Der Kunsthandel gilt als konservativ und innovationsscheu. Doch auch vor ihm macht die Digitalisierung nicht halt. Start-ups denken den Sektor neu.

Wenn Joerg Schnurre seine Gründung Pinkwhy vorstellt, spricht er nicht von Innovation, sondern von Disruption. Diese entwickelt den Markt nicht nur weiter, sondern zerschlägt bestehende Modelle. Das will Schnurre erreichen, indem er digitalisierte Kunst zum Download anbietet. Die Idee eines Online-Shops für Kunst ist nicht neu: Juniqe verschickt seit 2014 junge Kunst von Berlin bis ins europäische Ausland als Kopie zum Aufhängen und auf Wunsch auch auf Bettwäsche oder Handyhüllen. Auktionen wickeln die Chemnitzer von e.artis schon seit zehn Jahren im Internet ab, und Fineartmultiple stellt sich als Europas größter Online-Marktplatz für zeitgenössische Kunst dar.

„Den Kunsthandel einfach nur ins Internet zu verschieben, ist noch keine Disruption. Das physische Original wird nur online präsentiert und dann wie im analogen Handel verschickt“, sagt Schnurre. „Aber nicht jeder will ein Original oder kann es sich leisten. In Ausstellungen machen die Leute Handyfotos, weil sie ein Bild nicht für die Wand, sondern für das Display wollen – am liebsten nicht in der Qualität einer Handykamera. Genau das bieten wir.“ Der Fokus liegt auf Streetart und Graffiti; dazu kommen einige Fotografien und Illustrationen. Die Downloads zieren Displays von Smartphones, Tablets und TV-Screens der Kunden.

Schaden in Millionenhöhe durch Kunstfälschungen

Wie ein Plattenlabel Musiker unter Vertrag nimmt, erwirbt Pinkwhy das Lizenzrecht von Künstlern, um deren Bilder zu vertreiben. Derartige Vergleiche zur Musikindustrie ziehen sich durch das gesamte Gespräch mit Schnurre: „Spielt ein Musiker unplugged auf der Bühne, hören ihn vielleicht 50 Leute. Mit einem Tonträger erreicht er potenziell tausende, mit einem Download noch mehr.“ In dieser Logik steigt der Wert eines Bildes mit dessen Vervielfältigung. „In den Musikcharts ist an der Spitze, wer am meisten verkauft. Warum sollte das nicht auch in der Kunstindustrie funktionieren“, so Schnurre.

Klassisch denkt der Kunstmarkt genau andersherum: Exklusivität bedeutet Wertsteigerung. Diese Einzigartigkeit wollen die Gründer von 4ARTechnologies schützen und zwar mit Blockchain. Einer Studie des Wirtschaftsprüfers KPMG zufolge setzen immer mehr Investoren auf die Technologie. Sie ist besonders interessant für die Anwendung bei Verträgen, da sie als eine Art riesiges virtuelles Register Informationen in Form einer Kette speichert – und so letztlich vor Fälschungen schützt. „Bis zu 50 Prozent aller weltweit gehandelten Kunstwerke sind gefälscht oder zumindest nicht eindeutig als Originale erkennbar“, sagt Nikolas Kipouros, der selbst als Kunstvermittler und Sammler seit rund 25 Jahren in der Branche ist. „Der Schaden geht in die Millionenhöhe.“

Globaler Kunstmarkt im Wachstum

Für dieses Problem wollen Kipouros und sein Geschäftspartner Rolf Maier eine Lösung gefunden haben. Digitale Echtzeit-Zertifikate haben auch andere Branchenakteure entwickelt. Doch diese konnten nicht die eindeutige Zugehörigkeit von Objekt und Zertifikat garantieren. Genau diese Verknüpfung zwischen digital und analog will 4ARTechnologies mit einem erweiterten Authentifizierungsverfahren erreichen. Anhand der Oberflächenstruktur entsteht ein Fingerabdruck des Kunstwerks, der über Blockchain verewigt wird. Statt mit aufwändiger Technik geschieht der Abgleich über eine Smartphone-App. Kipouros führt die Anwendung in einem Erklärvideo vor: Er fotografiert mit seinem Smartphone eine Visitenkarte ab und speichert das Bild in der App. Die Handy-Kamera auf eine augenscheinlich gleiche Visitenkarte gerichtet, differenziert die App diese vom Original. Genauso soll es mit Kunstobjekten funktionieren.

