Eine Exklusivstudie belegt: Die Rahmenbedingungen für Existenzgründer in Deutschland sind bestenfalls mittelmäßig – und es fehlt den Bürgern an Risikolust.

Von Bert Losse

An wohlklingenden Worten mangelt es nicht: „Wir wollen Unternehmertum und Gründungsgeist stärken und zu mehr gesellschaftlicher Anerkennung verhelfen“ – so haben es Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag formuliert. Seit Jahren liegt die Selbstständigenquote, also der Anteil von Unternehmern und Freiberuflern an den Erwerbstätigen, in Deutschland mit rund elf Prozent deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 15,1 Prozent.

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Der Deutschland-Bericht des Global Entrepreneurship Monitor (GEM), der der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt, gibt nun Aufschluss über die Hintergründe der Misere. Er entstammt einer weltweiten Analyse von Gründungsaktivitäten, an der sich Wissenschaftler aus 70 Ländern beteiligt haben. Danach sind die Rahmenbedingungen für Start-ups hierzulande nur durchschnittlich. Zwar gibt es üppige öffentliche Fördermittel. Allerdings hapert es bei der Gründungsausbildung an Schulen und Hochschulen, beim Wissens- und Technologietransfer – und tatsächlich auch beim Image des Unternehmertums, so wie es Union und SPD beklagen.

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„Für ein Land, das seine komparativen Stärken auf Wissen und neuen Produkten aufbaut, sind die Ergebnisse enttäuschend“, sagt Rolf Sternberg, Professor für Wirtschaftsgeografie an der Universität Hannover und Leiter des deutschen GEM-Teams. Die Deutschlanddaten des Berichts basieren auf einer repräsentativen Befragung von 4300 Bundesbürgern sowie 40 Interviews mit Gründungsexperten aus Wirtschaft und Politik. Sie zeigen weitgehenden Stillstand in der Gründungsdynamik.

Die sogenannte TEA-Quote etwa hat sich laut Sternberg „seit drei Jahren nicht signifikant verändert“. Sie gibt den Anteil der 18- bis 64-Jährigen an dieser Altersgruppe an, die während der vergangenen 42 Monate ein Unternehmen gegründet haben oder dies soeben tun. Der Wert für Deutschland liegt bei 5,3 Prozent – im Vergleich mit 29 sogenannten innovationsbasierten Volkswirtschaften der drittletzte Platz.

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Zwar sieht derzeit mehr als jeder Dritte in seiner Region in den kommenden Monaten gute Gründungschancen, das ist der höchste Wert der vergangenen zwölf Jahre. Das aber dürfte vor allem der guten Konjunktur geschuldet sein. Gleichzeitig fehlt es den Deutschen an Risikobereitschaft: Nur 36 Prozent glauben, über ausreichende Fähigkeiten und Erfahrungen für eine Selbstständigkeit zu verfügen. Zum Vergleich: In den USA sind es über 50 Prozent.

Über 46 Prozent der Bundesbürger geben zudem an, allein die Angst vor dem Scheitern würde sie von einer Existenzgründung abhalten . Hier zeigen sich kulturelle Unterschiede etwa zum angelsächsischen Raum. „In Deutschland ist unternehmerischer Misserfolg immer noch ein Makel, in den USA gehört die zweite Chance zum Selbstverständnis von Gründern und Geldgebern dazu“, sagt Sternberg. In den USA geben nur knapp 33 Prozent der Befragten an, sich durch Angst vor der Pleite die Unternehmerlust nehmen zu lassen.

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„Deutschland muss mehr tun“, fordert Sternberg. Um den Gründergeist zu wecken, sei „vor allem das Bildungswesen gefragt, das stärker zur Selbstständigkeit motivieren sollte“. Dass Politik, Schulen und Hochschulen mitziehen und junge Menschen künftig stärker für das Unternehmertum begeistern, daran hat der GEM-Chef jedoch Zweifel: „Da brauchen wir einen langen Atem.“

Zumal die Politik bei der Umsetzung des Koalitionsvertrags eher auf kleine Schritte setzt. Vor Ostern beschloss das Kabinett ein Paket zum Bürokratieabbau, das ausdrücklich auch Existenzgründern zugutekommen soll: Sie müssen ein paar Statistiken weniger ausfüllen.