Wenn Start-up-Szene auf Konzernies trifft: Auf der Noah-Konferenz tauschten sich bewährte und aufstrebende Unternehmen darüber aus, wie die nächste digitale Revolution aussehen könnte.

Berlin. Der Albtraum von Henrich Blase heißt Google. „Wissen Sie, warum Google so ein Problem ist?“, fragte der Gründer des Vergleichsportals Check24 bei seinem Vortrag auf der Noah-Konferenz am Dienstag – und beantwortete die Frage gleich selbst: Die Suchmaschine mache Plattformen wie die seine überflüssig.

Blase erklärt das Problem an einem einfachen Beispiel: Reiseplattformen. Früher fand der Nutzer über Google das Vergleichsportal. Heute kommt als erster Treffer ein Vergleichsvorschlag der Suchmaschine selbst. Damit wird Google nicht nur zur Konkurrenz für Vergleichsportale. Das Unternehmen kann auch noch Profit aus dem Wettbewerb schlagen: „Google kann die Werbepreise für die größte Anzeige einfach anheben“, so Blase.

Versicherungen vergleicht der US-Gigant in Deutschland zwar noch nicht. Doch Henrich Blase ist sich sicher, dass es bald so kommen wird. Was dann mit Check24, seinem Vergleichsportal passiert, weiß er noch nicht.

Der nächste „Disruptor“

Mit seiner Geschichte agiert Henrich Blase als eine Art Schnittstelle zwischen Start-up und etabliertem Unternehmen: Er steht vorne als ein Gründer, der selbst einen Markt – in seinem Fall: Versicherungen – aufgerollt hat. Und er steht vorne als ein Unternehmen, dessen Markt von einem neuen Spieler neu aufgerollt werden könnte. Mit Check24 vereint er sozusagen die beiden Extreme der Konferenz: junge, aufstrebende Start-ups wie Kreditech, Babbel oder Blablacar, die mit ihrem Geschäftsmodell revolutionieren wollen, und alteingesessene Konzerne wie die Deutsche Bank, die Lufthansa oder Daimler, die den Anschluss zu verlieren drohen.

Sie alle stellten sich auf der Noah-Konferenz am Dienstag und Mittwoch dieselbe Frage: Welches Unternehmen wird das nächste Google sein? Rund 2250 Teilnehmer waren gekommen, um über den potenziellen nächsten „Disruptor“, wie es auf Start-up-Deutsch so schön heißt, einer Branche zu sprechen.

Denn die Angst vor dem beziehungsweise die Vorfreude auf den nächsten Revolutionär beschäftigen alle Industrien gleichermaßen: Versicherungen, Werbung, Autos, Einzelhandel. Auf der Bühne diskutierten und referierten Politiker, Konzerne, Start-ups und Investoren über die aktuellen Spieler und diejenigen, die sie einmal verdrängen könnten. Wie schnell das gehen kann, zeigte Vergleichsportal Verivox bei seiner Präsentation: Von den Fortune 500 aus dem Jahr 1990 sind 25 Jahre später 70 Prozent verschwunden.

Die Start-ups hoffen, dass sie einmal diejenigen sind, die neu in diese Liste aufrücken werden. Die Konzerne hingegen hoffen, dass sie unter den 30 Prozent sind, die überleben. Auf der Noah-Konferenz nutzten die aufstrebenden Unternehmen ihre zehnminütige Bühnenzeit dementsprechend auch, um sich selbst zu loben: Werbe-Start-ups wie Smaato oder Adtelligence, um die Reichweite ihres Marketings anzupreisen; Smart-Home-Anbieter wie Lofts to Go und One Aim, um mobile Fertighäuser und smarte Türen vorzustellen; Lebensmittelplattformen wie Hellofresh und Delivery Hero, um das Konzept ihrer Lieferdienste zu bewerben.

Von Google wollen alle lernen

Die Konzerne hingegen konzentrierten sich darauf, ihre Probleme mit der Digitalisierung zu schildern – etwa im Fall der Lufthansa – oder den Start-ups eine Zusammenarbeit anzubieten, wie etwa CommerzVentures. Und die Politiker beweihräucherten ihre eigenen Programme und forderten in abgedroschenen Phrasen vieles, aber nichts neues.

Und auch die Themen klangen nicht sonderlich innovativ, sondern fast schon altbacken. Dass das Smartphone und Big Data die Welt verändern, darin schienen sich alle einig. Doch der Frage, ob diese Aspekte nicht eher die heutige Wirtschaft beschreiben und ob sie morgen überhaupt noch ein Thema sein werden, ging niemand nach.

Die wahren Stars der Konferenz kamen denn auch von Ex-Start-ups, wenn man so will; von Unternehmen, die einmal mit einer Idee die Welt revolutionierten, nun aber selbst Konzerne sind: Google-Chairman Eric Schmidt, Huffington-Post-Gründerin Arianna Huffington, Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer. Von ihnen wollten alle lernen. War das Tempodrom bei den Start-up- und Politiker-Vorträgen eher spärlich gefüllt, sprachen die namhaften Unternehmer vor vollem Saal.

Und sie nutzten die Aufmerksamkeit vor allem, um Sympathien zu sammeln. Samwer hatte die Lacher auf seiner Seite, als er sagte, sein Hauptjob sei es, mit der Lufthansa zu fliegen. Eric Schmidt punktete mit witzigen Formulierungen, als er das fahrerlose Auto von Google vorstellte. Bei dem Thema Verkehrstote, deren Anzahl in den USA deutlich über der in Deutschland liegt, sagte der Google-Chairman: „Ihr macht es im Bereich Trinken besser als wir – schockierend!“

„Etwas besser machen als alle anderen“

Anders als die alteingesessen Dax-Konzerne schafften es die jungen Unternehmen, nicht nur die eigenen Probleme darzulegen, sondern sich als Arbeitgeber zu positionieren. Sie machten Angebote, sie umwarben die Start-ups. Oliver Samwer erklärte, Rocket wolle Start-ups immer selbst mitaufbauen. Eric Schmidt sprach die Start-ups gezielt an, er sagte klar, dass Google technikbasierte Gründer suche, die „etwas besser machen als alle anderen“. Und das kam auch im Publikum an.

Denn wenn es um das nächste Google geht, bleibt am Ende die Frage, ob es wirklich ein nächstes Google geben kann. Eric Schmidt verdeutlichte mit seinem Vortrag eines: Der als Suchmaschine gestartete Konzern wird mit in die Zukunftsmärkte gehen, und er wird nicht ein Nachzügler sein, sondern ein „First Mover“. Damit ist er den Start-ups und Großkonzernen schon jetzt einen riesigen Schritt voraus.