Die Kopierkatze der Berliner Start-up-Szene zeigt sich auf der Noah-Konferenz in Berlin handzahm. Nur manchmal kommt noch der bissige Oliver Samwer durch.

Berlin. Seinen Biss hat Oliver Samwer auch nach dem Börsengang und der dadurch noch angefachten Aufmerksamkeit nicht verloren. Als ein Mann aus dem Publikum ihn danach fragt, wie oft er noch den Kopierkatzen-Vorwurf zu hören bekomme, sagt der Geschäftsführer von Rocket Internet, es gebe viele Menschen, die das noch sagen würden. Und schießt dann hinterher: „Manche davon sind die Einsteins. Das sind aber nur ein Prozent.“ Den anderen sei nicht klar, wie hart es sei, ein Unternehmen aufzubauen.

Ganz kurz blitzt er da wieder auf, der „aggressivste Mann des Internets“, wie sich Samwer einmal selbst in einer E-Mail taufte. Der Rocket-Chef gilt als impulsiv, als launisch, in der Start-up-Szene erzählt man sich etliche Anekdoten über Ausraster und Eigenheiten des Unternehmers. Die Szene von der Noah-Konferenz in Berlin zeigt einen kurzen Blick auf diese Seite des Serienunternehmers.

Doch seine bissige Seite erlaubt sich Samwer in der Öffentlichkeit nur noch selten. Auch auf der Noah-Konferenz in Berlin präsentiert sich der König der Kopierkatzen am Dienstag zahm, ja fast charmant – meistens zumindest. Der Raketenmann mimt den Entertainer, den wortgewandten Unternehmer. Der mittlere der Samwer-Sprösslinge weiß sein Publikum zum Lachen zu bringen, er kokettiert mit seinem Ruf als Arbeitstier. Wohl auch deshalb war es der einzige Vortrag auf der Hauptbühne am ersten Tag der Noah-Konferenz, bei dem die Zuschauerränge dicht gefüllt waren.

„Mein Hauptjob ist es, mit der Lufthansa zu fliegen“

Und das Publikum bekam, was es erwartete: eine Samwer-Showeinlage. Als der Rocket-Chef mit Moderator Marco Rodzynek darüber sprach, wie viel Zeit er als Rocket-Chef in Berlin verbringt, antwortete der Mann mit dem hellblauen Hemd als Markenzeichen nur knapp: „Mein Hauptjob ist es, mit der Lufthansa zu fliegen.“ Lachen im Publikum.

Arianna Huffington, Gründerin der Huffington Post, hatte beim Dinner am Abend zuvor von ihrem Burnout berichtet. Rodzynek stellte dem Rocket-Chef, der als Arbeitstier verschrien ist, die Frage, ob er sich auch manchmal überlastet fühle. „Nein“, entgegnete dieser. „Dieses Burnout-Ding ist nichts für mich.“ Er genieße 98 Prozent seiner Tage – außer die, die er bei Ikea verbringen müsse. Erneut goutierten die Zuschauer die freche Antwort mit Lachen.

Doch die bissige Seite des netten Herrn Samwer kam manchmal doch noch allzu deutlich durch. Mit der Frage „Was machst du eigentlich noch, außer auf Konferenzen herumzusitzen?“ leistete sich der Rocket-Geschäftsführer einen Frontalangriff auf Moderator Rodzynek, der am Dienstag viele Fragen stellte, aber wenig interessante. Als der Gründer der Noah-Konferenz von Samwer wissen wollte, wann sich dieser entscheide, in einen neuen Markt einzutreten, holte der Unternehmer noch einmal aus und sagte, er werde sich künftig auf den Markt von Konferenzen konzentrieren.

Manchmal wirkte Oliver Samwer aber auch schlicht gelangweilt, nahezu abwesend. Etwa bei der Frage, wie er mit einem Typen wie sich selbst in seiner Firma umgehen würde. „Ob es mir gefallen würde mein Boss zu sein – diese „Würde“-Fragen sind immer schwierig zu beantworten“, sagte Samwer. Ähnlich reagierte er, als ein Zuschauer ihn nach drei Investments fragte, die der Rocket-Chef verpasst habe. Samwer beantwortete die Frage zwar – er würde heute seine Facebook-Aktien länger halten –, doch der Start-up-Fabrikant sagte auch, er stehe selten herum und denke über die Vergangenheit nach. Man glaubt ihm das sofort.

