Eine frisch abgeschlossene Finanzierung sorgte in der Corona-Krise für etwas Ruhe – dennoch krempelte das französische Start-up Spendesk einiges um.

Viele Jahre ging es für viele Start-ups aufwärts, dann kam die Corona-Krise. Nach langen Wochen mit Kontaktbeschränkungen, lahmgelegten Betrieben und Homeoffice können Gründer, Mitarbeiter und Investoren nun wieder loslegen und müssen sich erneut sortieren. In unserer Sommerserie fragen wir Akteure aus dem Start-up-Ökosystem, wie die neue Normalität für sie aussieht – und wie sie die vergangenen Wochen überstanden haben.

Heute berichtet mit Rodolphe Ardant der Gründer des französischen Start-ups Spendesk. Das Digitalunternehmen, das auch mit einem Büro in Berlin vertreten ist, hilft kleinen Unternehmen bei der Abrechnung von alltäglichen Ausgaben.

In dieser Serie waren zuvor bereits die Start-ups Xentral, Getsafe, Inhubber und Coachhub sowie der Investor Acton Capital zu Gast.

Herr Ardant, was wird in Ihrem Unternehmen anders bleiben?
Bei Spendesk glauben wir an die Autonomie von Mitarbeitern sowie Vertrauen und Transparenz. Deshalb haben wir eine dezentralisierte Organisationsstruktur, in der Mitarbeiter selbständig arbeiten und Entscheidungen treffen können. Das hat sich bewährt in den letzten Monaten, wenn alle remote arbeiten, und wir wollen das in jedem Fall beibehalten. Wir öffnen unsere Büros langsam wieder, damit Mitarbeiter zurückkommen können, wenn sie wollen. Aber wir lassen allen Spendeskern die Wahl, von wo aus sie diesen Sommer arbeiten wollen. Langfristig werden wir sehen, wie sehr wir am Office hängen oder nicht. Was Produktivität und Effizienz angeht, ist Remotearbeit sicher kein Nachteil für uns, aber wir bekommen viel Feedback aus dem Team, dass der persönliche Austausch doch fehlt.

Wie läuft es heute für Spendesk?
Wir konnten zuletzt sehr positive Trends beobachten: auf wöchentlicher Basis seit Beginn des Lockdowns; und vor allem wachsen wir seit April weiter jeden Monat. Natürlich wird es weiterhin Unsicherheit geben in den kommenden Monaten und man muss sehen, wie sich die allgemeine wirtschaftliche Situation mittelfristig entwickelt. Aber mit ausreichend Kapital (wir hatten unsere Series B mit 35 Millionen Euro Ende 2019) sind wir in einer guten Position, in naher Zukunft auch wieder schnelleres Wachstum zu erzielen.

Wie haben Sie auf die Krise reagiert?
Spendesk hat bereits eine Woche vor dem Lockdown in Frankreich (17. März) alle Büros geschlossen (Paris, Berlin, London, San Francisco) und komplett remote gearbeitet. Zu diesem Zeitpunkt haben wir also in den Krisenmodus geschaltet. Natürlich gab es viel Ungewissheit überall zu Beginn für Menschen und Unternehmen, auch für uns. Aber es gab schon viele Krisen zuvor und irgendwie geht es immer weiter. Häufig werden in solchen Situationen auch die Karten neu gemischt und Menschen entwickeln sich weiter durch das, was sie gelernt haben. Aber speziell in solchen Zeiten der Ungewissheit bestimmen unsere Handlungen, an was man sich später erinnern wird.

Deshalb war es für mich wichtig, dass wir wirklich zuerst verstehen, was genau passiert und wie unser Unternehmen beeinflusst wird, bevor wir Entscheidungen mit langfristigen Auswirkungen treffen. Es ging für alle bei Spendesk darum, so schnell wie möglich zu lernen. Als erstes haben wir einen Aktionsplan für die Mitarbeiter entwickelt, um das Team in dieser schwierigen Phase zu unterstützen, etwa mit einem monatlichen Budget für Aktivitäten, die der mentalen Gesundheit helfen – zum Beispiel Sport, Meditation oder Coaching. Auch haben wir das Messaging und unseren Sales-Prozess angepasst, um das Neugeschäft trotz der schwierigen Situation voranzutreiben. Und auf der finanziellen Seite mussten wir ein Reforecasting basierend auf verschiedenen Szenarien vornehmen, da zu diesem Zeitpunkt keiner einschätzen konnte, wie sich die Krise genau auswirken würde. Insgesamt sind wir als Start-up aber in einer glücklichen Situation mit ausreichend Finanzierung und genug Agilität in unserer Arbeitsweise, um wirklich zu überlegen, was langfristig am meisten Sinn macht für uns und nichts zu überhasten.

Wie hat der wirtschaftliche Stillstand auf Ihr Start-up gewirkt?
Wir haben den wirtschaftlichen Einfluss vor allem bei den Ausgaben von Kunden über unsere Plattform gesehen: Ohne Dienstreisen, Konferenzen und Events hatten wir hier plötzlich einen Einbruch von 50 Prozent – auch wenn gleichzeitig die Ausgaben für Software-Abos gestiegen sind, etwa für Videodienste. Dieser Einbruch bei den Ausgaben hat unseren Umsatz natürlich negativ beeinflusst und auch das Neugeschäft lief schleppend zunächst mit der großen Unsicherheit für Unternehmen. Aber mit unserem Abomodell ist das Geschäftsmodell insgesamt sehr widerstandsfähig und wir haben sehr positive Trends gesehen: Wir haben kaum bestehende Kunden verloren, unser Service wurde häufig viel schneller implementiert als zuvor – und es gibt viele Unternehmen, die plötzlich nach Lösungen suchen, um ihre Finanzprozesse remote zu organisieren, mit einem Wandel weg von traditionellen Zahlungsmethoden hin zu mehr Onlineausgaben.

Welche staatlichen Instrumente konnten Sie nutzen?
Wir haben die PGE (Prêt garanti par l’État) Initiative in Frankreich genutzt, das sind staatlich garantierte Kredite, um die Bilanz während der Krise zu stärken. Aber wir haben keine Kurzarbeit eingeführt, weil wir das ganze Team an Deck brauchen, um unseren Plan zu verfolgen.

Wofür haben Sie die akute Krisenzeit als Start-up genutzt?
Wie schon erwähnt, war unser oberstes Ziel, dass alle Spendesker gesund, motiviert und glücklich bleiben. Das gilt auch vor allem für die neuen Mitarbeiter – wir haben zirka 30 Leute begrüßt während des Lockdowns –, für die das Onboarding natürlich viel schwieriger war als normalerweise. Als technikaffines Start-up sind wir in einer vergleichweise guten Position, da wir einfach remote arbeiten können mit den bereits bestehenden Tools und Prozessen. Aber trotzdem mussten wir einige neue Routinen einführen, um den Teamspirit hochzuhalten, wenn wir nicht gemeinsam im Büro sein können. Wir haben intern viel mehr kommuniziert als zuvor, wir haben viele digitale Treffen organisiert mit Kaffee, Bier und Spielen, und wir haben das gesamte Onboarding inklusive Workshops und dem Kennenlernen des Teams digitalisiert.

Weitere Folgen

Spendesk: „Der persönliche Austausch fehlt doch“

Xentral: „Von reinem Remote-Working halten wir nichts“

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Getsafe: „Nach dem Tischkickern muss desinfiziert werden”

Inhubber: „Konzerne interessieren sich jetzt für uns“

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