Dating-Plattformen sorgen derzeit nicht für Schmetterlinge im Bauch, sondern für Negativschlagzeilen. Ein Interview mit Peter Hense.

Von Julian Heck

Das Portal des Dresdener Start-ups Lovoo ist momentan in Verruf geraten, weil die Macher Fake-Profile eingerichtet haben. Sie verweigern jedes Interview und haben sich vorerst aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

Aber warum riskieren sie ihr Geschäft mit gefälschten Profilen und weshalb nehmen es Dating-Plattformen nicht so ernst mit dem Datenschutz? Im Interview ordnet Peter Hense, Rechtsanwalt unter anderem für IT und Datenschutz, den Datingportal-Skandal ein.

WirtschaftsWoche Gründer: Herr Hense, Dating-Portale genießen gerade nicht den besten Ruf, Stichwort Fake-Profile. Sind Dating-Plattformen dafür anfälliger als andere Netzwerke?
Peter Hense: Dating-Portale sind E-Commerce-Plattformen, die mit Abonnements und der Hoffnung ihrer Kunden Geld verdienen. Es gibt kein anderes, tragfähiges Geschäftsmodell für die bestehenden Angebote. Der Bereich Partner- und Kontaktvermittlung genießt übrigens schon seit Jahrhunderten einen katastrophalen Ruf, weshalb Juristen ja auch so schlecht auf diese Geschäftsmodelle zu sprechen sind.

Warum?
Wir haben im BGB seit 120 Jahren den Paragrafen 656 Abs. 1, der Verträge mit Heiratsvermittlern als unwirksam ansieht. Diese Regelung gilt grundsätzlich auch für die abgeschwächte Formen der Partnervermittlung und ist eine große Gefahr für die ehrenwerte Branche. Er verhindert im Prinzip eine Erfolgsvergütung und zwingt zu Ausweichmodellen wie Abonnements, Vergütungen für Nebenleistungen wie Chats und Bilder oder hohe Vorauszahlungen. Denn auch das steht in § 656 BGB – eine einmal gezahlte Vergütung darf nicht zurückgefordert werden.

 Sie sind als Jurist also kein Freund von Dating-Plattformen?
Die ablehnende Haltung von Juristen gegenüber der Partnervermittlung gründet auf sehr langer Erfahrung mit den unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen des Modells „Kontakt gegen Geld“ und die ist fast durchweg negativ. Im Unterschied zu einer reinen Plattform für Waren und Dienstleistungen handelt es sich bei der Partnervermittlung um einen „Hoffnungskauf“. Der Kunde glaubt an ein Leistungsversprechen, das aber im Wesentlichen von Bedingungen abhängt, die der Leistende, also das Vermittlungsportal, nicht beeinflussen kann.

Dating-Portale spielen also Ihrer Meinung nach mit den Gefühlen der Kunden?
Liebe und Zuneigung sind keine Frage von Algorithmen und Persönlichkeitstests, sondern beruhen auf den bis heute nicht vollständig erklärbaren „rules of attraction“. Wer sich von Kontaktplattformen die Lösung, den Ausweg aus der eigenen sozialen Unmündigkeit erhofft, der wird meist enttäuscht werden. Alles was diese Portale bieten, ist die Suggestion der Partnerwahl ohne Mühe. Die gibt es aber nicht. Dass dennoch so viele Menschen auf Dating-Portale setzen, ist ein Zeichen allgemeiner Hoffnungslosigkeit, was wiederum die Ambitionen von Unternehmen befeuert, die mit dem „Elend“ anderer Menschen gern Geschäfte machen.

Aus Nutzersicht ist es ärgerlich, wenn mich ständig Fake-Profile kontaktieren. Was ist aber das große Problem für die Nutzer?
Fake-Profile gibt es auch im wahren Leben. Jeder spielt ein klein wenig Theater, wenn es um die Partnersuche geht. Im Unterschied zum romantischen Date im Restaurant oder am Strand hat man online aber nicht die Chance, das Gegenüber mit allen Sinnen zu prüfen. Erstaunlicherweise sind Internetnutzer in sozialen Netzwerken vorsichtiger und glauben nicht immer an die Identität des Gegenüber.

Sobald man aber das Umfeld ändert und die gleichen Tricks auf einem Dating-Portal anwendet, lassen sich viele grundlos von einer nackten Schulter oder einem straffen Bauch in die Irre führen und die unrealistische Hoffnung darauf, dass Traummann oder Traumfrau sich ebenfalls der elektronischen Kontaktvermittlung bedienen, besiegt das Residuum an warnendem Verstand.

