Städte mit Start-up-Zentren auszustatten, ist das neue Ziel von Seriengründer Dominik Groenen. Welche Probleme er mit der Orangery lösen will, erklärt er im Interview.

Göttingen, Hameln, Braunschweig: Diese und weitere Städte mit bis zu 300.000 Einwohnern stehen auf der Liste von Orangery-Gründer Dominik Groenen. In Hildesheim ist er mit seinem im vergangenen Jahr gestarteten Gründer-Zentrum bereits an zwei Standorten vertreten. Ende September eröffnet Hameln mit 80 Arbeitsplätzen. Insgesamt 50 solcher Standorte – eine Kombination aus Start-up-Accelerator und Coworking-Space – will der 37-Jährige innerhalb von fünf Jahren aufbauen.

Wie er die lokalen Akteure außerhalb der Gründer-Metropolen Berlin, Hamburg, Frankfurt und München überzeugen will – und wie er plant, Hürden in der regionalen Start-up-Förderung zu überspringen, erklärt Groenen im Interview mit WirtschaftsWoche Gründer.

Herr Groenen, dass sich so viele Start-ups in der Hauptstadt ansiedeln, hat gute Gründe: Fachkräfte, gerade Entwickler, sind dort einfacher zu finden. Kapitalgeber und Gründer-Szene sind gut vernetzt. Was lässt Sie an den Erfolg von Start-up-Acceleratoren in kleineren Städten glauben?
Deutschland ist mehr als Berlin. Wir haben vielerorts durch große Familienunternehmen – oftmals Weltmarktführer in ihren Nischen – gute Voraussetzungen für eine lebendige Start-up-Szene: Know-how und potenzielle Kooperationspartner, Kapital für Investitionen. Zum Beispiel in Oldenburg, im Münsterland oder Emsland sitzen erfolgreiche Unternehmen, die kein Mensch kennt. Wir gehen gezielt in Städte, um Neugründungen zu fördern und Start-ups anzuziehen. Wir wollen auch das Thema anstoßen, wie der Mittelstand in diesen Gegenden durch die digitale Transformation und an qualifizierte Mitarbeiter kommt.

Womit wollen Sie Start-ups und Gründungsinteressierte vor Ort anziehen?
Wir nutzen zwei Wege: Entweder kommen die jungen Firmen über eine Coworking-Mitgliedschaft zu uns, für die sie je nach Mietdauer pro Tag, wöchentlich oder monatlich bezahlen. Oder die Gründer durchlaufen unser neunmonatiges Accelerator-Programm. In dem Zeitraum bearbeiten sie in sechs Modulen die wichtigsten Gründer-Themen wie Aufbau des Geschäftsmodells und des Teams, Projektmanagement, Prototypen-Entwicklung und Verhandlungen mit Investoren.

Die Teilnahme am Accelerator-Programm ist für die Gründer kostenlos?
Wir verlangen Unternehmensanteile im Gegenzug für die Teilnahme am Programm. Wie hoch die sind, hängt von den Ressourcen ab, die wir für die jeweilige Firma hineinstecken, etwa in die Entwicklung, Know-how zur Technologie und Betreuung. Generell sind es zwischen zwei und zehn Prozent.

Auch vor geringen Beteiligungen dürften einige Gründer allerdings zurückschrecken.
Darüber hatten wir noch nie Diskussionen, denn die Anteile fließen immer auf bestimmte Meilensteine bezogen, zum Beispiel beim Abschluss einer Finanzierungsrunde oder der Produkteinführung am Markt. So überschreiben die Gründer nicht direkt die gesamten Anteile, sondern nach einem im Vertrag festgelegten Plan.

Wie geht es nach Ablauf der neun Monate mit der Zusammenarbeit weiter?
Nach Abschluss des Accelerator-Programms wollen wir die Start-ups zu Coworkern konvertieren, ihnen also Büro-Plätze in unseren Räumen anbieten. Damit haben sie das Standort-Problem gelöst. Die nächste Stufe ist die Entwicklung eines Campus-Konzeptes, in dem auch Teams mit zehn Mitarbeitern und mehr Platz finden.

Wie viele junge Unternehmen konnten Sie mit dem Ansatz bereits überzeugen?
In Hildesheim haben wir auf 1.000 Quadratmetern derzeit 14 Start-ups untergebracht. Insgesamt bieten wir dort am ersten Standort 65 Coworking-Arbeitsplätze. Vor acht Wochen haben wir 100 Prozent Auslastung erreicht und mussten uns deshalb Gedanken über weitere Schreibtischplätze machen. In Hildesheim erweitern wir gerade auf 100 bis 110 Plätze an einem zweiten Standort innerhalb der Stadt.

