Das Start-up bietet automatisierte Identitätsprüfungen auf Basis von Video-Selfies an – und will nun nach Deutschland expandieren.

Wer sich zuletzt bei Banken, Mobilfunkunternehmen oder Carsharing-Unternehmen als Neukunde registriert hat, kennt das Prozedere: Bevor sich die Dienste vollständig nutzen lassen, geht es erst einmal zur digitalen Dokumenten-Kontrolle. Dann heißt es, freundlich in die Smartphone- oder Laptopkamera lächeln – und den Ausweis oder Führerschein langsam vor dem Gerät hin- und herschwenken. Eingeführt vor sechs Jahren, hat das videobasierte Verfahren inzwischen das vormals übliche Postident-Verfahren weitgehend abgelöst.

Vorangetrieben haben den Wandel maßgeblich WebID und ID Now: Die beiden Start-ups aus Berlin und München liefern sich seit Jahren einen Wettkampf – und teilen den Markt in Deutschland weitgehend unter sich auf. Die Dominanz der Platzhirsche brechen will nun PXL Vision aus Zürich. „In Deutschland sehen wir aktuell das größte Wachstumspotenzial für uns“, sagt Gründer Michael Born. „Wir scheuen den Wettbewerb nicht.“ In den kommenden Monaten wolle das Start-up einen Vertriebs-Standort im Nachbarland eröffnen.

In der Schweiz ist PXL Vision bereits eine feste Größe. Zu den Kunden gehören Mobilfunkunternehmen wie Sunrise und Salt, sowie Geldinstitute wie die Zürcher Kantonalbank (ZKB). Im vergangenen Jahr ist das Start-up zudem Technologiepartner von SwissID geworden. Über den Dienst können sich Nutzer gegenüber verschiedenen Unternehmen ausweisen, ohne bei diesen erneut einen Identifizierungs-Prozess durchlaufen zu müssen. „Dort haben wir uns bereits gegen deutlich größere Anbieter durchsetzen können“, sagt Born.

4,4 Millionen Euro von Investoren

Für die Expansionspläne hat das Start-up, das in den vergangenen Jahren vor allem von laufenden Einnahmen gelebt hat, nun Geld von Wagniskapitalgeber bekommen. Insgesamt 4,6 Millionen Franken – rund 4,4 Millionen Euro – kamen bei der Finanzierungsrunde zusammen. Lead-Investor war der Schweizer Börsenkonzern Six mit seinem Fintech-Fonds. Beteiligt waren zudem die ZKB, die Arab Bank, der High-Tech Gründerfonds sowie zwei Business Angels.

Gründer Born ist in der Schweizer Start-up-Szene kein Unbekannter: Er hat bereits mehrere Unternehmen aufgebaut – das bekannteste ist Dacuda. Das Start-up hatte erst einen mobilen Dokumenten-Scanner in Form einer Computermaus entwickelt. Später kam eine Sparte für Augmented Reality hinzu, die das US-Start-up Magic Leap vor drei Jahren übernommen hat. Statt dort einen Job anzunehmen, hat sich Born zusammen mit seinen Kollegen Nevena Shamoska, Roxana Porada, Lucas Sommer und Karim Nemr zur Neugründung von PXL Vision entschieden.

Im Unterscheid zu WebID und ID Now setzt das inzwischen über 40 Mitarbeiter große Start-up alleine auf eine automatisierte Identitätsprüfung. Dazu werden in einem ersten Schritt Ausweisdaten ausgelesen, die Endkunden vor die Kamera halten. Per Video-Selfie wird dann überprüft, ob der Kunde tatsächlich gerade live vor der Kamera sitzt – und es sich um dieselbe Person wie im gescannten Dokument handelt. „Für die Nutzer ist das besonders komfortabel und mit keiner Wartezeit verbunden“, sagt Born.

Gestärkt durch die Corona-Krise

Ähnliche Verfahren bieten zwar auch WebID und ID Now an. Sie unterhalten aber zusätzlich große Call-Center, um auch eine Identifizierung per Video-Chat anbieten zu können. Für einige Anwendungen wie die Kontoeröffnung ist das gesetzlich noch vorgeschrieben. Born ist überzeugt, dass die Regularien bald angepasst werden. „Wir erreichen ein mindestens genauso hohes Sicherheits-Niveau“, sagt er. Zudem hätten Kunden die Möglichkeit, manuelle Kontrollen zu integrieren. Gefragt sei die Lösung indes auch zunehmend bei Unternehmen, die gesetzlich nicht zu einer Identitätsprüfung gezwungen sind – aber schon aus eigenem Interesse in die Betrugsprävention investieren.

Ähnlich sieht das Nect aus Hamburg: Gegründet 2017, setzt das Start-up ebenfalls auf eine automatisierte Lösung – und hat genau wie PXL Vision gerade Wagniskapital für die Internationalisierung bekommen. Gemeinsam ist allen Anbietern: Sie verzeichnen in der Corona-Krise eine besonders große Nachfrage. Denn die Möglichkeit, Verträge in einer Filiale abzuschließen, gab es während des Lockdowns quasi nicht. Hinzu kommt: Die Video-Identifizierung ist garantiert kontaktlos.