Es wird Zeit für eine Chancendebatte zur Plattformökonomie in Deutschland! Gerade im B2B-Bereich gibt es noch viele Branchen, bei denen es an entsprechenden Angeboten fehlt. Und sicherlich auch noch viele Geschäftsmodelle, an die noch niemand gedacht hat. Denn es muss längst nicht immer Ferienwohnung oder Taxi sein, wenn es um digitale Plattformen geht. Es kann auch um Stahl gehen, tonnenschweren Baustahl, dessen Herstellung und Lagerung Millionen verschlingt. Darüber hat Gisbert Rühl, CEO von Klöckner, auf der letztjährigen hub conference des Bitkom berichtet. Er ist ins Silicon Valley gefahren und hat sich von Start-ups zeigen lassen, wie die – so rein theoretisch – sein Business des Stahlhandels disrupten würden. Damit er es – ganz praktisch – selbst machen kann. Und deshalb wird Stahl jetzt auf einer Klöckner-Plattform direkt zwischen Anbietern und Kunden, zwischen Stahlproduzenten und Bauunternehmen, online gehandelt. Ohne teure Fehlproduktion, aber auch ohne volkswirtschaftlich schädlichen Mangel an Baumaterial.

Service und Qualität setzen sich durch

Genau an dieser Stelle könnten Start-ups hierzulande ansetzen, indem sie besonders die starke deutsche Fertigungswirtschaft mit Plattform-Angeboten effizienter machen – und so auch die deutsche und die europäische Wettbewerbsfähigkeit steigern. Dabei ist ein Faktor entscheidend: die Zeit. Denn in der Plattformökonomie setzen sich am Ende meist nur wenige Anbieter durch, es gewinnen diejenigen, die möglichst viele Anbieter und Nachfrager zusammenbringen. Und das sind oft diejenigen, die als erste starten und so die kritische Masse erreichen. Der Wettbewerb in vielen Feldern hat aber auch gezeigt: Service und Qualität setzen sich in der Regel durch – gepaart mit dem unbedingten Willen, internationaler Marktführer zu werden. Und das ist ein Kriterium, dem Start-ups zum Glück immer öfter entsprechen. Sie können daher die idealen Partner für die deutsche und europäische Wirtschaft sein.

Entwicklung ist nicht aufzuhalten

Umso wichtiger ist es, dass nicht mit neuen Verboten und Verordnungen versucht wird, Plattformen hierzulande bereits zu regulieren, bevor sich überhaupt welche entfalten konnten. Politiker sollten nicht auf den schnellen Applaus für vermeintlich verbraucherfreundliche Verbote aus sein, sondern mit Weitblick die Chancen und Möglichkeiten in einer digitalen Wirtschaft betrachten. Die Entwicklung zu einer Plattformökonomie ist nicht aufzuhalten, es gilt sie zu gestalten und in diesem Rahmen vor allem auch zu fördern. Gründer in Deutschland und Europa haben durch den leider viel zu oft fehlenden europäischen digitalen Binnenmarkt und die vielen unterschiedlichen rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die zahlreichen verschiedenen Sprachen ohnehin schon einen Standortnachteil, etwa gegenüber US-amerikanischen Start-ups. Im B2B-Bereich können Sie aber auch auf klare Standort-Vorteile setzen – konkret auf unzählige erfolgreiche Industrieunternehmen in ihrer direkten Nachbarschaft. Kommt die nächste erfolgreiche Business-Plattform schon bald aus Europa? Und wenn ja: Welcher Industriezweig könnte sich hier an die Spitze der Bewegung setzen? Die Hannover Messe, die am Montag startet, kann da vielleicht schon einige Hinweise geben- denn auch auf dieser weltweiten Leistungsschau der Industrie sind immer mehr Start-ups dabei.

Gemeinsam an einem Strang ziehen

Entscheidend ist: Die Wirtschaft muss die Chancen erkennen. Nach einer aktuellen Bitkom-Umfrage geben sechs von zehn Geschäftsführern und Vorstandsmitgliedern deutscher Unternehmen mit 20 oder mehr Mitarbeitern an, sie wüssten gar nicht, was die Begriffe Plattformökonomie bzw. digitale Plattformen eigentlich bedeuten. Start-ups können helfen, diese Lücke zu schließen (und sie können die Lücke als Chance nutzen). Aufklärung, unternehmerischer Mut, Vorbilder: Wenn Start-ups und etablierte Player hier gemeinsam an einem Strang ziehen, das Branchen-Know-How von erfolgreichen Unternehmen mit der disruptiven Herangehensweise von jungen Start-ups verbinden, dann birgt die Plattformökonomie neben Herausforderungen und neuen Wettbewerbern, wohl auch vor allem eins: große Chancen. Industrie 4.0, vernetztes Fahren, intelligente Energie-Versorgung und Smart Home lassen grüßen.