„Habt ihr aus der Bank noch mehr herauspressen können?“

An einigen Stellen ging es in dem Interview tatsächlich auch um Inhalte. Als sich das Gespräch auf den Börsengang konzentrierte, berichtete Samwer davon, wie sich Zalando und Rocket regelmäßig vor ihren nur 24 Stunden auseinander liegenden IPOs absprachen: „Habt ihr aus der Bank noch ein wenig mehr herauspressen können? Wie können wir an dieser Stelle noch Geld sparen?“ Die Anekdote soll ein Spaß sein, doch sie verdeutlicht auch, wie Oliver Samwer Geschäfte macht.

Wie man Investoren gewinnt, darüber sprach Samwer auch im Zusammenhang mit dem IPO von Rocket Internet. „Ich denke definitiv, dass Unternehmen früher an die Börse gehen sollten“, sagte Samwer. Rocket Internet war selbst erst im vergangenen Oktober an die Börse gegangen. Zwar gehe es für ein Unternehmen nach dem IPO ständig auf- und ab, mehr Artikel würden erscheinen, mehr Analystenchecks, doch: „Man wird durch Börsengänge größere Unternehmen bauen“, so Samwer. Deutschland brauche daher mehr IPOs, „auch kleinere wie den von Windeln.de“, sagte er – ein kleiner Seitenhieb auf den nicht ganz so erfolgreichen Börsengang des Babyartikelhändlers im Mai.

Einen seiner berüchtigten Vergleiche brachte der Rocket-Chef, als er über die Arbeit der Start-up-Schmiede sprach. „Ich bin ein Bäcker“, sagte Samwer. Er musste den Satz noch einmal wiederholen, das Publikum lachte zunächst. „Ich backe Kuchen aus drei Zutaten: Ideen, Menschen und Kapital.“ Allerdings muss der Geschäftsführer von Deutschlands größter Start-up-Schmiede mit einem Problem leben: „Irgendwo gibt es immer einen Engpass: Manchmal haben wir nicht genügend Ideen, manchmal nicht genügend gute Leute, manchmal nicht genügend Kapital.“ Auch, wenn man kaum glauben mag, dass es einem Samwer angesichts der vielen Finanzierungsrunden seiner vielen Start-ups jemals an Geld mangelt.

Ein junges Unternehmen wachse aber nicht allein durch Geld und Schnelligkeit, sagte Samwer. Man müsse auch ein wenig Glück haben und ein wenig mutiger agieren als die Konkurrenz. Zu Beginn mache ein junges Unternehmen einfach hohe Verluste, so Samwer. Dass der Rocket-Chef dies als normal erachtet, verwundert kaum, kamen doch allein die „Proven Winners“ von Rocket Internet im Jahr 2014 auf einen Verlust von 660 Millionen Euro.

Auch ein Samwer will nicht immer Verluste schreiben

Doch Samwer äußerte sich ungewohnt offen auch dazu, ab wann ein Start-up profitabel werden muss: „Wir glauben nicht an Unternehmen, die nach zehn Jahren immer noch Verluste schreiben.“ Nach ein paar Jahren müsse sich die Neugründung selbst tragen, sagte er.

Ein Fan der großen Bühne wird der charmante Herr Samwer aber wohl auch künftig nicht werden. Als ein Mann aus dem Publikum die fünfte Frage stellt – es sollten eigentlich nur drei sein –, beantwortete sie der mittlere Samwer-Sprößling nur kurz und beendete seinen Auftritt selbst, indem er sich abrupt von der Veranstaltung verabschiedete. Noch während er die Treppen der Bühne hinunter stieg, zerrte er sich das Mikrofon von seinem hellblauen Hemd.