Die Plattform investiert einen Teil der letzten üppigen Finanzierung in die Übernahme einer Bank. Der ungewöhnliche Deal soll vor allem rechtlich Türen öffnen.

Das Fintech Raisin, das in Deutschland unter der Marke Weltsparen auftritt, kauft die Frankfurter MHB-Bank von einem amerikanischen Finanzinvestor. Zwischen dem 2012 gegründeten Raisin und dem 1973 gegründeten Finanzinstitut gibt es bereits seit fünf Jahren eine enge Geschäftsbeziehung: Die Verrechnungskonten der deutschen und österreichischen Kunden werden von der MHB-Bank geführt.

Durch den Kauf will Raisin die Grundlagen für das weitere Wachstum legen. „Die Übernahme öffnet uns den Teil des Geschäfts, den wir bislang nicht selbst bearbeiten durften“, beschreibt Raisin-Gründer Tamaz Georgadze die Motivation für den Kauf im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer. Weil die MHB-Bank in Deutschland eine Vollbank-Lizenz hat, lassen sich zukünftig in der gesamten EU leichter Finanzprodukte anbieten – in der Finanzbranche ist vom sogenannten Passporting die Rede. Das könnte etwa für die ETF-Produkte hilfreich sein, die Raisin seit einiger Zeit in Deutschland vertreibt. Um mögliche Probleme nach einem Brexit zu vermeiden, hatte Raisin bereits 2017 das britische Fintech PBF Solutions übernommen.

Einfacheres Onboarding für neue Kunden

Auch die Anbindung an andere Partnerbanken, die Tagesgeld-Angebote stellen oder beim Vertrieb helfen, solle durch die jetzt erfolgte Übernahme einfacher möglich sein. Zu den Partnern gehören etwa O2-Banking des Telekommunikationskonzerns Telefónica Deutschland oder die Digitalbank N26. „Wir wollen mit ‚Deposit-as-a-Service’ einen weit akzeptierten Marktstandard für Banken aus Europa schaffen“, sagt Georgadze. Der große Raisin-Konkurrent, das Hamburger Fintech Deposit Solutions, kooperiert in großem Stil mit traditionellen Banken – bei dem eigenen Direktkundenportal Savedo wird ein Verrechnungskonto bei der Fintech Group Bank angelegt.

Wie viel Geld für die Übernahme der MHB-Bank durch Raisin nun geflossen ist, will Georgadze nicht verraten – von den 100 Millionen Euro, die Raisin kürzlich eingeworben hatte, sei jedoch auch nach dem Kauf ein guter Teil übrig. Die Bemühungen um eine eigene Teil- oder Vollbanklizenz, wie sie immer wieder einige Start-ups prüfen oder verwirklichen, hatte Raisin schnell verworfen. Zum einen seien die Verbindungen zur MHB-Bank eng: „Wir haben fünf Jahre das Produkt gemeinsam entwickelt und sind eng verzahnt“, so Georgadze

Bank arbeitet eigenständig weiter

Zum anderen hätte der Aufbau viele eigene Ressourcen gebunden – und eine Migration der aktuell über 160.000 Kunden wäre technisch und organisatorisch aufwändig geworden. Für die Kunden soll sich mit der Übernahme daher jetzt auch wenig ändern, außer dass die Registrierung von neuen Nutzern jetzt in einem Schritt erfolgen soll.

Ansonsten bleiben das Start-up mit mittlerweile 260 Mitarbeitern und die Bank mit 35 Mitarbeitern voneinander getrennt. Raisin solle auch in Zukunft weiter Provisionen für die Kundenführung an das Finanzinstitut überweisen. Im Jahr 2016 verbuchte die MHB-Bank etwa eine Million Euro an Provisionseinnahmen, der überwiegende Teil davon stammt laut Bundesanzeiger von Weltsparen – das hatte in dem Jahr etwa eine mittlere fünfstellige Zahl an Kunden.

MHB wird durch die Übernahme zur tatsächlichen Hausbank von Raisin – gleichzeitig sollen die Frankfurter jedoch auch weiter als Dienstleister für andere Start-ups tätig sein. Aktuell kooperieren die Frankfurter etwa Banking-Aufgaben für Exporo, Creditshelf oder Bergfürst. „Wir glauben, dass wir auch dabei mit mehr Zugkraft weiter kommen“, sagt Georgadze.

Die Übernahme muss aktuell noch von der deutschen Finanzaufsicht Bafin sowie der Europäischen Zentralbank abgesegnet werden. Raisin erwartet einen Abschluss noch im ersten Quartal dieses Jahres. Die ersten Gespräche über den Deal hätten bereits vor eineinhalb Jahren begonnen, so Gründer Georgadze. Auch den Investoren musste er ausführlich erklären, warum sich das Start-up die zusätzliche Komplexität einer Bank ins Haus holen wollte – aber an die Vertiefung der Wertschöpfung glaubt.