Für die Entwicklung brauchte es etwa drei Jahre, rund zwölf Millionen Euro Investitionen und den richtigen Partner. Zeiser ist unter anderem für die Sicherheitsmerkmale auf Banknoten sowie nun für die Scan-Technologie von 4ARTechnologies verantwortlich. Diese bewährte sich in der Pilotphase mit tausenden Test-Scans und ist bereit für den Markteintritt – ausgerichtet auf Massenapplikation. Bei einem Handelsvolumen von rund 63 Milliarden US-Dollar wechselten 2017 beinah 40 Millionen Kunstwerke den Eigentümer; 2018 wuchs der globale Kunstmarkt laut UBS Art Basel Report um weitere sechs Prozent auf seinen zweithöchsten Stand seit zehn Jahren. Dokumentation der Stationen eines Bildes sowie Zustandsbericht mit Blick auf mögliche Beschädigungen erledigt die App – kostengünstiger und effizienter als alle anderen Verfahren, verspricht Kipouros.

Spotify als Vorbild

Ob seine Argumente die Branche überzeugen, wird sich zeigen. „Als wir erstmals mit unserer Idee an die Öffentlichkeit gingen, gab es viel Skepsis“, sagt Kipouros, der mittlerweile im Gespräch mit Versicherungen und großen Galerien sei. „Aber am Ende des Tages kann man sich einer Innovation nicht verschließen, die sinnvoll anwendbar, kostengünstig und prozesseffizient ist. Zudem werden Galeristen wie Künstler jünger. Für sie sind Digitalisierung und der Umgang mit entsprechenden Techniken Alltag.“

Schnurre sieht die Branche an dem Punkt, wo die Musikindustrie vor rund 20 Jahren stand. Kaum jemand rechnete damals mit dem Erfolg etwa von Spotify, doch letztlich war es der Branchenneuling und kein etabliertes Label, der als Streamingdienst den Markt wandelte. „Es stellt sich die Frage, wann diese Entwicklung im Kunstmarkt einsetzt. Bisher blenden die führenden Kunstmedien in Deutschland das Thema Digitalisierung weitgehend aus“, sagt Schnurre, der sich im Sektor vorzugsweise jenseits der Branche mit Investoren und Kooperationspartnern vernetzt – und beispielsweise Kontakt zu einem Spotify-Investor aufnimmt.

Künstler auf Tournee

Die Innovationsscheu sei auch ein Grund, warum Pinkwhy im ersten Anlauf scheiterte. Als 2013 kurzfristig ein Investor abgesprungen war, zwang ihn Geldmangel vom Start-up in eine Festanstellung – zumindest vorübergehend. 2015 versuchte er es erneut angespornt auch von technischen Entwicklungen. Etwa zu der Zeit als Pinkwhy seinen Online-Shop launchte, präsentierte Samsung The Frame: ein Flachbildschirm gerahmt wie ein Bild, der vom Fernseh- in den Kunst-Modus wechselt. „Der Hersteller hat in technischer Hinsicht verstanden, was wir schon lange propagieren: Ein Fernseher kann mehr als Bewegt- und Schwarzbild“, sagt Schnurre. Dieses Verständnis setze sich allmählich durch – und eröffne Marktchancen.

Schnurre denkt mit verschiedenen Unternehmen über Kooperationen nach, für deren Geräte eine Galerie wie die von Pinkwhy Mehrwert bietet. Zudem ist eine App in Planung und Schnurre denkt analog. Ein letzter Vergleich zur Musikindustrie: „Die generiert mehr als die Hälfte ihres Umsatzes über Downloads. Gleichzeitig erlebt die Schallplatte ein Revival.“ Was für Musik die Tonträger sind, sind für digitalisierte Kunst die Drucke. Mit diesen könnten die Pinkwhy-Künstler auf Tournee gehen.