Streaming statt Sportstudio – in der Krise stellte Urban Sports Club sein Geschäftsmodell auf den Kopf. Was davon bleiben wird, berichtet Mitgründer Benjamin Roth.

Viele Jahre ging es für viele Start-ups aufwärts, dann kam die Coronakrise. Nach langen Wochen mit Kontaktbeschränkungen, lahmgelegten Betrieben und Homeoffice können Gründer, Mitarbeiter und Investoren nun wieder loslegen und müssen sich erneut sortieren. In unserer Sommerserie fragen wir Akteure aus dem Start-up-Ökosystem, wie die neue Normalität für sie aussieht – und wie sie die vergangenen Wochen überstanden haben.

Heute berichtet Benjamin Roth, Mitgründer von Urban Sports Club. Das Start-up ermöglicht seinen Nutzern, ganz verschiedene Sportangebote für einen Pauschalbetrag zu nutzen. In den vergangenen Jahren ist das junge Unternehmen stark gewachsen – auch durch zahlreiche Übernahmen.

In dieser Serie waren zuvor bereits die Start-ups Spendesk, Xentral, Getsafe, Inhubber und Coachhub sowie der Investor Acton Capital zu Gast.

Herr Roth, was wird nach der Krise anders bleiben?
Mit unseren 12.000 Partnern aus der Sport- und Fitnessbranche in Deutschland und Europa haben wir sehr schnell reagiert und unser  Geschäftsmodell angepasst. Wir hatten unsere flexible Sportmitgliedschaft mit mehr als 50 Sportarten zeitweise auf 100% Online umgestellt – soweit das möglich war. Jetzt geht es darum, mit einem Hybrid-Modell, also einer Mitgliedschaft, die sowohl Sport in Studios als auch Zuhause ermöglicht, sicheres Training anzubieten und unsere Mitglieder zu Bewegung zu motivieren. Die Hygienevorschriften sind für viele Studios oder  zum Beispiel Anlagen mit Pool aus Kostengründen und Platzmangel nur schwer umsetzbar. Sportstätten waren lange geschlossen. Hier liegt die Diskrepanz – denn wir sind Teil der Lösung in dieser Pandemie. Die Stärkung des Immunsystems, körperliche und geistige Gesundheit durch Sport und Bewegung sind und bleiben ein Megatrend. Vor allem Prävention. Nur die Art und Weise, wie wir Sport treiben, verändert sich.

Was haben Sie in den Wochen der Krise für Ihr Unternehmen gelernt?
Es kommt auf Lösungsorientiertheit und Zusammenhalt an. Die Krise hat unser Team sehr zusammengeschweißt. Wir haben unser Businessmodell pivotiert, um einen Turnaround in der Krise zu schaffen und innerhalb von Tagen mit Online-Live-Kursen und mit einem Solidaritätsfonds für Partner reagiert. Wir können die Online-Kurse jetzt als sinnvolle Ergänzung in unser Produkt integrieren. Einer unserer internen Unternehmenswerte heißt Surf on the wave of change” – mein Mitgründer Moritz und ich hätten nicht gedacht, dass wir ihn eines Tages so sehr brauchen würden! Wir haben gelernt, dass uns die Agilität, die wir in frühen Start-up-Tagen nahezu täglich gebraucht haben, nicht abhanden gekommen ist. In einer Krise muss man schnell und dauernd auf neue Gegebenheiten reagieren und den Kurs viel öfter anpassen. Das geht aber nur gut, wenn das Fernziel weiterhin sichtbar bleibt. Es zahlt sich aus, in das Vertrauen der Mitarbeitenden zu investieren und Werte zu etablieren, weil die Reaktion sich in Krisensituationen zeigt. Mein Mitgründer Moritz und ich waren überwältigt, wie unser Team sich eingebracht hat und die Einzelnen sich persönlich für Lösungen verantwortlich gefühlt haben. Wir konnten etwa 90% unserer Mitarbeitenden halten, aber viele sind seit Monaten in Kurzarbeit. Das ist für uns alle nicht leicht und wir gehen hier gemeinsam durch.

Wie haben Sie die Krise gespürt?
Im März ging es los, als alle unsere Partnerstandorte in Europa geschlossen wurden. Italien kam zuerst, aber wir haben aus ersten Erfahrungen dort direkt Lehren für  Deutschland gezogen. Für unsere Partner, Mitglieder und uns alle waren Online-Live-Kurse und das Live-Streamingmodell ja neu. Wir haben über Webinare und Softwareberatung Partner unterstützt, sie viel beraten und dazu gelernt. Zwischenzeitlich hatten wir bis zu 1200 Partner, die Kurse online gestreamed haben. Bis heute haben wir 142.000 Online-Live-Kurse über unsere Plattform angeboten.

Und wie geht es Urban Sports Club jetzt?
Bis 2020 ging es mit Urban Sports Club immer nur bergauf. Unser Geschäft hat sich seit 2012 jedes Jahr verdoppelt oder sogar verdreifacht, dann kam der  Wachstumsstopp, aus dem wir uns jetzt gemeinsam herausarbeiten müssen. Wir hatten mehr als 50% unserer Mitglieder in der Sofort-Covid-Pause. Jetzt holen wir sie zurück und motivieren sie zum Training. Wir erwarten ein Aufatmen der Sportbranche, wenn die Situation stabil bleibt. Intern kamen unsere Mitarbeitenden laut Umfragen im Homeoffice alle gut zurecht, aber die Kolleginnen und Kollegen, das gemeinsame Training und Events fehlen – wie unseren Mitgliedern und Partnern. Erste Studio- Wiedereröffnungen waren sehr emotional: Meine Mitarbeitenden haben mir erzählt, dass es Applaus und Tränen beim ersten Training vor Ort für die Trainer beim Krav Maga und im Yogastudio gab. Für die Sportbranche heißt es wie für andere auch, dass wir durch den Digitalisierungsschub der letzten Monate in etwa fünf Jahre übersprungen haben. Jetzt ist es eine Selbstverständlichkeit für tausende von Trainerinnen und Trainer, ihre Kurse live zu streamen und eine Studioverwaltungssoftware mit all ihren Features zu nutzen. Wir spüren durch die Nachfrage, dass eine flexible Sport-Flatrate gerade in diesen Zeiten gefragt ist – mehr denn je. Bleibt alles wie es ist, erwarten wir eine schnelle V-förmige Erholung unserer Umsätze bis zum ersten Quartal 2021. So können wir unsere Partnerstudios beschleunigt zu alter Stärke führen.

 

Weitere Folgen

Spendesk: „Der persönliche Austausch fehlt doch“

Xentral: „Von reinem Remote-Working halten wir nichts“

Acton Capital: „Die letzten Monate waren auf Effizienz, nicht auf Inspirationen getrimmt“

Getsafe: „Nach dem Tischkickern muss desinfiziert werden”

Inhubber: „Konzerne interessieren sich jetzt für uns“

Coachhub: „Was vorher unmöglich war, ging plötzlich“