Die sechs Finalisten des WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs Neumacher zeigen die Vielfalt der deutschen Gründerszene.
Das Interesse war so groß wie noch nie: Mehr als 280 Start-ups haben sich beim Gründerwettbewerb Neumacher beworben, den die WirtschaftsWoche zum neunten Mal ausgeschrieben hat. Nach eingehender Prüfung wählte der High-Tech-Gründerfonds (HTGF) davon die 20 vielversprechendsten Jungunternehmen aus. Das Spektrum der Ideen war groß: von Sicherheitstechnik für Industrieanlagen über Geldanlage per Algorithmus bis hin zu Rotoren für Windkraftanlagen aus Holz und Carbon.

Eine hochkarätige Jury, zu der unter anderem der bekannte Investor Christophe Maire, Entrepreneurship-Professor Tobias Kollmann, die Partnerin der Werbeagentur thjnk Karen Heumann oder GFT-Chef und Bitkom-Vizepräsident Ulrich Dietz gehören, analysierten die Businesspläne und entschieden sich für fünf Finalisten. Ein sechstes Start-up wählten die Leser der WirtschaftsWoche in einer Onlineabstimmung.

Die Finalisten zeigen, dass deutsche Gründer weit mehr können, als Apps bauen oder einen Onlineshop zu starten. Besonders bemerkenswert: Gleich vier der sechs Teams sind Hardware-Start-ups, die handfeste Dinge wie tragbare Wasserkraftwerke, Carbonbeton, neue Batterien oder intelligente Handschuhe entwickeln. Zwei Teams kommen aus der Start-up-Hauptstadt Berlin, drei der Start-ups sitzen hingegen in Bayern.

Der Sieger wird am 17. November auf der Neumacher-Konferenz in Hamburg gekürt. Neben einem Startkapital von 10.000 Euro erhält das Unternehmen wertvolle Sachleistungen: Die Experten der Agentur thjnk beraten bei der Markenstrategie, der HTGF coacht die Sieger, und die internationale Anwaltskanzlei Olswang steht für Rechtsfragen zur Verfügung.

Aquakin – Mobiles Wasserkraftwerk

Das Start-up aus Fürth hat das wohl kleinste Wasserkraftwerk der Welt entwickelt. Es hat den Durchmesser eines Tellers, wiegt 400 Gramm und passt in jeden Rucksack. Outdoor-Fans können es beispielsweise in einen Fluss legen und so ihr Smartphone aufladen. Aber auch für Einsätze in Katastrophengebieten oder Entwicklungsländern ist das Wasserkraftwerk namens Blue Freedom interessant. Darüber hinaus entwickelt das Start-up noch verschiedene andere Typen, beispielsweise eine Turbine für Wasserrohre. „Weltweit fließen in Millionen Rohren unvorstellbare Mengen an Flüssigkeit von oben nach unten“, sagt Aquakin-Chef Benedikt Schröder. „Doch nirgendwo wird die darin vorhandene Energie zur Stromerzeugung verwendet.“ Das will das Start-up ändern.

CarboCon – Beton mit Carbon

Die drei Dresdner sind das Gegenteil vom gängigen Gründerklischee: Sie tragen weder hippe Bärte, noch arbeiten sie von einem Berliner Loft aus am nächsten großen Ding. Klaus Raps ist 55 Jahre alt, Manfred Curbach 59 und Ulrich Assmann 59 Jahre alt. Doch statt an die Rente zu denken, entwickeln sie in Dresden einen möglichen Werkstoff der Zukunft: Carbonbeton soll den seit Jahrzehnten verbreiteten Stahlbeton ablösen. Dessen Schwächen zeigen sich bei zahlreichen maroden Brücken, deren Stahlgitter vom Rost angefressen sind. Die Gründer von CarboCon sind Spezialisten auf dem Gebiet. Raps war mehr als fünf Jahre im Vorstand des Baukonzerns Bilfinger. Curbach leitet seit 1994 das Institut für Massivbau an der TU Dresden und forscht seit 20 Jahren an Beton, der mit Textil- oder Carbonfasern verstärkt wird. Da das Material stabiler ist, können Wände dünner werden und Architekten neue, filigranere Formen entwerfen. Zudem soll das Material die Umwelt schonen: Die Zementherstellung verursacht bis zu vier Prozent des weltweiten CO 2 – Ausstoßes. Setzt sich das neue Material durch, könnte das den Anteil senken.

