Think big, presented by Oliver Samwer: Auf der Gründerkonferenz „IdeaLab“ an der WHU wirbt der Rocket-Chef dafür, nur Ideen zu entwickeln, die skalierbar sind.

Vallendar. Von Fernsehsendungen über Start-ups hält Oliver Samwer nicht viel. Das macht der 43-Jährige sehr deutlich, als Clemens Walter, Gründer des Snackbox-Start-ups MyCouchbox, den Sieg seines Unternehmens in der ZDF-Show „Kampf der Start-ups“ erwähnt. „Die Sendung finde ich nicht hart genug“, sagt der Chef der Start-up-Schmiede Rocket Internet. Das Publikum lacht.

Doch dass Samwer diese Einschätzung durchaus ernst meint, zeigt sich später: „In den TV-Shows geht es immer viel Emotionalität, um Commitment“, sagt der Rocket-Chef. Die Leidenschaft, die ein Gründer mitbringt, das ist für den „Paten der deutschen Start-up-Kultur“, wie ihn der Moderator bezeichnet, kein Grund für ein Investment. Das sei nicht der Kern einer guten Geschäftsidee. „Fundamental geht es immer um die Frage: Ist die Idee groß genug?“, so der Rocket-Chef.

Oliver Samwer, der sein Markenzeichen – das hellblaue Hemd – an diesem Freitag unter einem dunkelblauen Pullover versteckt, läuft auf der grünen Bühne von links nach rechts, gestikuliert, um seinen Punkt zu unterstreichen: Die Idee allein reicht nicht mehr. Predigte er in früheren Jahren noch Unternehmertum vor Unternehmensberatung und Investmentbanking, pries die Freiheiten eines Gründers an, stellte das Start-up als einzig kluge Entscheidung nach dem Abschluss dar, so konzentrierte er sich in diesem Jahr in seinem Vortrag an seiner Alma Mater, der WHU in Vallendar, auf einen Faktor mehr: die Größe der Geschäftsidee. Think big, presented by Oliver Samwer.

Es wird nicht mehr jede Idee gefeiert

In seinem Vortrag auf dem „IdeaLab“, der seit 15 Jahren jährlich stattfindenden Gründerkonferenz der WHU, entsandte er damit indirekt nicht nur eine klare Botschaft an die etwa 450 Studierenden der Privatuniversität, die anwesenden Gründer und Investoren, sondern auch an die deutsche Start-up-Szene selbst: Anders als früher, als sich alles um das Gründen an sich drehte, als die Leute erst einmal für das Unternehmertum begeistert werden mussten, geht es heute stärker um ein skalierbares Modell. Samwers Vortrag ist ein deutliches Zeichen dafür, dass sich die Start-up-Szene aus den Kinderschuhen herausentwickelt hat: Es wird nicht mehr jede Idee gefeiert.

Oliver Samwer selbst hingegen schon. Noch bevor der Rocket-Chef überhaupt auf der Bühne steht – er ist der erste Redner –, dreht sich alles um ihn. Malte Brettel, Professor für Entrepreneurship, zitiert ihn bei seiner Ansprache, auch Student Mauritz erwähnt ihn in seiner Einführung. Zwar betonen einige Studenten und Absolventen, dass der oft als „Copycat“ bezeichnete Seriengründer an der WHU kritisch gesehen werde: Auf dem „IdeaLab“ schwebt der Samwer-Geist klar über der Veranstaltung. Der Saal ist voll, und Samwers Show zieht.

Ganz im Stil der „Höhle der Löwen“ – der Fernsehsendung, die er kritisiert – zitiert er zu Beginn seines Vortrags drei Gründer und fünf Investoren („Man kann nie genug Investoren haben“) auf die Bühne und veranstaltet seinen eigenen kleinen Pitch. Die Gründer, unter ihnen Walter, sollen ihr Start-up vorstellen, die Investoren je eine Frage stellen. Samwers berühmte Ungeduld macht sich da gleich mehrmals bemerkbar, wenn die Antwort zu lange dauert. „Okay, das reicht jetzt“, unterbricht er einen Gründer. Einem weiteren schneidet er den Satz mit den Worten „Zehn Sekunden, nächster bitte“ ab.

Die letzte Frage behält sich Samwer stets selbst vor. Zwei von drei Malen ist es dieselbe: „Wie werde ich mit deiner Idee groß?“ Dass sie beim dritten Gründer variiert, liegt an dessen Vortrag: Er will seine Idee nicht vorstellen. „You gotta stay paranoid, you gotta stay scared“, sagt er – und verweist mit dem Mikro auf den Rocket-Chef. Die Zuschauer lachen, der Seriengründer schmunzelt. Später wird Samwer mit einer Drohung auf die Aussage des Gründers reagieren und sagen, wenn die Idee gut sei, dann würde er sich ihr gemeinsam mit 240 Programmierern und 1,7 Milliarden Euro annehmen – selbst wenn der Gründer bereits drei Monate Vorsprung habe. Da hat er die Lacher auf seiner Seite.

Seine Botschaft, die streut er immer wieder ein. Einen der Gründer fragt er: „Wie viel Zeit, glaubst du, steckt der Pizzabäcker von nebenan in sein Start-up?“ Der angesprochene WHUler schätzt etwa zehn bis zwölf Stunden. Samwer fragt: „Und wie viel Zeit, glaubst du, steckt der CEO von Pizza Hut in sein Unternehmen?“ 15 Stunden, meint der Student. Eine Steilvorlage für die Mission des Rocket-Gründers: „Ich glaube, sie stecken dieselbe Zeit in ihr Unternehmen.“ Man habe am Tag nur 24 Stunden Zeit, es gebe nur ein bestimmtes Zeitfenster. „So choose big“, sagt Samwer. Denke groß und vergeude deine Zeit nicht mit einer kleinen Idee.

„Dazwischen passiert eine Menge Scheiße“

Natürlich beschwört der Rocket-Chef auch den Gründergeist, spricht davon, dass es nichts Besseres gebe, als selbst auszuprobieren. Er bereitet die gründungswilligen Zuhörer auch auf schwere Zeiten vor. Wenn man Bücher über Steve Jobs lese oder über Elon Musk, dann sei es immer die „Cinderella“-Geschichte, sagt Samwer. „Aber dazwischen passiert eine Menge Scheiße“, so der WHU-Absolvent. „Ihr startet in einer Boom-Phase, aber seid sehr auf andere Zeiten vorbereitet, wenn der Aktienmarkt crasht, wenn McKinsey und die Boston Consulting Group wieder in werden.“ Ein Seitenhieb auf die Beraterszene, ein Klassiker in Samwers Vorträgen.

Nach den – einkalkulierten – Lachern kommt er wieder zurück zum Geschäft. Es gehe nicht um irgendeine Idee, „du musst die richtige Idee wählen“, rät der 43-Jährige. Als Beispiel nennt er Zalando, er nutzt auch die Gelegenheit, ein wenig Werbung für Hellofresh zu machen. Das seien beides große Ideen. Als ihn ein Student fragt, wie wichtig das Netzwerk für eine Gründung sei, sagt Samwer: „Ich hatte kein Netzwerk.“ Er halte Beziehungen auch für „überschätzt“. Eine gute Idee setze sich immer durch. Das Internet biete die beste Grundlage dafür.

Am Ende kommt er noch mal auf die Emotionalität zurück. Klar gehe es um Leidenschaft. Aber: „Ihr müsst eure Idee rationaler sehen. Eines Tages wird sie sowieso im Internet stehen.“ Und wehe, Oliver Samwer gefällt das Geschäftsmodell.