Das personalisierte Lernen ist aus Kostengründen bisher meist Top-Führungskräften vorbehalten. Gleich mehrere Digitalunternehmen wollen das ändern. 

Ob Zeitmanagement, Mitarbeiterführung oder Stressbewältigung: Business-Coaching gelten als wirksames Instrument in der Personalentwicklung. Doch in den Genuss, sich regelmäßig mit Experten auszutauschen, kommen aktuell meist nur Top-Führungskräfte. Der Grund: Coachings sind vergleichsweise teuer und müssen mühsam von Fall zu Fall organisiert werden. Gleich mehrere Start-ups treten aktuell an, um das zu ändern – und setzen auf technische Hilfsmittel, um die Kosten zu senken.

„Wir ermöglichen personalisiertes Lernen für jeden Mitarbeiter weltweit“, verspricht etwa Fabian Niedballa, Mitgründer von Sharpist. Das Berliner Start-up liefert sich aktuell einen Wettlauf mit Coachhub – ebenfalls in der Hauptstadt ansässig. Wie auch das US-Vorbild Betterup vermittelten die Firmen mit Hilfe selbstlernender Algorithmen freiberufliche Coaches an Mitarbeiter der Kundenunternehmen. Die Sitzungen finden per Videochat statt, Reisekosten entfallen deswegen. Per App werden zudem begleitende Lerninhalte zur Verfügung gestellt. Personalabteilungen umwerben die Start-ups zudem damit, dass sie verlässliche Kennzahlen darüber bekommen, wie erfolgreich die Coachings sind.

Jeweils mehr als hundert Unternehmen wollen beide Start-ups bereits von sich überzeugt haben. Ein Treiber ist der Fachkräftemangel: „Wenn Mitarbeiter merken, dass der Arbeitgeber in ihre Weiterentwicklung investiert, steigert das die Loyalität“, sagt Niedballa. Hinzu kommt: Durch die Digitalisierung verändern sich in vielen Unternehmen die Aufgaben von Abteilungen – und auch die Arbeitsweisen innerhalb einzelner Teams verändern sich.

Wachsendes Interesse von Wagniskapitalgebern

An das Potenzial digitaler Coaching-Plattformen glauben auch Wagniskapitalgeber. Mehr als 100 Millionen Dollar hatte Betterup bei seiner letzten Finanzierungsrunde im Juni eingesammelt. Bei Coachhub waren es im November 16 Millionen Euro. Und Sharpist hat gerade eine Finanzspritze von immerhin 4,6 Millionen Euro bekommen – und den Wagniskapitalarm des Wuppertaler Familienunternehmens Vorwerk als neuen Gesellschafter gewonnen. Zu den Bestandsinvestoren gehören Btov Partners, der von Porsche und Springer initiierte Accelerator APX sowie mehrere Business Angels, darunter den Getyourguide-Gründer Johannes Reck.

Gefragt nach den wichtigsten Wettbewerbern betonen Coachhub und Sharpist unisono, dass sie ihre Hauptkonkurrenz in Präsenzseminaren sehen. Bisher sind diese meist die erste Wahl, wenn Unternehmen größere Gruppen schulen wollen. Aus Sicht der Start-ups ist das Geld aber schlecht eingesetzt: Nur selten würden so die Bedürfnisse aller Mitarbeiter erfüllt – zudem seien die Inhalte schnell vergessen. „Zum Preispunkt eines Ein- bis Zweitageseminars können wir ein effektives Coaching-Programm anbieten“, sagt Niedballa.

Wettlauf um die Gunst von Coaches

Eine Herausforderung für die Start-ups: Um Großkonzerne für sich gewinnen zu können, müssen sie ein internationales Netzwerk vorweisen. Sowohl Sharpist als auch Coachhub geben an, mit je 500 Coaches weltweit zusammenarbeiten. Kaum überprüfbar ist, wie gut diese verfügbar sind. Für ein Gros der Experten dürften die Zusammenarbeit mit den Start-ups nur ein Nebengeschäft sein, um Lücken zwischen besser honorierten Vor-Ort-Aufträgen zu füllen. Unklar ist auch, wie stark sich die Netzwerke der Digitalunternehmen überschneiden. Auf Exklusivverträge setzt zumindest Sharpist nicht: „Wir wollen die Coaches durch unsere Arbeit langfristig an uns binden“, sagt Niedballa.

Die Mittel aus der aktuellen Finanzierungsrunde will das Start-up nun nutzen, um mehr digitale Inhalte zu entwickeln, die Coachings themenbezogen begleiten. Für die Produktentwicklung hat Sharpist gerade mit Khurram Masood einen erfahrenen Manager angeheuert: Der Digitalunternehmer war zuletzt Mitgründer und COO der African Leadership University, die auf eine Kombination aus Online- und Offline-Kursen sowie Praktika bei Unternehmen setzt. Sharpist will zudem den Vertrieb verstärken. Die Zahl der Mitarbeiter soll bis Ende des Jahres von derzeit 40 auf 80 steigen.