Einmal im Jahr lädt die WirtschaftsWoche zur Gründerkonferenz ein. Mit Start-up-Größen wie Frank Thelen und Carsten Maschmeyer werden dort die Trends der Branche diskutiert.

In diesem Jahr heißt die Veranstaltung “Neumacher meets Weltmarktführer”. Immer öfter kooperieren Start-ups und Unternehmen, denn beide können viel voneinander lernen und von den Stärken des anderen profitieren. Allerdings ist die Zusammenarbeit nicht immer einfach.

Im Hamburger Theater Kehrwieder schildern Unternehmer und Gründer ihre Erfahrungen und diskutieren, wie man einen Clash der Kulturen vermeidet. Zu den Sprechern gehören die Investoren Frank Thelen und Carsten Maschmeyer; der frühere Telekom-Chef und Partner bei Warburg Pincus, René Obermann; Ratepay-Gründerin Miriam Wolfahrt, Kreditech-Chef Alexander Graubner-Müller; Otto-Vorstand Marc Opelt; Sina Gritzuhn, Geschäftsführerin von Hamburg Start-ups; Thorsten Streppelhoff, Vorstand bei Edding und Carina Röllig, Gründerin von Webdata Solutions.
Am Abend wird dann der Sieger des WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs Neumacher gekürt. Der Preis wird zum zehnten Mal ausgeschrieben, ins Finale geschafft haben es Green City Solutions, Peat, Landpack, Park Here, Inveox und GridX.

10.15 Uhr

Otto ist einer der ganz großen Player im Onlinehandel. Zwischen 2008 und 2009 verkauften die Hamburger erstmals mehr im Netz als über den traditionellen Katalog. Trotzdem ist die digitale Transformation ein langwieriger und andauernder Prozess. Die größte Herausforderung ist es dabei, die Mitarbeiter mitzunehmen. “Angst vor kulturellen Veränderungen gibt es in Unternehmen so wie in der ganzen Gesellschaft”, sagt Vetriebsvorstand Marc Opelt.

Anregungen holt sich der Konzern im Silicon Valley und durch Beteiligungen seines Investmentarms e.ventures. “Wir haben davon vor allem Agilität gelernt”, sagt Opelt, “also auch mal schnell eine Lösung zusammenschrauben und dann verbessern, verbessern, verbessern.”

10.45 Uhr

Bei Edding ist Corporate Innovation Managerin Vanessa Schmidt dafür zuständig, Neuerungen jenseits der bekannten Marker zu entwickeln. So entstehen Produkte, die man von einem Unternehmen wie Edding wohl nicht erwartet. Zum Beispiel: Nagellack.

11.30 Uhr

Elvir Omerbegovic ist ein erfolgreicher deutscher Musikunternehmer. Wie er es schaffte aus einer Sozialwohnung in der Nähe von Düsseldorf zu einem erfolgreichen Unternehmer zu werden, erzählt er bei der Neumacher-Konferenz. “Ich wäre auch gerne Präsident”, aber Universal Music Deutschland hatte schon einen. Nun hat er den Titel “President of Rap”. Der Titel soll aber zeigen, dass die Gespräche auf Augenhöhe stattfinden.

11.45 Uhr

“Im Hiphop sind alle unstrukturiert und kiffen”, sagt Omerbegovic . Das kannte der Leistungssportler so überhaupt nicht. Respekt vor der deutschen Musikbranche hatte er nicht, wahrscheinlich macht das seinen Erfolg aus. Der Unternehmer ist nicht nur in der Musikindustrie aktiv. Gemeinsam mit einem Partner hat er alkoholisches Eis entwickelt – und ging mit Suckit in die Höhle der Löwen. Die Löwen fanden: Tolle Gründer, ein vielversprechendes Produkt. Warum trotzdem niemand investierte.

Mit der Musik will er seiner Leidenschaft folgen: “Irgendwann kommt man an den Punkt, wo man entscheiden kann, was wichtiger ist: Geld oder Zeit. Und mir ist meine Zeit wichtiger.”