Trecker.com – App auf dem Acker

Im Allgemeinen gilt die Landwirtschaft nicht als digitaler Vorreiter. „Viele Landwirte nutzen noch Berge von Zetteln“, sagt Benedikt Voigt, Gründer von Trecker.com. Er und sein Mitgründer Miro Wilms wollen diese Zettelwirtschaft durch Apps und Software ersetzen. Die Berliner bieten den Bauern ein Managementsystem an, mit dem sie von den Arbeitszeiten bis zum Einsatz von Düngemitteln die wichtigsten Daten digital erfassen können. Damit erfüllen sie zum einen die gesetzlich erforderlichen Dokumentationspflichten, erhalten andererseits aber auch Kennzahlen, um die Felder effizienter zu beackern.

Volders – Verträge verwalten

Fast 2500 Nutzer haben online darüber abgestimmt, welches Start-up ins Neumacher-Finale einziehen soll. Mit Abstand die meisten Stimmen bekam Volders, das zu diesem Zeitpunkt noch Vertragslotse hieß. Die Berliner haben sich gerade erst umbenannt, denn aus dem Kündigungsdienst für Verträge soll eine Plattform werden, auf der die Nutzer sämtliche Papiere digital verwalten können. „Die wichtigsten Zahlen, wie Laufzeiten, Kündigungsfristen und monatliche Kosten, werden da einsehbar“, sagt Gründer Jan Hendrik Ansink. Zudem sollen Nutzer vergleichen können, ob sie das günstigste Angebot nutzen und bei einem Vertragswechsel auf Alternativen hingewiesen werden.

ProGlove – Smarter Handschuh

Thomas Kirchner will die Arbeit in Fabriken und am Fließband optimieren. Der Münchner entwickelt mit seinem Start-up ProGlove einen elektronischen Handschuh, der seinem Träger helfen soll, schneller und genauer zu arbeiten. Das funktioniert so: In dem orange-grauen Handschuh ist ein Scanner integriert, mit dem Werkstücke automatisch erfasst werden können. „Arbeiter brauchen keinen zusätzlichen Handscanner mehr, das spart jedes Mal drei, vier Sekunden“, sagt Gründer Thomas Kirchner. In Fabriken und Lagern summiere sich das schnell. Auch ein Bewegungssensor und ein Display werden eingebaut – damit sollen die Arbeiter direkt auf Fehler hingewiesen werden. Derzeit gibt es einen Prototyp und 15 Pilotprojekte bei großen Unternehmen aus der Autobranche sowie Logistikzentren für den Onlinehandel. Anfang kommenden Jahres soll dann eine erste ProGlove-Version regulär auf den Markt kommen.

Invenox – Bettere Batteriespeicher

Der VW-Skandal hat allen vor Augen geführt, an welche Grenzen die Entwickler von Autos mit traditionellen Verbrennungsmotoren stoßen. Die Zukunft soll elektrisch sein, doch noch begrenzen hohe Kosten und geringe Reichweite der Batterien den Erfolg im Massenmarkt. Die Gründer von Invenox aus Garching bei München wollen das ändern. Schon während des Studiums der Fahrzeugtechnik an der TU München haben sie begonnen, die sogenannte Conchifera-Technologie zu entwickeln: Statt Batteriezellen einzeln zu verschweißen, werden sie zwischen Aluminiumplatten verklemmt. Die Produktion geht schneller, zudem können die Akkus über die Platten direkt gekühlt werden. Das erhöht die Energiedichte, da bislang übliche Kühlschläuche wegfallen. „Die Reichweite eines BMW i3 könnte so verdoppelt bis verdreifacht werden“, sagt Gründer Richard Eckl.

Wenn Sie an der Neumacher-Konferenz teilnehmen möchten, bewerben Sie sich jetzt unter: neumacher.com/anmeldung