Wie gehen Sie vor, um weitere Städte zu erschließen?
Wir starten an Orten, an denen wir wichtige Local Player als Partner haben: Unternehmer, Immobilienbesitzer oder Akteure, die gut vernetzt sind. Dabei versuchen wir so lange es geht, die Mehrheit an der Gesellschaft hinter der Orangery in der jeweiligen Stadt zu halten: An jedem Standort gründen wir eigens eine GmbH, die künftig im Schnitt fünf bis sieben Mitarbeiter beschäftigen soll. Derzeit besteht das Orangery-Team insgesamt aus zehn Personen. Themen wie Finanzierung können wir zum Beispiel überregional über mehrere Standorte abdecken.

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Wie schwierig ist es, die örtlichen Kontakte aufzubauen?
Mittlerweile werden wir angefragt aus den Städten, viel geht dabei über meine Person. Wir spüren aber generell großes Interesse von Unternehmen vor Ort wie Energieversorgern, Sparkassen und Volksbanken, und vor allem von Hochschulen: Den Unis mangelt es in der Regel an Räumen, um Ausgründungen unterzubringen. Außerdem spielt uns in die Karten, dass im Koalitionsvertrag Gründer-Förderung durch Hochschulen festgelegt ist. Auch die Stadtregierungen sind angetan: Hildesheim bewirbt sich zum Beispiel um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 – dabei sind wir ein kleiner Teil der Infrastruktur und besetzen das Thema Gründerkultur.

Vor welchen Hürden stehen Sie beim Aufbau der Gründer-Zentren – trotz der Bekundungen Ihrer Unterstützer?
Wenn wir in Regionen gehen, in denen es noch gar nichts vergleichbares gibt, sorgen wir für einen großen Aha-Effekt. Viele Politiker und Unternehmer dort wissen nicht, wie es in einem Coworking-Space aussieht, haben noch nie eine Tischtennis-Platte im Großraum-Büro gesehen. Wir merken aber auch, dass viele Menschen das Thema Start-ups nicht richtig greifen können: Es gibt wenig Verständnis dafür, wie eine junge Firma bereits mit sechs bis acht Millionen Euro bewertet sein kann. Das geht gegen das eingesessene Unternehmertum.

Ist die Unterstützung von Neugründungen nicht eigentlich Kernaufgabe der lokalen Wirtschaftsförderung?
Am Beispiel Niedersachsen lässt sich gut erkennen: Die Wirtschaftsförderung hat ihre Kernkompetenz sehr breit aufgestellt – das muss auch so sein, weil Selbständige aller Art mit Fragen kommen, ob Maler, Frisör oder Internetunternehmer. Meiner Meinung nach funktioniert die Unterstützung hier sehr gut. Denn die lokale Wirtschaftsförderung muss nach dem Standard-Modell vorgehen, um alle abzuholen. Wenn es aber um spezielle Anliegen in Verbindung mit Digital-Themen oder Technologie geht, ist die nötige Kompetenz im Detail nicht vorhanden.

Selbst bei anfänglich hohem Interesse seitens der Städte – wird sich das Konzept aus Ihrer Sicht langfristig tragen?
Was mich positiv stimmt, ist die Entwicklung der Coworking-Spaces, die wir in Berlin oder London sehen – zum Beispiel bei Wework ist die Auslastung enorm und es gibt noch viele weitere Player am Markt. Natürlich ist der Start in kleineren Städten ein Stück weit eine Wette, dass dieser Trend sich fortsetzt. Persönlich wäre ich bei einer Auslastung von 70 oder 80 Prozent schon glücklich.

Um Gründer vor Ort professionell zu fördern, brauchen Sie gut vernetztes Personal mit spezifischem Know-how. Wie wollen Sie die nötigen Mitarbeiter finden?
Die Orangery wird dort eröffnet, wo es bereits eine Hochschule oder eine Uni mit einem Lehrstuhl für Entrepreneurship gibt. Das heißt, dort gibt es schon Affinität zum Thema Gründen. Durch die eine oder andere Erfolgsmeldung werden wir außerdem Leute überregional anziehen. Berlin hat zwar den Vorteil, viele Fachkräfte anzulocken – auch durch eine große Entwicklercommunity –, aber die Gehälter und die Fluktuation sind bereits sehr hoch.

Wie finanzieren Sie den Wachstumskurs der Orangery?
Wir stellen uns rein privatwirtschaftlich auf, beteiligt sind bekannte Investoren wie Martin Kind, Gründer des Hörgeräte-Herstellers Kind und Vorstandsvorsitzender des Fußball-Klubs Hannover 96. Ich selbst stecke auch mein Privatvermögen in die Orangery. Ich bin seit dem 21. Lebensjahr als Gründer unterwegs und habe 2014 mein erstes Start-up verkauft. Darüber hinaus bewerben wir uns um Fördergelder des Landes Niedersachsen. Ein Jahr nach der Gründung decken unsere monatlichen Mieteinnahmen aus dem Coworking bereits die Kosten auch des Accelerator-Programms – mit inzwischen einem leichten Plus.