11.55 Uhr

“Als Kind habe ich mich nicht klein gefühlt, obwohl ich in einem Sozialbau groß geworden bin. Aber ich kannte Dinge, die andere nicht kennen gelernt haben”, sagt er. “Was ich davon mitgenommen habe: Ich habe eine ziemlich gute Menschenkenntnis und kenne jetzt einen Gangster genauso wie einen Millionär.”

12.05 Uhr

Nach einem eigenen Start-up und Vorstandschef bei der Deutschen Telekom ist René Obermann mittlerweile Partner und Managing Director bei “Warburg Pincus und Supervisory Board Member bei Thyssen Krupp und CompuGroup. “Führungskräfte müssen mehr an die Ängste ihrer Mitarbeiter denken – das geschieht zu wenig”, sagt er. Denn die zunehmende Digitalisierung und Komplexivität könne Arbeitsplätze kosten, und werde vor allem hochqualifizierte Menschen brauchen. “Warum zahlen wir einen Soli, wo wir nicht wissen, wo das Geld hingeht und investieren das Geld nicht einen Bildungssoli für die MINT-Ausbildung.”

12.15 Uhr

Unternehmen werden dann angegriffen, wenn sie neue Technologien nicht nutzen – und Daten nicht analysieren. “Viele Unternehmen schmeißen die Daten sogar weg”, sagt René Obermann. Aber welche Branche als nächstes Probleme bekommt, ist bislang noch unklar. Die Problematik in der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Start-up ist, dass Unternehmen oft nicht die Bedürfnisse junger Gründer verstehen. Während der etablierte Konzern Zeit hat, läuft sie den Start-ups davon.

12.25 Uhr

Open Innovation war bei der Telekom verhasst. Wann immer es zur Entscheidung “Make or Buy” kam, entschied man sich für “Make”. Die Angst: Andere machen es mit weniger Mitarbeitern. “Die meisten Firmen sind nicht gefährdet, weil sie zu früh reagieren, sondern zu spät”, sagt René Obermann.

12.35 Uhr

“Natürlich hat jeder seine eigene Telekom-Geschichte. Aber das Unternehmen ist eine der erfolgreichsten Marken in Europa – und das muss man auch anerkennen.” Zurück auf den Posten möchte er trotzdem nicht: “Die Telekom hat momentan genau den richtigen CEO.” Und er arbeitet zwar immer noch sehr viel, aber steht nicht mehr so viel in der Öffentlichkeit. “Das kann auch ganz entspannt sein.”

12.45 Uhr

“Banking ist notwendig, Banken sind es nicht”, hat einst Bill Gates gesagt. Wie Fintechs den Markt verändern, ist nun Thema. Wikifolio-Gründer Andreas Kern hat nichts weniger vor, als “die Demokratisierung der Geldanlage”. Ähnliches macht ein Hamburger Start-up für Darlehen: Kreditech gibt durch neuartiges Rating Kredite an Leute, die sonst keine bekommen. Dabei fließen mehr als 1000 Variablen in die Entscheidung ein. Im vergangenen Jahr erzielte das Start-up über 50 Millionen Umsatz.

12.53 Uhr

Eigentlich war der Fintech-Hype vorhersehbar. “Die Entwicklung hat sich seit langem abgezeichnet”, sagt Ratepay-Gründerin Miriam Wolfahrt, “PayPal gibt es ja nun schon fast 20 Jahre.” Was man von den Amerikaner lernen könne: “Wir müssen unsere Produkte cooler benennen”.

Trotzdem müssen Fintechs den Banken nicht zwingend Geschäft streitig machen. “Viele Banken haben noch einen hohen manuellen Aufwand bei der Kreditvergabe”, sagt Kreditech-Chef Alexander Graubner-Müller. Kredite zwischen 1000 und 2000 Euro lohnen sich daher nicht. “Insofern sind wir komplementär”.

