein Beispiel ist der Vertrieb und das Marketing: Heute wissen die Gründer, dass Spirituosenhersteller gezielt Barkeeper umwerben, wollen sie ein neues Produkt platzieren. Die beiden Newcomer sprachen über Social-Media-Kanäle Endkonsumenten an. „Wir sind beide über 40 – da war für uns Facebook naheliegend“, sagt Vollmar. Dort ließen sie ihre Follower an den Auf und Abs ihres Projekts teilhaben. Die authentischen Einblicke brachten den Gründern viele Sympathien ein.

Zwar liegt der Gastro-Anteil am Umsatz noch immer unter 20 Prozent. Aber dank der regen Nachfrage von Privatkunden und Händlern wurden auch Bars und Hotels auf das Start-up aufmerksam. Ein Schub kam nach der Teilnahme an den „World Spirits Awards“ 2015, bei denen „Siggi“ nach einer Blindverkostung als erster deutscher Gin mit der Medaille „Double Gold“ ausgezeichnet wurde. Die Bewertung bewies den Gründern, dass sie nicht nur in Sachen Marketing und Design vieles richtig machen – sondern auch beim Geschmack einen Nerv treffen.

Vom Aprilscherz zum Umsatzbringer

Ausgangsbasis für die Spirituose ist stets ein neutraler Alkohol, der aromatisiert wird. Bei Siegfried sind 18 Gewürze zugesetzt, darunter Lindenblüten. Das Start-up verweist darauf, dass schon in der für ihren Gin namensgebenden Nibelungensaga die Linde eine große Rolle spielte: Der Legende nach hat Siegfried im Siebengebirge bei Bonn einen mächtigen Drachen getötete und badete in dessen Blut, um unverwundbar zu werden. Die einzige Schwachstelle des Helden, die schließlich zu seinem Tod führte: Ihm war während des Bads ein Lindenblatt auf den Rücken gefallen.

Die Aromen des Siegfried Gins sind auch die Basis für die alkoholfreie Alternative. Entstanden ist die Idee durch einen Scherz: Die Gründer kündigten am 1. April 2016 „Siegfried light“ an – und machten sich nach der positiven Resonanz in den sozialen Netzwerken tatsächlich an die Entwicklung. Inzwischen ist das Produkt ein wichtiger Umsatzbringer: Auf sieben verkaufte Gin-Flaschen kommen zehn Flaschen des günstigeren „Wonderleaf“. „Dass wir unter einem Dach sowohl einen Gin als auch eine alkoholfreie Alternative haben, war auch für Distill Ventures ausschlaggebend“, sagt Vollmar.

Die eigene Bar ist geschlossen

Einen Schub erhofft sich das aktuell 13-köpfige Start-up vom Investor vor allem für die Auslandsgeschäfte. Zwar sind die Produkte außer in Deutschland schon jetzt in zwölf Ländern erhältlich. Doch mit dem Wissen um die Eigenarten bestimmter Märkte wollen die Gründer Vertrieb und Marketing im Ausland nun gezielt vorantrieben. Festhalten will das Duo an der Produktion im Rheinland: Der Gin wird im Bonner Umland destilliert, die aufwendigere alkoholfreie Variante entsteht bei einem Partner in Bornheim. Die Logistik macht das Start-up selbst aus einem Lager in Troisdorf heraus. „Uns ist wichtig, alles in einem bestimmten Radius um Bonn zu machen“, sagt Koenen. „Wir versprechen schließlich Produkte aus dem Rheinland.“

Auch an neuen Destillaten wollen Koenen und Vollmar arbeiten. Details dazu verraten sie noch nicht. Wenn die beiden Gründer in passender Atmosphäre Inspiration für neue Produkte suchen, müssen sie nicht weit gehen: Am Firmensitz haben sie vor drei Jahren eine eigene Bar eröffnet, die normalerweise einmal in der Woche für jedermann öffnet. Momentan ist der Ausschank aber geschlossen: Durch die Corona-Auflagen könne man aktuell kein „Gefühl unbeschwerter Freude verbreiten“, sagt Vollmar. Deswegen überlasse man das Feld gerne Wirten, deren wirtschaftliche Existenz von jedem zahlenden Gast abhänge.