Das Team aus London hilft Unternehmen dabei, über die Welt verstreute Fachkräfte ordnungsgemäß zu beschäftigen. Talente in Deutchland sind dabei global besonders gefragt. Eine Finanzierungsrunde bringt dem Start-up nun früh zwölf Millionen Euro.

Die Revolution kommt im zweiten Schritt: Zuerst sind viele Unternehmen in der Coronakrise dazu übergegangen sind, ihre Organisation dauerhaft auf die regelmäßige Arbeit von Zuhause umzustellen. Nun könnte sich zunehmend auch der Blick beim Recruiting weiten: Warum sollten neue Fachkräfte überhaupt in Pendeldistanz zur Firma wohnen müssen? „Wenn man den Denkschritt einmal vollzogen hat, ist den Unternehmen klar: Man kann sich die besten Mitarbeiter weltweit aussuchen“, sagt Günther Eisinger.

Das Start-up Omnipresent, gegründet von Eisinger und Matthew Wilson, positioniert sich als eine Art Dienstleister für die Welt des sogenannten Remote-Works: Das junge Unternehmen kümmert sich für andere Firmen darum, dass deren Mitarbeiter an ihrem Wohnsitz einen Arbeitsvertrag nach lokalen Gesetzen erhalten.

Corona beschleunigte den Trend zum Remote-Work

Die beiden Gründer lernten sich Ende 2019 im Londoner Programm von Entrepreneur First kennen. Diese Organisation bringt gründungswillige Einzelpersonen zusammen, die dann in wenigen Wochen einen Co-Gründer finden und eine Idee entwickeln müssen. Schon kurz nach dem Start von Omnipresent konnten Österreicher Eisinger und Brite Wilson eine erste Finanzierung sicherstellen. Nun, gerade einmal ein gutes Jahr nach der Gründung, sammelt das Start-up zwölf Millionen Euro ein. Das Geld stammt unter anderem von Bestandsinvestoren, darunter die Risikokapitalgeber Episode 1, Playfair Capital und Truesight Ventures. In ihrem Businessplan hatten die Gründer auf einen langfristigen Trend zum Remote-Work gesetzt – die Pandemie beschleunigte diese Entwicklung massiv: „Im Sommer wurde klar, dass eine richtige Remote-Work-Welle entsteht“, sagt Eisinger im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer, „auf der schwimmen wir jetzt.“

Dennoch muss das Start-up sich bemühen, mit dem traditionellen Geschäftsmodell zu punkten. Schon lange bieten sich Beratungsunternehmen und Personaldienstleister als Helfer an, um Mitarbeiter in fremden Ländern anzustellen. Diesen Weg geht auch Omnipresent: In 150 Ländern fungiert das Start-up bereits als direkter Arbeitgeber, der sich um Verträge, Lohnbuchhaltung und die Abführung von Einkommenssteuern kümmert.

Arbeitübernehmerüberlassung 2.0

Ausführliche Vereinbarungen mit den Unternehmen und den Mitarbeitern regeln die Rahmenbedingungen – und stellen auch klar, dass nicht Omnipresent, sondern der Auftraggeber weisungsbefugt ist. Eine Art individuelle Arbeitnehmerüberlassung: „Der Mitarbeiter arbeitet direkt für unsere Kunden“, sagt Eisinger.

Mehr und mehr sollen Verträge und Dokumentation dabei digital über eine Plattform laufen, Eisinger schwebt eine flexible und einfache Nutzung wie bei den Apps von Neobanken vor. Den Service lässt sich Omnipresent aktuell mit 600 Pfund (etwa 680 Euro) pro Monat und Mitarbeiter vergüten. Ein Teil der Einnahmen fließt dabei an lokale Partner – denn das Start-up kooperiert in den meisten Ländern noch mit anderen Unternehmen, die bereits mit einer eigenen Rechtsform vertreten sind. In neun Ländern, überwiegend in Europa, sei man bereits mit einer eigenen Organisation vertreten, sagt Eisinger: „Wir mussten aber sehr schnell eine weltweite Abdeckung erreichen“.

Weltweite Suche nach Fachkräften

Auch in Deutschland will Omnipresent bald eine eigene Niederlassung errichten. Die Fachkräfte hierzulande sind begehrt: Deutsche Arbeitnehmer machen etwa ein Viertel der Kundenmitarbeiter aus, teilt das Start-up mit. Gerade Unternehmen aus Großbritannien und den USA schätzten den deutschen Arbeitsmarkt, so Omnipresent. Das Beispiel zeigt auch: Die Auslagerung in Niedriglohnländer ist nicht das Hauptmotiv für die Omnipresent-Kunden. „Man könnte glauben, dass die meisten Unternehmen Lohnunterschiede ausnutzen wollen“, sagt Eisinger, „aber das ist für die meisten Firmen nicht der entscheidende Treiber.“

Gründer Eisinger hofft darauf, dass auch Konzerne zunehmend hier und da Fachkräfte aus unterschiedlichen Ländern unter Vertrag nehmen wollen. Und dafür auf das Start-up als Dienstleister zurückgreifen. Vor allem sind es jedoch gerade schnell wachsende Techfirmen, die Spezialisten benötigen, die weltweit verstreut sind – und nicht umziehen wollen oder können.

Das Start-up kennt die Probleme selbst gut: Die etwa 30 Mitarbeiter verteilen sich heute bereits auf ein gutes Dutzend Länder. In den nächsten Monaten sollen noch etwa 20 Teammitglieder dazukommen. Gesucht sind Experten für Tech, Vertrieb, aber auch Personalexperten oder Arbeitsrechtler: „Die Herausforderung ist es, rasch gute Leute zu finden“, sagt Eisinger.