13.05 Uhr

Trotzdem sehen die Start-ups noch viele Innovationshürden bei den Banken. Graubner Müller erzählt, dass die Fluktuation auf der Position des Chief Digital Officers enorm hoch ist. Die meisten, die von Internetunternehmen dort hin wechseln, würden nach zwei Jahren entnervt wieder aufgeben. In den Führungsetagen fehlen oft Verständnis und Unterstützung für innovative Veränderungen. “In welcher Bank sitzt auf Vorstandsebene ein Informatiker?”, fragt Wohlfahrt, “viele verstehen doch gar nicht, was gerade technisch abgeht.”

14.30 Uhr

Accelerator und Inkubatoren – Wie Unternehmen neue Energie tanken. Darum geht es nun in einer “Breakout Session”. Das Motto des E.On-Accelerators: “Fail fast und lerne daraus.” In der zweiten Breakout Session sprach Benjamin Brüser über fünf Jahre zwischen Innovation und Disruption – von Startups und Weltkonzernen. Er hat vor vier Jahren Emmas Enkel gegründet, das mittlerweile in der Hand der Metro ist.

16.00 Uhr

Start-ups müssen ihre Ideen schnell und präzise vor Investoren präsentieren können. In unserem Tech Slam stellen vier Gründer ihre Geschäftsidee vor – und bekommen dafür von der Expertenrunde mit Sina Gritzuhn (Hamburg Startups), Oliver Lücke (Jungheinrich AG) und Christian Heise (Google DNI Innovation Fund) vor.

Es startet Carina Röllig, eine von drei Gründerinnen von Webdata Solutions, einem Start-up, das B2B-Kunden bei Big Data hilft.

16.31 Uhr

Nun kommt Nicolas Chibac, Gründer von Spherie. Das Start-up baut die nach eigener Aussage erste Drohne für 360-Grad-VR-Filme.

Benjamin Köhnsen hat Lampuga entwickelt: Ein aufblasbares Elektrosurfboard. Eines haben sie schon an Mario Götze vergeben – und dürfen im Gegenzug einen Werbespot mit ihm machen.

16.55 Uhr 

Dafür macht die Bürokratie ab und an Ärger: “E-Mobilität auf dem Wasser ist eine Katastrophe, Deutschland ist völlig überreguliert”, sagt Köhnsen.

18.02 Uhr

Nun kommen die “Löwen”. “Ich war enttäuscht, dass ich nicht mehr investieren konnte”, sagt Carsten Maschmeyer. Und legt die Latte für die nächste Staffel gleich ganz hoch: “Ich hoffe in der nächsten Staffel auf Deals von fünf oder zehn Millionen.”

“Wir suchen alle nach dem neuen Facebook oder Apple”, sagt Maschmeyer. Um es zu finden sollte man einen möglichst breiten Fokus haben.

18.11 Uhr

Frank Thelen erklärt, warum er oft zu den Gründern zu hart ist: “Wenn Start-ups schlecht vorbereitet sind ärgert mich das, weil sie anderen den Slot klauen.” Gründen dürfe kein Hype werden, wo jeder denke, er kann easy eine App rausschiessen und reich werden.

18.19 Uhr

Maschmeyers wichtigstes Entscheidungskriterium für Investitionen: “Wollen viele Leute das Produkt kaufen?” Genauso wichtig sind die Gründer. “Die dürfen unsympathisch sein, aber nicht unfähig”, sagt Frank Thelen.

18.29 Uhr

Frank Thelen hat wenig Zeit für neue Deals. Dafür berät er seine Beteiligungen intensiv: “Ich kommuniziere mit jedem bestimmt vier Mal pro Woche.” Carsten Maschmeyer hat dafür ein Team von 20 Leuten. Anstrengend sind für Thelen Pitches an der Bar. Er versucht immer freundlich zu sein, daher falle es ihm bei Ideen, die nicht überzeugen, schwer klar zu sagen, dass er garantiert nicht nochmal anrufen wird.

