Unternehmen wie Airbnb und Uber revolutionieren ganze Branchen. Das schmeckt nicht jedem. Dabei profitieren am Ende nicht nur die Kunden von dieser Entwicklung, findet Niklas Veltkamp.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Heute schreibt Niklas Veltkamp, Mitglied der Geschäftsführung beim Branchenverband Bitkom und dort für Start-ups zuständig.

Wohnungen vermieten, ohne je eine gebaut oder gekauft zu haben. Leute von A nach B bringen, ohne dazu ein Auto zu besitzen oder zu leihen. Oder dem Kunden einen ewig langen Produktkatalog zur Auswahl und Bestellung anzubieten, ohne selbst irgendwelche Lagerräume zu besitzen. Was für viele immer noch wie ein Märchen aus den 1001-Nacht-der-Betriebswirtschaft klingt, sind ziemlich clevere Start-up-Ideen gewesen: AirBnB, Uber oder Ebay funktionieren genau so. Die ganze Welt redet von Plattformen, die wir alle tagtäglich nutzen. Junge, innovative Start-ups denken mittlerweile ebenfalls fast immer in Plattformen. Es geht ihnen nicht darum, ein Produkt oder einen Geschäftsprozess zu digitalisieren, sondern einen Markt grundlegend zu verändern, zu disrupten. Aktuelle Beispiele sind etwa die Vermittlung von Haushaltshilfen, Lebenspartnern oder Mitfliegern im eigenen Privatflugzeug. Kaum eine Debatte über Digitalisierung kommt daher derzeit ohne Schlagworte wie Plattformisierung oder Plattformökonomie aus.

Regulierung der Plattformen gefordert

Zunächst einmal: Die Idee von Plattformen ist ziemlich simpel und gar nicht so neu, das Internet hat ihre Umsetzung nur deutlich leichter gemacht. Ein – Bajuwaren mögen diese Verkürzung verzeihen – Rummel wie das Oktoberfest funktioniert schon lange so. Der Betreiber bringt Anbieter von Gerstensaft und saftigem Essen mit der zahlenden Kundschaft zusammen und kassiert dafür eine Gebühr. Er selbst organisiert die Veranstaltung, betreibt aber nicht Festzelte und Fahrgeschäfte. In der digitalen Welt funktioniert das ähnlich – führt aber zu deutlich mehr Kritik, etwa wenn eine Regulierung der Plattformen gefordert wird und etablierte Branchen wie Taxiinnungen oder Hoteliers die neuen Konkurrenten am liebsten mit Paragraphen, die sich gerne auf hundert Jahre alte Gesetze beziehen, aus der Stadt prügeln wollen.

Plattform-Benefit statt Schwarzarbeit

Diese Abwehrhaltung ist im Einzelfall verständlich, wenn sich die Politik mit diesen Partikularinteressen gemein macht, ist das aber ein Fehler. Denn die Vorteile für alle Seiten in der Plattformökonomie sind bestechend: Für den Kunden gibt es zum Beispiel nur einen Ansprechpartner, auf den er sich verlassen kann, und der leichter als viele einzelne Anbieter bestimmte Sicherheitsversprechen und Garantien abgeben kann. Zudem kann er sich auf bestimmte Qualitätsstandards verlassen, zumeist kann er auf Bewertungen anderer Nutzer zurückgreifen und so die einzelnen Angebote besser einordnen. Die Anbieter oder Verkäufer profitieren davon, dass der Marktzugang – auch auf internationale Märkte – einfacher und kostengünstiger wird, die Ausgaben für Marketing und Vertrieb sinken deutlich. Vom Wettbewerb verschiedener Plattformen profitieren natürlich auch die Anbieter – was jeder unterschreiben wird, der schon einmal gesehen hat, wie manch Berliner Taxifahrer mit den verschiedenen Plattformen von Taxi-Funk über myTaxi bis zu Uber in seinem Wagen jongliert und sich die aktuell besten Fahrten heraussucht. Zudem muss sich der Anbieter nicht selbst um die Technologie kümmern, die ihn mit dem Kunden verbindet. Und nicht zuletzt kann auch die Gesellschaft kräftig davon profitieren, wenn es etwa dank Plattformanbietern kein Problem ist, eine Haushaltshilfe zu engagieren, die offiziell angemeldet ist, Steuern zahlt und zudem versichert ist. Plattform-Benefit statt Schwarzarbeit.