Dem Dresdener Portal Lovoo wird seit einiger Zeit vorgeworfen, selbst gefälschte Profile zu erstellt haben. Was genau hätte Lovoo davon?
Der Vorwurf gegen Lovoo ist nicht neu. Wer geglaubt hat, dieses Start-up habe plötzlich den „Stein der Weisen“ gefunden und ein seit jeher riskantes Geschäftsmodell risikofrei hochprofitabel gemacht, den kann man nur kalt auslachen. Fake-Profile sind gang und gäbe in einer Branche, die von der Illusion lebt. Was Lovoo und andere davon haben? Reichweite, Kunden, Einnahmen. Wenn es einem Portal gelingt, das katastrophale Missverhältnis von Männern und Frauen auf seinen Plattformen auszugleichen, wird es ungleich attraktiver für Neuanmeldungen und Bestandskunden verlängern oder investieren zusätzlich.

Dass Lovoo alternative „Revenue Streams“ erschlossen hat und Kunden durch kostenpflichtige (Fake-)Profilansichten und irgendwelche anderen Bonus-Mätzchen Geld aus der Tasche zieht, ist die konsequente Folge dieser Misere. Es gibt schlicht zu wenige Frauen, die bereit sind, das Abenteuer Online-Dating einzugehen. Fake-Profile sind nur das virtuelle Pendant zum Heiratsschwindler. In beiden Fällen verlieren vertrauensselige Menschen auf der Suche nach etwas Liebe oder Lust in ihrem Leben viel Geld.

Wie ist das Fake-Problem bei Dating-Portalen rechtlich zu bewerten?
Hier wird es allerdings weniger amüsant. Gewinne mit Fake-Profilen zu erzielen ist Betrug am Kunden. Gezahlte Vergütungen können zurückgefordert und langfristige Verträge gekündigt oder angefochten werden. Fake-Profile sind auch unlauter und damit wettbewerbswidrig, denn sie führen Nutzer über die Leistungsfähigkeit und die Qualität der Dienstleistung gezielt in die Irre. Doch am härtesten wiegt der strafrechtliche Vorwurf. Wer Fake-Profile zur Generierung von Einnahmen einsetzt, macht sich des gewerbsmäßigen Betrugs strafbar, bei mehreren Beteiligten ist es sehr wahrscheinlich auch ein, der als „Bande“ begangen wird, was die Strafdrohung nach oben treibt. Wenn der Gesamtschaden über 50.000 Euro beträgt, wird der Betrug zu einem „besonders schweren Fall“ und auf Täter, Mittäter, Anstifter und Gehilfen wartet dann eine Strafdrohung von bis zu zehn Jahren Gefängnis. Das sind keine sonnigen Aussichten.

Kann man davon ausgehen, dass Lovoo, Ashley Madison und Co. Nutzer intensiver tracken, als es der Datenschutz erlaubt, um mit Fake-Profilen Kasse zu machen?
Natürlich müssen sie davon ausgehen, dass ihre Kundendaten bei einem Unternehmen, das vor kriminellen Mitteln nicht zurückschreckt, nicht besonders pfleglich und zurückhaltend behandelt werden. Bei Ashley Madison war es ja wohl gerade dieser Umgang mit Kundendaten, der zum Hack geführt hat. Doch während bei gezielter Werbung die Kenntnis vom Nutzer wichtig ist, scheint mir das bei Datingportalen nicht im Vordergrund zu stehen. Die Betreiber wissen doch schon, dass sich zu viele männliche User angemeldet haben.

Können sich betrogene Nutzer rechtlich wehren?
Natürlich. Allerdings ist der Aufwand groß, um einige hundert Euro wiederzubekommen. Solange es in Deutschland keinen Strafschadensersatz und keine Sammelklagen gibt, wird der Betrug am Verbraucher zumindest finanziell mit vergleichsweise geringen Risiken belastet sein. Ich persönlich rate den Betroffenen allerdings dazu, sich rechtlich zu wehren und ein Zeichen zu setzen, dass Betrüger mit solchen Methoden nicht durchkommen werden. Ich bin mir aber auch bewusst, dass dieser Ruf nach Gerechtigkeit im Wesentlichen ungehört verhallen wird.

Was müssten Dating-Portale tun, um aus dem Sumpf wieder rauszukommen und das Vertrauen – potentieller – Nutzer zurückzugewinnen?
Ich hätte da so einige Ideen, die allerdings nicht in die Businesspläne von exitgetriebenen Start-ups passen. Ich finde, dass zumindest einige Marktteilnehmer durchaus einen passablen Job machen. Fake-Profile sind natürlich unzumutbar aber auch unausrottbar. In Zukunft erwarte ich jedoch Angebote, die Social Media stärker und nahtlos integrieren, die ihren Kunden auch gleich etwas Persönlichkeitsberatung verpassen und reale Dating-Events und Reisen organisieren. Ansätze dafür gibt es bereits, allerdings ist das noch nichts für die breite Masse.

Die Crux für all die einsamen Seelen liegt doch darin, dass es so schwer ist, mit sympathischen Leuten ins Gespräch zu kommen. Das klappt online aber genau so selten wie offline, von daher erwarte ich keine Wunder. Die Welt der Kontaktanbahnung wird sich trotz aller Skandale und Problem nicht in Sprüngen verändern. Wohl dem, der nicht auf sie angewiesen ist.