18.35 Uhr

Dabei liegt man natürlich auch oft schief. “Ich hätte nie in Airbnb investiert”, sagt Thelen. Der Grund: Die Gefahr, dass die Wohnungen verwüstet werden und das Modell nicht funktioniert, sei zu hoch. Maschmeyer hat gerade einen 100- Millionen-Anteil an Airbnb für 105 Millionen angeboten bekommen und abgelehnt: “Ich halte die Bewertung für zu hoch”. Und das gelte für viele US-Unicorns. “Wir haben da eine Bubble, die platzen wird”.

18.48 Uhr

Nun wird der erste Preis vergeben: Der Kölner Kofferhersteller Rimowa wird als “Digitaler Pionier” ausgezeichnet. Den Preis gibt es für einen smarten Koffer, der automatisch eingecheckt kann. Dazu werden die Daten auf ein Display übertragen. Bisher geht das mit der Lufthansa-App und spart die Kofferschlange.

19.02 Uhr

Seit zehn Jahren gibt es nun schon den Gründerpreis der WirtschaftsWoche. Jetzt berichten drei der früheren Gewinner, wie sich ihr Start-ups seither entwickelt haben. 2009 hat Michael Bruck mit Chocri und individualisierter Schokolade gewonnen. “Wegen des Gründerpreis haben uns viele Leute angerufen und wir haben einige Mitarbeiter gefunden”, sagt Secomba-Gründerin Andrea Pfundmeier. Auch Anna Rojahn, Gründerin von Fast Forward Imaging hat dadurch “unsere beste Mitarbeiterin” gefunden. Bei Chocri kam dadurch sogar ein Deal mit Ritter Sport zustande.

19.14 Uhr

Einen noch größeren Schub als Snowdens NSA-Enthüllungen hat Secomba Apples iCloud-Affäre gegeben, als viele Nacktbilder von Promis im Netz standen. Doch inzwischen treiben Datenskandale Kunden kaum noch zu Datensicherheit und Verschlüsselung. “Viele Leute stumpfen ab”, sagt Pfundmeier.

Sie rät zudem anderen Gründern, möglichst wenig Angst zu haben. Viele Dinge kommen sowieso anders als man denkt.

19.23 Uhr

“Die Jurysitzungen für den Preis sind immer ein Highlight in meinem Jahr”, sagt WirtschaftsWoche-Chefredakteurin Miriam Meckel. In disem Jahr haben es Green City Solutions, Peat, Landpack, Park Here, Inveox und GridX ins Finale geschafft.

Der zweite Platz geht an Peat. Das Start-up hat eine App entwickelt, die Pflanzenkrankheiten anhand von Fotos erkennt. Die App Plantix identifiziert inzwischen mehr als 60 Krankheiten. Deren Anzahl und die Qualität der Bilderkennung verbessern, sich durch die selbst lernende Software ständig.

19.30 Uhr

Den Sieger zeichnen mehrere Dinge aus: Mut, Hartnäckigkeit und der Glaube daran, dass die eigene Idee ein bisschen die Welt verändern kann. Erst einmal will das Start-up dem Online-Lebensmittelhandel auf die Sprünge helfen, denn der produziert einen unschönen Nebeneffekt: Verpackungsmüll. Schlimmer noch als die Massen an Kartons sind dabei die Berge von Styropor. Um die gepressten weißen Perlen herzustellen, ist Erdöl notwendig, das Recycling ist kompliziert. Landpack aus Puchheim bei München hat eine ökologische Alternative entwickelt – es ersetzt Styropor durch Stroh. Das ist durch zahlreiche Luftkämmerchen ein idealer Dämmstoff.

“Wir dachten selbst, dass muss es doch schon geben”, sagt Patricia Eschenlohr. Doch fand kein Patent. Denn Boxen aus Stroh zu fertigen ist nicht so einfach. Landpack musste dafür eigene Maschinen entwickeln.