Es wird Zeit für eine Chancendebatte zur Plattformökonomie in Deutschland! Gerade im B2B-Bereich gibt es noch viele Branchen, bei denen es an entsprechenden Angeboten fehlt. Und sicherlich auch noch viele Geschäftsmodelle, an die noch niemand gedacht hat. Denn es muss längst nicht immer Ferienwohnung oder Taxi sein, wenn es um digitale Plattformen geht. Es kann auch um Stahl gehen, tonnenschweren Baustahl, dessen Herstellung und Lagerung Millionen verschlingt. Darüber hat Gisbert Rühl, CEO von Klöckner, auf der letztjährigen hub conference des Bitkom berichtet. Er ist ins Silicon Valley gefahren und hat sich von Start-ups zeigen lassen, wie die – so rein theoretisch – sein Business des Stahlhandels disrupten würden. Damit er es – ganz praktisch – selbst machen kann. Und deshalb wird Stahl jetzt auf einer Klöckner-Plattform direkt zwischen Anbietern und Kunden, zwischen Stahlproduzenten und Bauunternehmen, online gehandelt. Ohne teure Fehlproduktion, aber auch ohne volkswirtschaftlich schädlichen Mangel an Baumaterial.

Service und Qualität setzen sich durch

Genau an dieser Stelle könnten Start-ups hierzulande ansetzen, indem sie besonders die starke deutsche Fertigungswirtschaft mit Plattform-Angeboten effizienter machen – und so auch die deutsche und die europäische Wettbewerbsfähigkeit steigern. Dabei ist ein Faktor entscheidend: die Zeit. Denn in der Plattformökonomie setzen sich am Ende meist nur wenige Anbieter durch, es gewinnen diejenigen, die möglichst viele Anbieter und Nachfrager zusammenbringen. Und das sind oft diejenigen, die als erste starten und so die kritische Masse erreichen. Der Wettbewerb in vielen Feldern hat aber auch gezeigt: Service und Qualität setzen sich in der Regel durch – gepaart mit dem unbedingten Willen, internationaler Marktführer zu werden. Und das ist ein Kriterium, dem Start-ups zum Glück immer öfter entsprechen. Sie können daher die idealen Partner für die deutsche und europäische Wirtschaft sein.

Entwicklung ist nicht aufzuhalten

Umso wichtiger ist es, dass nicht mit neuen Verboten und Verordnungen versucht wird, Plattformen hierzulande bereits zu regulieren, bevor sich überhaupt welche entfalten konnten. Politiker sollten nicht auf den schnellen Applaus für vermeintlich verbraucherfreundliche Verbote aus sein, sondern mit Weitblick die Chancen und Möglichkeiten in einer digitalen Wirtschaft betrachten. Die Entwicklung zu einer Plattformökonomie ist nicht aufzuhalten, es gilt sie zu gestalten und in diesem Rahmen vor allem auch zu fördern. Gründer in Deutschland und Europa haben durch den leider viel zu oft fehlenden europäischen digitalen Binnenmarkt und die vielen unterschiedlichen rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die zahlreichen verschiedenen Sprachen ohnehin schon einen Standortnachteil, etwa gegenüber US-amerikanischen Start-ups. Im B2B-Bereich können Sie aber auch auf klare Standort-Vorteile setzen – konkret auf unzählige erfolgreiche Industrieunternehmen in ihrer direkten Nachbarschaft. Kommt die nächste erfolgreiche Business-Plattform schon bald aus Europa? Und wenn ja: Welcher Industriezweig könnte sich hier an die Spitze der Bewegung setzen? Die Hannover Messe, die am Montag startet, kann da vielleicht schon einige Hinweise geben- denn auch auf dieser weltweiten Leistungsschau der Industrie sind immer mehr Start-ups dabei.

Gemeinsam an einem Strang ziehen

Entscheidend ist: Die Wirtschaft muss die Chancen erkennen. Nach einer aktuellen Bitkom-Umfrage geben sechs von zehn Geschäftsführern und Vorstandsmitgliedern deutscher Unternehmen mit 20 oder mehr Mitarbeitern an, sie wüssten gar nicht, was die Begriffe Plattformökonomie bzw. digitale Plattformen eigentlich bedeuten. Start-ups können helfen, diese Lücke zu schließen (und sie können die Lücke als Chance nutzen). Aufklärung, unternehmerischer Mut, Vorbilder: Wenn Start-ups und etablierte Player hier gemeinsam an einem Strang ziehen, das Branchen-Know-How von erfolgreichen Unternehmen mit der disruptiven Herangehensweise von jungen Start-ups verbinden, dann birgt die Plattformökonomie neben Herausforderungen und neuen Wettbewerbern, wohl auch vor allem eins: große Chancen. Industrie 4.0, vernetztes Fahren, intelligente Energie-Versorgung und Smart Home lassen grüßen.